merken
PLUS Pirna

„Bürger nicht mit Paragrafen erschlagen“

Sie will das Rathaus entstauben. Was Annette Denzer-Ruffani (FDP) als Bürgermeisterin noch verändern will.

Will keine Märchentante sein: Annette Denzer-Ruffani an der Märchenlebenspfad-Station am Rathaus, in das sie im September als Bürgermeisterin einziehen will.
Will keine Märchentante sein: Annette Denzer-Ruffani an der Märchenlebenspfad-Station am Rathaus, in das sie im September als Bürgermeisterin einziehen will. © Daniel Schäfer

Sie ist eine von zwei Frauen, die die Tradition der männlichen Bürgermeister in Heidenau beenden wollen: Annette Denzer-Ruffani. Sie tritt am 1. September für die FDP an. Ihre Kontrahenten sind Amtsinhaber Jürgen Opitz (CDU), Daniela Lobe (Linke) und Uwe Dreßler (parteilos). Was die 52-jährige Eventmanagerin von den anderen unterscheidet und wie sie Heidenau gestalten will.

Wie viel Wut ist in Ihrer Kandidatur, Frau Denzer-Ruffani?

Anzeige
Konzerte unterm Sternenhimmel
Konzerte unterm Sternenhimmel

Das fünfte Palais Sommer Wochenende bietet ein vielfältiges Programm mit Gitarrenklängen, Chansons und einem Klavierspiel.

Das ist eine sehr ketzerische Frage. Überhaupt keine Wut, schon gar keine Rache. Beides liegt mir nicht. Die Entwicklung über die Jahre hat gezeigt, es muss sich was ändern. So kam der Punkt, mich selbst zu fragen: Was machst du? So bin ich für den Stadtrat angetreten, gewählt worden und in einer Partei angekommen, in der viele Leute aktiv mitwirken.

Wären Sie auch ohne die Wahl in den Stadtrat zu der fürs Bürgermeisteramt angetreten?

Sicher nicht. Nach der Stadtratswahl war klar, mit dem Ergebnis müssen wir uns nicht verstecken. Natürlich hätte ich Norbert Bläsner als Kandidat gern gesehen, aber er hat sich eher für den Landtag entschieden, das habe ich akzeptiert.

Welche Rolle spielte bei Ihrer Entscheidung die öffentliche Ausschreibung von Weihnachtsmarkt und Stadtfest, durch die Sie ja Ihren Job als Geschäftsführerin des Heimat- und Kulturvereins verloren haben?

Keine. Das ist abgeschlossen und jetzt so.

Die Kandidaten kommen von CDU, FDP und Linke; einer ist parteilos. Welche Rolle werden bei der Wahl die Parteipräferenzen spielen?

Die Bürgermeisterwahl ist mehr eine Personenwahl, da geht es weniger nach der Partei, sondern wie man von den Bürgern wahrgenommen wird.

Sie haben in dieser Hinsicht nichts zu verlieren…

Ich habe meinen Job, verdiene mein Geld. Es gibt nicht nur die Wahl zu gewinnen, sondern auch Erfahrung. Fakt ist, wenn ich antrete, will ich auch gewinnen.

Wie haben Sie Ihrem neuen Chef verklickert, dass Sie vielleicht nicht lange bei ihm arbeiten?

Er war überrascht, wie viele. Ich bekomme viel positives Feedback für den Mut, anzutreten.

Sie wollen das Rathaus entstauben. Bei den Wählern kommt das sicher gut an, bei den Rathaus-Mitarbeitern, deren Chefin Sie ja werden wollen und die auch Wähler sind, eher nicht so…

Jeder in der Stadtverwaltung hat einen Dienstvertrag, es gibt tarifliche Regelungen und einen Personalrat. Ich will die Verwaltung nicht „entkernen“. Entstauben hat ja verschiedene Facetten. Dafür werde ich in die Tiefe gehen. Wie und was, dafür ist es jetzt noch zu früh. Das Personalkarussell dreht sich auch in einer Verwaltung und man braucht ordentlich ausgebildete Leute von Bau- bis Ordnungsamt.

