merken
PLUS

Großenhain

Brennende Nähmaschine hing aus dem Fenster

Der ehemalige Stadtführer Klaus Förster war bei den Bombenangriffen 1945 in Dresden knapp vier Jahre alt. Manches ist ihm im Gedächtnis geblieben.

Klaus Förster war lange Stadtführer in Großenhain. Er stammt aus Dresden und wohnt jetzt wieder dort.
Klaus Förster war lange Stadtführer in Großenhain. Er stammt aus Dresden und wohnt jetzt wieder dort. © Harald Kühne

Großenhain/Dresden. "Wir wohnten in Dresden-Plauen auf der Pesterwitzer Straße, Ecke Kaitzer Straße in einer Souterrainwohnung. Sie hatte einen separaten Eingang vom Hof . Ganz in der Nähe, Plauenscher Ring Ecke Kaitzer Straße, wohnte meine Großmutter mütterlicherseits ebenfalls in einer Souterrainwohnung. Sie war am 16. Januar 1945 75 Jahre alt geworden. Es ging ihr gesundheitlich nicht besonders gut. 

Am Abend des 13. Februar machte sie mit meiner Mutter einen Spaziergang bis zum Westendring, und beide erlebten dort den ersten Angriff auf Dresden. Beim Anblick der Feuer wollte meine Mutter in die Stadt, um zu helfen, denn meine Großeltern väterlicherseits wohnten im Zentrum auf der Gutzkowstraße. Davon hielt sie meine Großmutter aber glücklicherweise ab, da sie Herzbeschwerden hatte. Beide Frauen gingen zurück.

Anzeige
Sparen wie die Schwaben in Sachsen 

Weil es zu Hause doch am gemütlichsten ist! Jetzt zu günstigem Gas und Strom mit Vertrauensgarantie der Stadtwerke Döbeln wechseln und Prämie sichern!

 In der Nacht erfolgte der zweite Angriff. Wahrscheinlich ein abdrehender Flieger entledigte sich seiner Bombenlast , und unser Haus erhielt einen Brandbombentreffer. Auf alle Eventualitäten vorbereitet, hatte uns unsere Mutter nicht in Schlafsachen, sondern angezogen zu Bett gebracht. Meine beiden jüngeren Geschwister, knapp zwei und drei Jahre alt, waren beide an den Hüften operiert und geschient. Als wir auf den Hof traten, stand das Haus in Flammen. Wie meine Mutter später erzählte, hatte die Herrschaftsfamilie Bobe im zweiten Stock Kohlen und sogar Benzin in ihrer Wohnung gelagert. Die Wirkung kann man sich vorstellen. 

Entsinnen kann ich mich, dass wir, um das Grundstück durch das Hoftor zu verlassen, durch den Funkenregen hindurch mussten. Über uns hing eine brennende Nähmaschine aus dem Fenster. Zwei Häuser weiter – es war in der näheren Umgebung nur unser Haus getroffen - fanden wir im Korridor der Erdgeschosswohnung auf einer Holzbank Unterkunft und verschliefen die Nacht. In der Zwischenzeit waren Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft eingetroffen.  An Löschen war nicht zu denken, aber sie halfen, unseren gesamten Hausrat und alle Möbel aus der Wohnung in den Garten zu schaffen. Mit Planen abgedeckt, lagerte dort alles mehrere Monate. Wie meine Mutter sagte und später mein heimgekehrter Vater bestätigte, war kein Stück beschädigt oder gestohlen worden.

In der Zwischenzeit waren wir bei meiner Großmutter auf dem Plauenschen Ring untergekommen. Im April, es muss der 17. gewesen sein, kann ich mich an einen Fliegeralarm erinnern. Alles stürzte in den Luftschutzkeller. Dicht gedrängt saßen die Hausbewohner und Leute, die sich auf der Straße befunden hatten – alte Männer und Frauen, Mütter, Kinder und der Luftschutzwart mit einer Stalllaterne – und harrten der Dinge, die kommen sollten. 

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, Putz rieselte von den Wänden, und durch die Ritzen drang feiner Staub. Wie ich mich erinnere, war der Schreck so groß, dass nicht einmal die Kleinkinder aufheulten. Das geschah erst, als die Lampe durch den Luftzug erlosch. Als wir nach längerer Zeit, als Entwarnung gegeben wurde, den Raum verließen und auf die Straße traten, sahen wir, dass vom gegenüberliegenden Eckhaus nur ein qualmender Trümmerberg übrig geblieben war.

Meiner Mutter war die Lage zu unsicher,  und wir zogen nach Wilmsdorf, einer kleinen Siedlung in der Nähe von Possendorf. Dort fanden wir neben anderen Flüchtlingsfrauen und -kindern Unterkunft in einem der Siedlungshäuser. Von meinem Großvater, einem Dachdecker, der bereits 1927 gestorben war, gab es auf der Gitterseestraße in Dresden-Plauen noch eine Niederlage, in der sich Werkzeuge, Seile und auch ein großer Tafelwagen befanden. Mit diesem zog meine Mutter – ich habe heute noch größte Hochachtung vor ihr – von Plauen nach Wilmsdorf, um für uns Betten, Wäsche und ein wenig Hausrat zu holen. 

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Flucht mit Schlafanzug und Mantel

Per Postkarte meldete sich Renate Preuß' Großvater nach der Dresdner Bombennacht bei der Verwandtschaft. Er ahnte: "Lange kann es nicht mehr gehen."

Als wir einmal vom Einkauf in Possendorf zurückgingen, kam uns ein Zug KZ-Häftlinge entgegen. Erinnern kann ich mich an der gleichmäßige Klappern der Holzpantinen, an die abgemergelten Gestalten in ihrer Häftlingskleidung und an die sie begleitenden Uniformierten mit ihren Hunden. Erstarrt und stumm blieben die Straßenpassanten stehen, bis der Zug vorbei war.