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Meißen

Brück(en) in die Vergangenheit

Der Kulturverein schenkt der Stadt wertvolle Alben mit Ansichtskarten der Stadt und ihrer Umgebung.

Diese farbige Postkarte von 1910 zählt eher zu den Ausnahmen. In aller Regel waren die Karten Schwarzweiß, es gibt aber auch von Hand oder maschinell kolorierte.
Diese farbige Postkarte von 1910 zählt eher zu den Ausnahmen. In aller Regel waren die Karten Schwarzweiß, es gibt aber auch von Hand oder maschinell kolorierte. © Stadtarchiv/Repro: SZ

Meißen. Auf dem Tisch im Stadtarchiv türmen sich 30 Alben, die wie Fotoalben aussehen. Und in gewissem Sinne sind sie es ja auch: Es handelt sich um Postkartenmusterbücher des Meißener Verlages Brück & Sohn mit echten Fotografien. Und weil der nach 225 Jahren Tätigkeit im vergangenen Jahr diese eingestellt hat, kamen die Musterbücher auf den freien Mark, wo sie der Meißener Kulturverein erwarb und der Stadt nun zum Geschenk machte.

„Wir haben die Alben gekauft, weil wir wollen, dass sie hier in der Stadt bleiben“, erklärte SPD-Stadtrat und Kulturvereinsmitglied Daniel Bahrmann am 10. Januar bei der Übergabe im Stadtarchiv in der Roten Schule. Das Besondere daran sei, dass sie historische Aufnahmen auch von kleineren Orten rings um Meißen wie Diesbar, Groitzsch, Seußlitz oder Scharfenberg zeigen, die sonst eher weniger als Postkartenmotiv auftauchen. So sind Bauten und Landschaften zu entdecken, die heute buchstäblich verschwunden sind. In Seußlitz etwa die Steinbrüche am Elbufer.

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Daneben finden sich Bildersammlungen zu größeren Orten wie Coswig und Nossen und zu den späteren Kreisstädten Großenhain, Radebeul und Riesa. Was letztere betrifft, so ist der Elbehafen mit einer Armada an Frachtern zu sehen, die heute unvorstellbar erscheint. So auch der mächtige Sprungturm im Großenhainer Stadtbad. Das Spitzhaus in Radebeul gibt es hingegen noch immer, allerdings verfügte das Restaurant einmal über weitaus mehr Sitzplätze als die aktuellen 45 – auch davon gibt es eine Postkarte bei Brücks.

Dass es auf den Karten keine politischen Statements wie Fahnen oder Plakate gibt, habe ihn verwundert, so Daniel Bahrmann. Einzig bei einer Abbildung des Großenhainer Rathauses aus DDR-Zeiten ist ein Banner mit der Aufschrift „Ewige Freundschaft mit der siegreichen Sowjetunion“ zu sehen. Das älteste Album stammt von 1897, die jüngsten aus den 1960er Jahren. „Der Zustand der Alben und Postkarten erfordert vorerst keine konservatorischen Maßnahmen“, teilte die Stadtverwaltung mit.

Für Stadtarchivar Tom Lauerwald verbindet sich mit der Schenkung noch etwas anderes: „Mit der Schließung von Brück & Sohn endet auch die lange Verlagsgeschichte der Stadt Meißen, denn es ist der letzte Verlag der Stadt gewesen.“ Für das Stadtarchiv bedeutet sie eine wertvolle Bestandserweiterung der Fotosammlung. Die Postkarten seien auch deshalb echte Zeitdokumente, weil sie ein Stück Alltagskultur zeigten, die bis in die DDR-Zeit prägend gewesen sei.

Die Postkartenmusterbücher dienten Brück & Sohn dazu, die eigens für den Verlag aufgenommenen Motive über Vertreter in die Läden und Papiergeschäfte der näheren Umgebung, wie auch in ganz Deutschland zu bringen und zu bewerben. Heute gehören sie zum medialen Erbe.

Postkarten aus der Region im Internet

  • 30.000 Ansichtskarten des Traditionsverlags Brück & Sohn sind bei Wikipedia abrufbar. Der gesamte zwischen 1897 und 1990 entstandene Brück-Bestand wurde schrittweise hochgeladen, verschlagwortet und geografisch eingeordnet. Tausende Lexikoneinträge erhielten so oft erstmalig eine historische Aufnahme als Illustration.
  • Kunden auf der Internetseite der Firma können nach Motiven suchen. So findet sich etwa eine imposante Aufnahme vom Hamburger Hof in Cölln von 1897 neben einer Panorama-Ansicht der marokkanischen Stadt Tanger und einem Foto aus dem voll besetzten Waschsaal der Fürstenschule Grimma von 1923. Fotos aus 15 Ländern umfasst das Firmenarchiv, davon allein 700 Aufnahmen aus den USA.
  • Die Dresdner Wikipedianer Stephan Braun und Stefan Kühn überzeugten den Verlag, das Internetprojekt anzupacken. Damit war es möglich, Gebäude mitunter erstmals im Internet zu präsentieren, die aufgrund von Krieg oder Zerfall nurmehr als Ruinen existieren oder ganz verschwunden sind. (SZ/pa)