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Kahlschlag auf dem Urnenhain

Warum die 180 Jahre alten Bäume auf dem Tolkewitzer Friedhof gefällt werden müssen.

Seit 2005 ist Jens Börner Fachbereichsleiter des Urnenhains. Damals waren die Kiefern noch dicht und kräftig, sagt er. Nun muss er viele Bäume fällen lassen, denn sie werden zur Gefahr für Besucher.
Seit 2005 ist Jens Börner Fachbereichsleiter des Urnenhains. Damals waren die Kiefern noch dicht und kräftig, sagt er. Nun muss er viele Bäume fällen lassen, denn sie werden zur Gefahr für Besucher. © Christian Juppe

Der Tolkewitzer Friedhof ist ein Ort der Ruhe und ein beliebtes schattiges Ausflugsziel im heißen Sommer. Genau dieser Wald treibt Friedhofschef Jens Börner Sorgenfalten auf die Stirn. Die großen, knorrigen Kiefern sind in die Jahre gekommen, sie sind kahl, von Schädlingen befallen und geschwächt – oder schon komplett abgestorben.

Der Großteil von ihnen ist heute 160 Jahre alt, manche Bäume sind sogar noch älter. Sie sind das Überbleibsel eines ursprünglichen Kiefernwaldes, der sich einst entlang der Elbe erstreckte. Auch der Waldpark in Blasewitz gehörte dazu. Börner hat nun die Aufgabe, den Wald auf dem Urnenhain, der übrigens als Gartendenkmal geschützt ist, einer Verjüngungskur zu unterziehen. Rund 1.000 Mini-Kiefern wurden auf dem Gelände bereits gepflanzt.

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Besucher reißen Setzlinge heraus

Das Aufforsten ist allerdings gar nicht so einfach wie gedacht. Denn offenbar erkennen einige Friedhofsbesucher nicht, dass die wenige Zentimeter hohen Bäumchen von Gärtnern gepflanzt wurden und denken offenbar, die Kiefern sind Wildwuchs. „Dabei haben wir die Setzlinge extra mit schwarzen Pflanzstäben versehen“, sagt Börner. 

Dennoch werden mitunter einfach die Kronen abgeschnitten oder die Bäumchen sogar ganz aus der Erde herausgezogen. Die Gründe kennt Börner nicht, es wurde auch noch nie jemand auf frischer Tat ertappt. Börner schätzt, dass einige Besucher den Baum nicht direkt neben dem Grab haben möchten, um das sie sich kümmern. 

Dabei mache gerade das den Charme der Anlage aus. „Es ist eben ein Waldfriedhof. Da ist es normal, dass auch Nadeln auf den Grabstellen liegen.“ In einem Aushang hat Börner die Besucher informiert, er bietet Führungen an, bei denen er erklärt, warum die Veränderungen im Wald nötig sind und was sie mit sich bringen. Eigentlich sei es unüblich, die Kiefern so klein an ihrem künftigen Standort auszupflanzen.

Nicht nur solche Baumpilze schwächen die alten Kiefern, auch Pilze wie Strobenrost setzen ihnen zu.
Nicht nur solche Baumpilze schwächen die alten Kiefern, auch Pilze wie Strobenrost setzen ihnen zu. © Christian Juppe

Normalerweise werden sie in der Baumschule großgezogen und dann verschickt. Dafür wird aber wiederum die Pfahlwurzel, die sich tief im Erdreich verankert und den Bäumen Halt gibt, abgeschnitten. Im sandigen Boden des Urnenhains hätten die Kiefern ohne ihre Pfahlwurzeln also keinen Halt, erklärt Börner. Also kauft der Friedhof sogenannte Sämlinge, die aus heimischen Bäumen gezogen wurden. Das ist eine der zahlreichen Vorgaben des Denkmalschutzamtes.

Mit der Behörde muss Börner jeden Schritt abstimmen, vor Ort wird begutachtet, welcher Baum gefällt werden soll und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Das ist jedes Mal eine Einzelfallentscheidung, die Prüfung dafür sehr aufwendig. „Für uns wäre es einfacher, wenn wir die alten Bäume gleich großflächiger entnehmen könnten, denn dann wächst der neue Wald besser nach.“

Kiefern brechen in der Mitte einfach durch

Wer mit offenen Augen über den Friedhof geht, sieht an vielen Stellen zwischen den großen, alten Kiefern die jungen Bäume. Und weil noch zahlreiche weitere gepflanzt werden sollen, muss der alte Wald Platz für sie machen. Insgesamt 33 Fällungen hat Jens Börner beantragt, viele dieser Bäume sind von Pilzen befallen, die Kronen sind licht. „Als ich hier 2005 angefangen habe, war der Friedhof deutlich schattiger.“

 Inzwischen wirkt der Wald an einigen Stellen regelrecht kahl. Doch nicht nur das Alter allein macht den Bäumen zu schaffen. „Durch die langen Trockenperioden im Sommer werden die Kiefern zusätzlich geschwächt und sind dann noch anfälliger für Pilze und Schädlinge.“

Das Krematorium wurde mitten in einen Kiefernwald gebaut. Das ist auf alten Fotos gut zu sehen.
Das Krematorium wurde mitten in einen Kiefernwald gebaut. Das ist auf alten Fotos gut zu sehen. © Stadtverwaltung

Der Naturexperte zeigt große Gewächse an den Stämmen und Weymouthskiefern, die völlig vertrocknet sind, die Nadeln rostbraun verfärbt. Diese Kiefernart hat auf dem Urnenhain mit einem Pilz namens Strobenrost zu kämpfen. 

Wie gefährlich solche alten und kranken Bäume werden können, haben die heftigen Stürme gezeigt, wie sie etwa die Orkan-Tiefdruckgebiete Friederike und Eberhard im Frühjahr 2018 und 2019 mit sich brachten. „Wegen ihrer tiefen Wurzel kippen die Kiefern nicht im Ganzen um – sie brechen einfach in der Mitte durch.“ Und obwohl es in letzten Winter kaum Schnee in Dresden gab, musste der Urnenhain am 3. Februar für Besucher gesperrt werden, weil eine große Menge nasser Schnee gefallen war.

Bei anstehenden Trauerfeiern ist eine Sperrung natürlich schwierig, aber die Sicherheit geht vor, so Börner. „Unter der schweren Last sind extrem viele Äste abgebrochen.“ Zum Glück sei bislang noch niemand verletzt worden. Damit das auch so bleibt, investiert das Städtische Friedhofs- und Bestattungswesen jährlich 10.000 Euro in die Baumpflege auf dem Urnenhain.

Was kaum jemand weiß: Der Urnenhain in Tolkewitz ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit. Das Gelände an der Wehlener Straße im Dresdner Osten war die erste Gesamtanlage für Feuerbestattungen in Sachsen. Im Krematorium fanden ab 1911 Einäscherungen statt, die Urnengräber befanden sich ebenfalls auf dem Areal. Kirchliche Friedhöfe lehnten die Beisetzung von Urnen damals ab. Und es gibt eine zweite Besonderheit: Der Friedhof liegt mitten in einem natürlich gewachsenen Wald.

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