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Brücke nach Amerika

Im Tharandter Zeisiggrund rumort es. Zwei Autokräne sind von der Straße her die schmale Zufahrt hinabgekrochen. Jetzt stehen sie mit ihren Rädern in der feuchten Erde und recken die metallenen Arme zwischen die Wipfel der Eschen.

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Von Jörg Stock

Im Tharandter Zeisiggrund rumort es. Zwei Autokräne sind von der Straße her die schmale Zufahrt hinabgekrochen. Jetzt stehen sie mit ihren Rädern in der feuchten Erde und recken die metallenen Arme zwischen die Wipfel der Eschen.

Der eine hält an starken Ketten einen stählernen Stützpfeiler, der andere eine große, helle Holzplanke. Darauf turnen schon Bauleute herum, die versuchen, die Stütze unter die Planke zu bugsieren. Daneben steht Andreas Roloff, der Direktor des Forstbotanischen Gartens und macht ein glückseeliges Gesicht. „Eine technische Meisterleistung“, schwärmt er und nimmt die Kamera in Anschlag.

Seit Dienstag strebt die neue Brücke vom alten Teil des Forstgartens empor zur Erweiterungsfläche, dem Kleinamerika jenseits der Staatsstraße 194. Die Verkehrsader trennte bislang die beiden Teile der berühmten Gehölzsammlung. Klappt alles, wird schon nächste Woche eine hölzerne Welle mit elegantem Schwung die Einheit herstellen. Doch vorerst nur im Rohbau. Gartenkustos Ulrich Pietzarka rechnet mit der Vollendung erst zum Jahresende, „aber nur, wenn alles optimal läuft.“ Das Wetter kann den Bauleuten jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen.

Jetzt ist der Brückenschlag nach Kleinamerika noch in vollem Gange. Die Stützen des Bauwerks, die jeweils aus drei Stahlrohren bestehen, müssen auf ihre Betonfundamente gesetzt werden, danach kommt die Tragkonstruktion oben drauf. Die besteht aus hochkant verleimten Fichtenholzbrettern und wird Segment für Segment montiert. Insgesamt 15 Brückenfelder sind für die Querung des Zeisiggrunds nötig, jedes sieben Meter lang. Nur das direkt über der Straße wird zwölf Meter messen.

Die Brücke soll das Prinzip der vielfach sich windenden Gartenwege aufnehmen. Ein schmales Band wird es sein, dass nicht die kürzeste Distanz von Widerlager zu Widerlager sucht, sondern eine vertikale Welle beschreibt. Weich schwingt sie zwischen den Baumstämmen hindurch und dann hinüber auf die andere Straßenseite.

Der Entwurf stammt von zwei Architekturstudenten der TU Dresden. Die Brückengestaltung war eine Semesteraufgabe, an der etwa 30 Studierende getüftelt hatten. Eine Jury aus Dozenten, Tharandter Ratsmitgliedern, Vertretern des Staatshochbauamtes und Bürgern kürte schließlich den Vorschlag von André Dreßler und Katrin Gädekke zum Sieger. Kustos Pietzarka begeistert das filigrane Brückenoutfit. „Wir wollten auf keinen Fall eine Brücke, die mit dicken Trägern das Tal zerschneidet und wie eine Sperre wirkt“, sagt er. Denn das Bauwerk soll nicht nur Fußgänger und kleine Gartentechnik tragen, sondern auch Besucher anziehen. Da braucht’s auch einen gehörigen Schuss Ästhetik.

Dass sich die Talquerung um die Bäume herum windet, hat noch einen Vorteil: Man musste sie nicht fällen. „Die Besucher werden die Baumkronen aus neuer Perspektive erleben“, freut sich Pietzarka.

Den Mitarbeitern des Gartens macht der Brückenschlag das Leben leichter und vor allem sicherer. Wer mit einem Rasentraktor über die Freiberger Straße wollte, der musste bisher viel Gas geben und dabei hoffen, dass niemand mit achtzig den Berg runter gebrettert kommt. Im nächsten Frühjahr, wenn der Forstgarten wieder öffnet, soll die Brücke die ersten Besucher nach Kleinamerika tragen.