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Brille: Görlitz

Die Augenoptiker sind zufrieden. Der Markt boomt. Dennoch wurden Filialen zusammengelegt.

© nikolaischmidt.de

Von Ralph Schermann

Seit diesem Monat gibt es in Görlitz die Augenoptiker-Filiale Berliner Straße 18 nicht mehr. Weil sie sich nicht rechnet? „Nein. Weil Fielmann den Durchblick hat“, sagt Sebastian Acke. Für den Regionalleiter dieses Optikers ist „die Schließung ein richtiger Schritt in die Zukunft“.

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Um das zu verstehen, bedarf es einer Rückblende. 1991 öffnete Fielmann seine Niederlassung Berliner Straße 18. „Der Ansturm war enorm“, erinnert Sebastian Acke. Und er stieg weiter, sodass 2003 ein Umbau nötig wurde. Doch auch der löste das Platzproblem nicht. Firmengründer Günter Fielmann persönlich entschied deshalb 2006, in größere Räume zu ziehen. Dafür wurde die Berliner Straße 61 gefunden und auf zwei Etagen zur neuen Fielmann-Filiale ausgebaut. Damit wurden die Räume in Nummer 18 überflüssig. „Dass sie erst jetzt geschlossen wurden, lag an der Frist im Mietvertrag“, ergänzt Acke.

Alle Mitarbeiter wurden übernommen. In der jetzigen Filiale arbeiten 17 Augenoptiker, davon drei Meister, auf 300 Quadratmetern Fläche. Sie haben 3 500 statt bisher 2 000 Fassungen griffbereit. Mit dem Umzug zog auch neue Technik ein. Ein dritter Augenprüfraum kam hinzu, auch der bereits siebente Kundenberatungsplatz, es gibt jetzt videogestützte Zentriersysteme für die Brillengläser. Nach wie vor bildet Fielmann auch in Görlitz aus.

Er war nicht der einzige Filialist, der nach der Wende gen Osten eilte. Doch er galt in seiner Branche schnell auch hier als der erfolgreichste. „Jeder zweite Görlitzer ist Brillenträger, und fast jede zweite hier verkaufte Brille ist von uns“, sagt Annegret Kossin, die seit 1998 die Görlitzer Chefin ist. Das bringt dem Rathaus jährlich eine gute sechsstellige Summe an Steuern und Sozialabgaben ein. 2014 will die Filiale 12 500 Brillen verkaufen, über 30 am Tag. 2011 gingen noch 25 pro Tag über die Beratungstische. Längst hat Fielmann alle Bevölkerungsschichten erreicht, hat aus anfänglichen Provisorien leistungsfähige Meisterbetriebe gemacht.

Der steigende Bedarf ist generell ein Trend. Die Branche weiß, dass Brillenträger durchschnittlich alle vier Jahre zu einem neuen Gestell greifen. Trotz Kontaktlinsen stehen heute wieder mehr Menschen zur Brille, es boomen Zweit- und Sonnenschutzexemplare und die Mode geht mitunter seltene Wege: Immer öfter verkaufen deutsche Augenoptiker schon Fassungen mit Fensterglas ohne medizinischen Grund. Bei so viel Bedarf erklärt sich auch die Schließung der Apollo-Augenoptik-Filiale Berliner Straße 20/Ecke Schulstraße nicht umsatzbedingt. Hier lag der Grund einfach in der bundesweiten Fusion der Ketten Krane und Apollo. Plötzlich verfügte Apollo damit in Görlitz über eine Filiale mehr, deren Bedarf in der Straßburg-Passage sowie in Königshufen mit gedeckt wird. „Wir haben uns nicht getrennt von einer Filiale, sondern haben zwei einschließlich aller Mitarbeiter zusammengelegt“, bestätigt Apollo-Firmensprecherin Teresa Rupp und betont: „Der Markt in Görlitz ist gut.“

Ebenfalls problemlos bereichern zwei Privatanbieter auf der Jakobstraße den Markt. Die Brüder Volker und Thomas Wünsche setzen alte Traditionen Görlitzer Augenoptikfirmen fort: Ihr Vater Gottfried Wünsche hatte in der Passage einst den legendären Brillen-Trabs übernommen, es gab Namen wie Immisch und Steinert. „Und es gibt auch für uns viel zu tun“, sagen beide Söhne. Thomas Wünsche machte sich 1989 selbstständig, Volker Wünsche übernahm 1997 das zur Ecke Postplatz umgezogene Geschäft seines Vaters und führt es heute mit fünf Mitarbeitern und einer Zweigstelle in Reichenbach. Auch ohne große Ketten im Hintergrund bauten die Wünsches immer wieder ihre Läden aus, investieren in moderne und teure Spezialtechnik und meistern dabei sowohl den Spagat zwischen Preisangeboten für alle Kundenschichten als auch den bleibenden Anspruch an handwerkliche Qualität. Hielten Wünsches zunächst die Stammkunden die Treue, wird längst auch auf ein junges Publikum verwiesen. Dieser Trend wird auch bei den reichlich 150 täglichen Görlitzer Fielmann-Kunden so gesehen. Hier ist im Gegensatz zu den Privatanbietern auch ein Anstieg polnischer Kunden zu spüren. „Die Zgorzelecer sind dabei sehr markenbewusst“, sagt Annegret Kossin. Und auch bei Apollo bestätigt Teresa Rupp: „Wir sind in Görlitz sehr zufrieden.“

Übrigens ist der Bedarf an Görlitzer Augenoptikern sogar durch viele Filmdreharbeiten gestiegen. Während die Fielmann-Niederlassung immer mal einzelnen Darstellern die Brillengläser richtete, erschien für „The Grand Budapest Hotel“ die Hollywood-Requisiteurin bei Volker Wünsche gleich mit einer ganzen Kiste voll Gestellen und orderte für Dutzende Komparsen dazu passende Gläser. Fazit: Alle Görlitzer Augenoptiker haben den Durchblick – auch wenn sich Filialstandorte mal ändern.