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Britische Forscher befragen Görlitzer Museumsbesucher

Die Uni Newcastle nimmt drei Ausstellungen in Europa unter die Lupe: Das Schlesische Museum gehört dazu. Direktor Markus Bauer sieht das als Chance.

Von Susanne Sodan

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Monatelang hat Susannah Eckersley das Internet durchforstet, hat sich über Ausstellungen in ganz Europa informiert, viele auch besucht. Alles im Dienste der Wissenschaft. Ziel der Suchaktion war es, passende Museen für ein europäisches Forschungsprojekt zu finden. Migration im Museum lautet das Thema. Drei Schauen wurden ausgewählt: Schottlands Nationalmuseum, das Stadtmuseum Amsterdam – und das Schlesische Museum Görlitz.

„Besonders interessant ist hier die direkte Nähe zu einer Landesgrenze“, erzählt Susannah Eckersley. „Zwei Städte grenzen aneinander, zwei Bevölkerungsgruppen, zwei Identitäten“. Und mittendrin das große Thema Schlesien – eine Region, die im Laufe der Jahrhunderte immer neue Formen annahm, eine Region vieler Nationalitäten, Religionen und Kulturen. Am Mittwoch machte sich die Kunsthistorikerin, die sich auf Museumsforschung spezialisiert hat, von Newcastle auf den Weg nach Görlitz. Zum einen wollen sie und ihr Team wissen, wie eine zum Teil schwierige und strittige Geschichte im Museum vermittelt wird. Zum anderen geht es aber um die Menschen, um die Besucher des Museums. Wie reagieren sie auf die Ausstellungen, wo fühlen sie sich zugehörig? Und wie sehen sie sich, ihre Vorfahren, ihre Geschichte im Museum repräsentiert?

Um diese Fragen zu klären, sind morgen Test-Besucher zu Gast im Schlesischen Museum, eine polnische und eine deutsche Gruppe, jeweils 35 Leute. Ausgewählt wurden sie nach Zufallsprinzip. „Wir haben bei vielen Institutionen auf deutscher und polnischer Seite um Unterstützung gebeten“, erzählt Eckersley. Die Besucher sehen sich die Räume an und füllen dann Fragebögen aus. Welche Fragen sie stellen wird, will die Wissenschaftlerin noch nicht verraten. Den Abschluss macht eine Diskussionsrunde. Kritik oder Lob an den Inhalten, der Gestaltung oder bestimmten Themen – Susannah Eckersley ist gespannt auf die Reaktionen der Besucher.

„Es gibt strittige Punkte in der schlesischen Geschichte, die bis heute aktuell sind“, sagt Museumschef Markus Bauer. Die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Oberschlesien-Frage nach dem Ersten Weltkrieg – dazu gebe es in Polen und Deutschland noch heute unterschiedliche Auffassungen. Bauer freut sich über den Besuch aus Newcastle. „Da erfährt man auch, wie andere Museen mit dem Thema umgehen. Das ist für uns eine Chance“. Dass sich das Forschungsprojekt auf die Besucherzahlen auswirkt, bezweifelt er zwar, „aber vielleicht hören dadurch die Museumskollegen ein bisschen mehr von uns“. Schließlich ist nicht nur die Uni Newcastle an dem Projekt beteiligt, sondern auch Einrichtungen wie die Universität Glasgow, das Royal College of Art und die Polytechnische Universität Mailand.

Ein vernichtendes Urteil der Wissenschaftler hat Bauer nicht zu befürchten. „Es geht nicht um eine positive oder negative Bewertung“, sagt Susannah Eckersley. Außerdem zeigt das Gästebuch eine durchaus positive Resonanz auf das Museum. „Ich kann mich noch erinnern, dass es ganz zu Beginn vereinzelt Kritik gab, weil neben den deutschen auch polnische Ausstellungstexte stehen“, sagt Bauer. „Wir seien doch ein deutsches Museum, wurde uns gesagt“.

Das sehen er und seine Mitarbeiter ganz anders. Sie wollen das deutsche und das polnische Publikum ansprechen, Völker verbinden, auf die unterschiedlichen Standpunkte eingehen. Auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes ist er dennoch gespannt. Lesen kann er sie bald in den Veröffentlichungen der Forscher.