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Bündnis für Flüchtlinge

Viele Nieskyer wollen ankommende Asylbewerber unterstützen. Doch das ist gar nicht so einfach.

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© André Schulze

Von Alexander Kempf

Die Stühle im Zimmer 317 reichen am Donnerstagnachmittag nicht aus. Der Konferenzraum in der Nieskyer Außenstelle des Görlitzer Landratsamtes ist hoffnungslos überfüllt. Es braucht schon zusätzliche Stühle, damit sich alle Besucher setzen können. Mehr als zwei Dutzend Menschen sind gekommen, um schon bald Flüchtlingen die Ankunft in Niesky zu erleichtern. Es ist das erste Treffen des sogenannten Willkommensbündnisses. Doch nicht nur Institutionen wie das Emmaus oder die verschiedenen Kirchen sind vor Ort. Viele Nieskyer sind privat gekommen, um zu helfen.

Doch der Betreiber des neuen Heimes in der Klenke-Straße scheint eher überfordert als begeistert zu sein. „Das ist erschlagend“, sagt Andreas Kunert angesichts vieler ihm unbekannter Gesichter. Der Geschäftsführer der BMN Stahl- und Anlagenbau GmbH, welche schon das Asylbewerberheim in der Nieskyer Fichte-Straße betreibt, ist verwundert, dass das Thema plötzlich solche Wellen in Niesky schlägt. „Bis vor wenigen Jahren hat sich niemand dafür interessiert“, sagt er und bemüht sich, den Nieskyer Tatendrang zu dämpfen. „Wir brauchen Profis. Da nutzt der gute Wille von Freiwilligen sicher wenig“, so Andreas Kunert.

Der Betreiber des Heimes regt eine Vorstellungsrunde an. Jeder Freiwillige soll kurz berichten, welche Erfahrungen er in das Willkommensbündnis einbringen kann. Die Gäste betonen besonders, warum sie helfen wollen. Viele engagieren sich bereits sozial. Gisela Adrian etwa sammelt schon Geschirr und Bettzeug. Marianne Tiede gibt bereits Deutschunterricht im Heim in der Fichtestraße. „Ich bin zu allen Schandtaten bereit“, sagt auch Kathrin Kagelmann. Die Landtagsabgeordnete der Linken wirbt dafür, über Kinder Kontakte knüpfen zu lassen. „Meine Tochter ist schon ganz hibbelig und neugierig. Sie freut sich auf die Kinder“, so die Mutter.

Doch werden in dem Heim in der Klenke-Straße tatsächlich Familien einziehen? Offiziell bestätigt das der Landkreis Görlitz nicht. „Ich kann noch nicht sagen, welche Staatsangehörigkeit die Flüchtlinge haben und um wie viele Familien und Einzelpersonen es sich handelt“, sagt Sachgebietsleiterin Christine Wolff. Das klingt bei Heimbetreiber Andreas Kunert schon anders. Er erwartet Familien, sagt er. Das bedeutet auch für sein Unternehmen Neuland. Denn in der Fichtestraße am Nieskyer Stadtrand sind ausschließlich junge Männer untergebracht. Die dürften in Zukunft bei aller Hilfsbereitschaft für das neue Heim nicht vergessen werden, mahnt Janis Kriegel von der Nieskyer Christuskirche. „Dort leben 50 Männer in meinem Alter, die sich langweilen“, sagt er.

Sein Einwand wird gehört und er erhält auch Zustimmung. Im Fokus steht am Donnerstagnachmittag dennoch das neue Heim in der Klenke-Straße. Betreiber Andreas Kunert wählt eine Reihe von Freiwilligen aus, die künftig den Kern des Nieskyer Willkommensbündnisses bilden sollen. Er liest ausschließlich Namen von Frauen vor. Eine von ihnen ist Sonja Rönsch. Die Oberin der Diakonissenanstalt Emmaus dankt genau wie andere allen, die gekommen sind, um zu helfen. „Dieser Kreis ist genial und wundervoll“, sagt sie. Denn das Heim brauche „gute Multiplikatoren“.

Superintendent Thomas Koppehl ist es zu verdanken, dass am Donnerstag die Kontaktdaten aller Hilfsbereiten gesammelt werden. Er hat das Treffen nicht nur spontan moderiert, sondern auch ein Blatt angeregt, auf dem sich die Unterstützer eintragen können. Doch zunächst soll sich die von Heimbetreiber Andreas Kunert zusammengestellte Gruppe treffen. Der bittet um Verständnis für das Vorgehen. Im kleinen Kreis sollen nun Rechte und Pflichten erörtert werden. „Damit können wir operieren“, sagt er. Die private Initiative in Niesky würdigt auch er als „sehr löblich“.

Ideen und Anregungen sammeln die Nieskyer schon am Donnerstag reichlich. Janis Kriegel regt an, den Flüchtlingen ein Informationsblatt mit an die Hand zu geben. Sie sollen wissen wo sie sind und mit wem sie in Niesky zusammenleben. In Weißwasser hätte es etwas vergleichbares schon gegeben. Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann kündigt an, dass es noch im Juli ein Treffen geben wird, zu dem alle Sportvereine eingeladen sind. Das freut nicht nur den Superintendenten Thomas Koppehl. „Wenn wir nicht miteinander sprechen, taucht Gewalt und Misstrauen auf“, sagt er.

Auch über Patenschaften und einen Raum für Begegnungen wird laut nachgedacht. Niesky, das sagen am Donnerstag mehrere Besucher, sollte sich um die Integration der Flüchtlinge selbst kümmern. Der Landkreis finanziert zwar auch eine Sozialarbeiterin. Doch deren vertraglich geregelte Arbeitszeit beträgt laut Andreas Kunert lediglich 24 Stunden pro Woche.