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Buden ohne Zauber

Die große Zeit der Grenzmärkte ist vorbei. Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt halten sich Händler gerade so über Wasser.

Von Matthias Klaus

Tatsächlich, da steht er wieder. Wie vor Jahren hält er die Hand auf. „Kleingeld, Chef“, fragt der Mann gleich hinter der Neißebrücke an der Chopinstraße in Zittau. Und mit stummen Kopfschütteln eilen die Einkäufer wie vor Jahren an ihm vorbei. Kein Kleingeld für den polnischen Bettler. Es ist ein schöner Vorsommervormittag in Kleinschönau (Sieniawka). Eine gute Gelegenheit, den Markt zu besuchen. Oder besser: das, was davon übrig ist. Auf der deutschen Seite der Neiße gibt es einen gut ausgebauten Parkplatz in der Zittauer Weinau. Autos stehen hier keine. Wer nach Polen zum Einkaufen will, hält direkt vor der Bude. „Ist doch auch bequemer so“, sagt ein Mittvierziger. Er kommt schon seit Jahren – nee, eigentlich sind’s ja nun schon Jahrzehnte“, sagt er schmunzelnd – auf den „Polenmarkt“, kauft hier seine „Rauchwaren“, wie er sagt. Zigaretten, ein Grund, warum sich der Markt in Kleinschönau noch hält. Denn vom Glanz der 1990er Jahre, als eine Bude neben der anderen stand und selbst zu Fuß kaum ein Durchkommen war, ist kaum noch etwas geblieben.

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Der Grenzübergang, Ebersbach, Bahnhofstraße: Hier sind vor allem Händler aus Vietnam anzutreffen.
Der Grenzübergang, Ebersbach, Bahnhofstraße: Hier sind vor allem Händler aus Vietnam anzutreffen.

Vor zehn Jahren sahen die Händler hier der EU-Erweiterung noch relativ gelassen entgegen. Am 1. Mai 2004 war es soweit, und dass sich für sie etwas Grundlegendes ändern würde – daran glaubte hier keiner. Schon damals war der Markt geschrumpft. Heute ist er es noch mehr. Marek ist noch da. Genau wie vor zehn Jahren steht er hinter seinem Verkaufstresen. Dass es links und rechts neben ihm inzwischen sehr hell geworden ist, es keine Stände mehr gibt, sieht er immer noch gelassen. Er hat – ebenso wie vor zehn Jahren – keinen anderen Job als den eines Verkäufers. „Richtig Spaß macht es tatsächlich nicht mehr“, sinniert Marek. Und der EU-Beitritt – ja, der war schon ein Einschnitt, aber nicht so schlimm, wie erwartet. „Was hat sich denn verändert?“, fragt der Verkäufer. Gut, der Euro ist immer noch nicht in Polen angekommen, zumindest nicht offiziell. „Aber er wird doch überall akzeptiert. Was soll also dieses Herumgerechne“, grummelt Marek.

Es ist Spargelzeit. Für einen bis einen Euro fünfzig ist das Gemüse in Kleinschönau auf dem Markt zu haben. „Ob der so gut ist wie der Deutsche? Ich weeeß ja nich“, zweifelt Arnd Behrendt. Der Leipziger ist samt Familie auf der Durchreise, schaute sich die nähere Umgebung jenseits der nicht mehr vorhandenen Grenzen in Tschechien und Polen an. Liberec stand auf der Reiseroute, Wroclaw. „Und noch ein paar Orte mehr“, sagt Behrendt. Eigentlich sei er ja der Mallorca-Typ, lächelt der Mann. Aber „zu Bildungszwecken“ habe ihn seine Familie zur Ost-Tour überredet. „Malle kommt dann im Sommer“, sagt er. Und ja, er nimmt ein Paket Spargel mit. Den grünen, denn den esse er am liebsten. Ein paar Kilometer weiter, am Grenzübergang von Ebersbach nach Jirikov, schneidet Hung an einem Paket Cola herum. Die Folie ist ziemlich stabil. Hung reißt sie schließlich mit einem energischen Ruck ab. Er sorgt für den Vorrat eines Kiosks direkt hinter der Grenze. „Keine guten Zeiten“, sagt er. Die Zahl der Einkäufer nehme seit Jahren ab. „Wer zu uns kommt, holt nur das, was er immer holt. Zigaretten und Schnaps vor allem. Rum geht sehr gut“, sagt Hung. Mit Grauen erinnert er sich an die Zeiten, als Schnaps wegen Panschereien in Tschechien nicht verkauft werden durfte. „Möchte ich nicht noch einmal mitmachen“, sagt er.

„Außer Zigaretten gibt’s für mich hier echt nichts mehr zu holen“, sagt Marcus. Der junge Mann aus dem Oberland kommt regelmäßig an den Grenzübergang Bahnhofstraße in Ebersbach. Früher, sagt er, früher, da habe er noch Klamotten gekauft. „Aber das ist doch Quatsch. Heute gibt’s die doch bei uns billig in den Supermärkten. Und am Ende ist es dasselbe Zeug aus Asien.“ Marcus zuckt mit den Schultern und wandert zurück in Richtung Deutschland. Eine vietnamesische Verkäuferin sieht ihm nach. „Ja, ist schade, dass vor allem nur noch Zigaretten geholt werden“, findet sie. Dabei habe ihr Markt doch noch mehr zu bieten. „Wer weiß“, sagt die junge Frau, „wie lange wir noch hier sind.“

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