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Kommt bald Kurzarbeitergeld für Kühe?

Die Corona-Krise lässt die Milchpreise sinken. Lösungsvorschläge gibt es - doch die haben Haken. Hinzu kommen extreme Trockenheit und Sorgen um die Ernte.

Landwirte mit Milchvieh haben es derzeit doppelt schwer: Der Milchpreis sinkt und das Futter wächst nicht wegen der Trockenheit.
Landwirte mit Milchvieh haben es derzeit doppelt schwer: Der Milchpreis sinkt und das Futter wächst nicht wegen der Trockenheit. © dpa-Zentralbild

Corona drückt auf den Milchpreis? "Ja", sagt Stephan Leubner vom Milchgut Dürrhennersdorf, "die Molkerei hat uns schon angekündigt, dass die Preise sinken werden - deutlich." Derzeit liegt der Liter bei etwa 30 Cent - eine Summe, mit der sich einigermaßen wirtschaften lässt.

Ein Rückgang um bis zu fünf Cent zeichne sich nun aber für die kommenden Wochen ab, skizziert Leubner die Informationen, die er bekommen hat. Das ist ein Preis, bei dem es für die Bauern eng wird. Für Stephan Leubner reichen deshalb Erklärungen der Molkereien nicht: "Es wird auf die allgemeine Situation geschoben - aber die Leute essen und trinken doch wie zuvor, das ist nicht logisch", beschreibt er seine erste Verwunderung. Und er ist nicht der einzige, der das so sieht.

Sein Kollege Reinhard Ludwig kann diese Skepsis gut verstehen. Durch sein Engagement als Leiter des wirtschaftlichen Vereins Oberlausitzer Milcherzeugergemeinschaft kennt er die verschiedenen Einflüsse, die jetzt wegen Corona greifen, genauer: "Deutschland zählt zu den Ländern, die einen Milchüberschuss produzieren.

Den verkauft man vorrangig auch außerhalb der EU - nach China - und da sind jetzt viele Handelswege einfach unterbrochen", skizziert er einen Teil des Problems. Auch in der EU läuft's bei der Milch nicht wie üblich, denn Italien hat gerade wenig Durst auf deutsche Milch, auch hier ist der Absatz weggebrochen. Die Folge: Es ist zu viel Milch auf dem Markt.

Kühe kann man nicht ausschalten

Zudem wirbelt der Shutdown in Deutschland einiges durcheinander: "Molkereien produzieren zu einem erheblichen Teil für Gastronomie und Großküchen - die stehen derzeit fast still", erklärt Ludwig. Zwar war zunächst die Nachfrage in den Supermärkten gestiegen, aber die Industrie kommt nicht so schnell hinterher, die Milchprodukte, die in der Gastronomie gerade nicht gebraucht werden, für den Einzelhandel zu proportionieren und zu verpacken. "Der Preis ist eine komplexe Sache und hängt von vielem ab - auch davon ab, wie breit die Molkereien jeweils ausgerichtet sind", sagt Reinhard Ludwig.

Wie die Molkereien die Preisentwicklung einschätzen, bleibt indes unklar: Während die Nieskyer Molkerei eine SZ-Anfrage nicht beantwortete, teilte Müller-Milch-Sprecher Alexander Truhlar mit, dass man zu Preisen und Vertragsgegenständen generell keine Angaben mache. Die 30 Cent Abnahmepreis, die mehrere Landwirte gegenüber der SZ benannt hatten, seien nicht korrekt, fügte er hinzu, eine Einschätzung der derzeitigen Lage gab der Sprecher nicht ab.

Was auch Experten nicht haben, ist eine Patentlösung für die Corona-Milchkrise, von der auch Fachblätter und Experten bereits ausgehen. "Wir sind nicht BMW und können das Band einfach abstellen", sagt der Beiersdorfer Ludwig, dessen 350 Milchkühe pro Tag im Schnitt 30 Liter liefern. "Da hat man nur geringe Einflussmöglichkeiten. Einfach weniger Futter geben, funktioniert jedenfalls nicht", betont er.

Hilft staatlicher Eingriff?

Was also dann? Die Initiative "Land schafft Verbindung" hat sich mit dem Thema schon befasst und vor Kurzem eine freiwillige Verringerung der Milchliefermenge vorgeschlagen - gegen staatlichen Ausgleich. Kurzarbeitergeld für Kühe sozusagen. Wenn es freiwillig nicht gehe, dann müsste man es verpflichtend in Europa einführen, so die Idee. Das sieht Reinhard Ludwig skeptisch: "Bis das in allen Ländern per Gesetz durch ist, dauert es locker zwei Jahre", sagt er. Es wäre auch indirekt eine Rückkehr zur Milchquote - und die habe noch nie funktioniert, da sind sich alle einig.

Kühe zu schlachten, ist ein weiterer Vorschlag, der in diesem Zusammenhang diskutiert wird. Auch hier gibt es ein Problem, macht der Geschäftsführer des Oberlausitzer Bauernverbandes, Rainer Peter, klar: "Der Markt für Rindfleisch ist derzeit - auch wegen Corona - ohnehin am Boden." Und wenn der Staat den Milchpreis stützt oder das Einlagern von Milchpulver fördert? Das ist eine Möglichkeit - und die EU nutzt dies derzeit: 30 Millionen Euro stellt die Kommission für die private Einlagerung von Magermilchpulver jetzt bereit. "Damit bleibt die Milch natürlich am Markt und der Preis erholt sich auf längere Sicht nicht wirklich", skizziert Reinhard Ludwig mögliche Folgen.

Große Trockenheit wird zum Problem

© SZ Grafik

An eine wundersame Erholung des Milchpreises glaubt auch Robert Otto von der Eibauer Agrargenossenschaft nicht. Dafür hofft er, dass wenigstens beim Wetter ein Wunder geschieht und nicht das dritte Jahr in Folge eine Dürre kommt. Sorgen machen sich Otto und seine Kollegen allesamt aktuell um den ersten Futterschnitt: "Viele Betriebe wollten gerade beim Futter in diesem Jahr die Reserven auffüllen, die seit 2018 leer sind", sagt er. Nun aber droht schon die erste Ernte sehr mager auszufallen.

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Sorgen machen sich die Bauern ebenso um die Getreideernte, um Mais und Zuckerrüben. "Da wächst derzeit einfach nichts", fasst Rainer Peter vom Bauernverband zusammen. Eine Dürrekrise und eine Milchpreiskrise zeitgleich wäre für viele Höfe lebensbedrohlich. "Vor allem dann, wenn außerdem Einzelhandel und Molkereien die Landwirtschaft mit ihrer Preispolitik weiter kaputt machen", fügt Robert Otto hinzu.

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