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Brandstifterprozess geplatzt

Zwei Meißner sollen mehrere Brände mit hohem Sachschaden gelegt haben. Doch vor Gericht gab es eine Überraschung.

Auch hier im Waldschlößchen Röderau sollen die Angeklagten gezündelt haben.
Auch hier im Waldschlößchen Röderau sollen die Angeklagten gezündelt haben. © Sebastian Schultz

Dresden/Meißen. Tag 2 im Brandstifterprozess vor dem Amtsgericht Dresden. Den Angeklagten S. und D. aus Meißen wird vorgeworfen, mehrere Brände im Landkreis gelegt zu haben. Sie sollen mit zwei anderen Tätern, gegen die getrennt verhandelt wird, zwei Tage vor Weihnachten 2017 Feuer in der Lagerhalle des Weinböhlaer Möbelhauses Hülsbusch am Ehrlichtweg gelegt haben. Dabei wurden auch Umzugswagen des Karnevalsvereins Weinböhla angezündet.

Auch die Lagerhalle wurde schwer beschädigt. Es entstand ein Sachschaden von rund 90.000 Euro. Im August 2018 sollen die Angeklagten in einem Mehrfamilienhaus in Meißen an der Leipziger Straße ein Sofa angezündet haben. Die Möbel in der Wohnung fingen dadurch ebenfalls Feuer. Es entstand Sachschaden von 70.000 Euro.

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Auch Brände in einem leerstehenden Mehrfamilienhaus an der Hirschbergstraße in Meißen, in der leerstehenden ehemaligen Gaststätte „Waldschlößchen“ in Röderau bei Riesa, in einem Fabrikgebäude der alten Zellstofffabrik in Coswig und im Dachboden eines Hauses an der Obergasse in Meißen sollen auf das Konto der Angeklagten gehen.

Beide Angeklagte befanden sich seit August vorigen Jahres in Untersuchungshaft. Während D. inzwischen entlassen wurde, sitzt S. immer noch ein, jetzt allerdings nicht mehr in U-Haft, sondern in Strafhaft. Der Grund: Er sitzt eine achtmonatige Haftstrafe ab, zu der er vom Amtsgericht Meißen verurteilt und die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Meißner Jugendrichterin hat die Bewährung am 5. Februar widerrufen.

Warum kommen die Zeugen nicht?

Während am ersten Verhandlungstag lediglich die elf Punkte umfassende Anklageschrift verlesen wurde, sollten diesmal erste Zeugen gehört werden. Doch zur Überraschung aller Beteiligten wurden diese abgeladen. Stattdessen erschien ein psychiatrischer Gutachter aus Berlin.

Er hatte kurzfristig ein 90-seitiges Gutachten über den Angeklagten S. erstellt, dieses in der Nacht zum Verhandlungstag dem Gericht zugestellt. Dabei ging es um die Frage, ob S., der zu den Tatzeiten noch keine 21 Jahre alt war, bereits die Reife eines Erwachsenen hatte oder nach Jugendstrafrecht verurteilt werden soll.

S. stammt aus einer problematischen Meißner Familie, hat zwölf Geschwister. Die Eltern seien mit der Erziehung der 13 Kinder völlig überfordert gewesen, stellt der Gutachter fest. S. besuchte die Förderschule, flog da schon mehrfach raus, weil er sich prügelte und den Unterricht störte. Mit 16 Jahren zog er von zu Hause aus, wohnte bei Freunden, bezog mit 18 die erste eigene Wohnung, die das Jobcenter bezahlte.

Maßnahmen wie ein Berufsvorbereitungsjahr brach er ab, weil er keinen Bock hatte, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten, beispielsweise beim Zirkus oder in Gaststätten, durch. Er trank täglich Alkohol, nahm auch Crystal. Ob er ein Kind hat, weiß er nicht genau. Er versäumte den Vaterschaftstest. Außerhalb der Familie habe er schon immer Probleme gemacht, das sei aber nicht krankheitsbedingt.

Unklar, wann Prozess neu beginnt

Auch eine Intelligenzminderung kann der Gutachter nicht erkennen, er habe allerdings durch die familiären Verhältnisse erhebliche Bildungsdefizite. Er ignoriere Verpflichtungen, prügele sich durchs Leben, sei ichbezogen und rücksichtslos gegenüber anderen. „Er wurschtelt sich durch im Vertrauen, dass er für sein Handeln keine Konsequenzen tragen muss“, sagt der Arzt.

Und er meint damit wohl, dass gegen den jungen Mann die Staatsanwaltschaft zwar viermal ermittelte, aber jedes Mal von einer Bestrafung absah. Zwei weitere Verfahren wurden vom Gericht eingestellt.

Das Ergebnis des Gutachters ist eindeutig. Der Angeklagte sei sehr früh selbstständig geworden, er sieht keine Hinweise auf eine verzögerte Entwicklung.

Das Jugendschöffengericht hat nach diesen Ausführungen erhebliche Zweifel daran, ab die Jugendkammer noch zuständig ist. Vielmehr stehe die Anwendung des allgemeinen Strafrechts, also Erwachsenenstrafrecht, im Raum.

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Die Verhandlung wird aufgehoben, die Akte geht an die Jugendkammer des Landgerichtes. Diese muss nun entscheiden, ob sie die Sache an ein Gericht, das nach Erwachsenenstrafrecht verhandelt, abgibt.

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