Warum nennen Sie diese beiden?

Das Bauamt war jetzt durch den ständigen Wechsel des Leiters spontan. Und beim Ordnungsamt ärgere auch ich mich über Knöllchen. Aber wichtig sind alle Ämter. Entstauben definiere ich auch als eine moderne, sympathische Verwaltung, die endlich entbürokratisiert wird. Diese Verbürokratisierung lähmt uns deutschlandweit.

Wie soll denn eine moderne und sympathische Verwaltung aussehen?

Zum Beispiel nicht gleich böse Briefe schreiben und den Bürger mit Paragrafen erschlagen. Eine bedienfreundliche Onlineformularsuche mit Ausfüllmöglichkeit am Rechner oder unterwegs gehören für mich dazu.

Sie sind klar gegen den Industriepark Oberelbe. Nun hat der Stadtrat das so aber mehrheitlich beschlossen…

Dieser Beschluss ist vor zwei Jahren unter anderen Voraussetzungen getroffen worden. Inzwischen sind die Kosten gestiegen und es gibt neue Erkenntnisse, die dagegen sprechen. Es gibt zu viel Unsicherheit und keinen großen Investor. Viele Heidenauer sind skeptisch, weil nicht klar ist, was sie davon haben. Die Kosten, die in den IPO investiert und aus dem laufenden Haushalt bestritten werden, fehlen woanders. Der Bürgerentscheid ist deshalb das demokratische Mittel, das zu entscheiden und der Stadtrat muss sich neu positionieren.

Sie haben sich also seit Ihrer Nominierung, als Sie sagten, in Sachen IPO noch nicht viel zu wissen, damit beschäftigt?

Natürlich. Wir müssen mehr Pro und Kontra zulassen, am besten mal alles, was dafür und dagegen spricht, auf einem Blatt gegenüberstellen. Und wir müssen die Auseinandersetzung ehrlich leben. Doch selbst, wenn jemand richtig gute Argumente für das Projekt hat und ein großer Investor kommt, ist doch das Problem, dass der seinen Firmensitz nicht hier hat und wir dann nichts von der Gewerbesteuer haben.

Stichwort Wohnen. Sie haben den Sonnenhof der städtischen Wohnungsgesellschaft gelobt. Ist Ihnen das auf die Füße gefallen? Schließlich ist die WVH-Chefin Ihre Schwiegermutter.

Nein, wieso? Es ist ein schönes Objekt, da braucht man sich nicht zu verstecken.

Das Betreute Sonnenhof-Wohnen soll erweitert werden. Wie leben die Heidenauer, auch die jungen, in zehn Jahren?

Das Angebot ist vielschichtig. Gedanken muss man sich über mehr größere Wohnungen machen, der Bedarf dafür steigt. In Heidenau gibt es viele Möglichkeiten, angenehm und preiswert zu wohnen.

Bleibt Wohnen in Heidenau bezahlbar?

Wie sich der Markt und die Preisgestaltung entwickeln, kann keiner sagen. Wenn zum Beispiel Balkone angebaut werden, müssen die auch bezahlt werden, das versteht jeder Mieter. Eine Miet-Obergrenze für Altbestandswohnungen wäre eine Maßnahme. Das müsste man besprechen.

Sie sagen, für die Jugend und junge Erwachsene gibt es zu wenig Raum und Rückzugsmöglichkeiten. Es gibt von denen aber auch keine Bestrebungen…

Es wurde viel für Kinder und Schüler und dann Familien und Senioren gemacht, die Altersgruppe dazwischen wurde vergessen. Früher gab es einen „Jugendklub“. Deshalb steht für mich eine Veranstaltungshalle für alle Generationen auf dem Programm. Aber es gibt auch andere, schneller greifende Modelle, wie Streetworker.

In Dohna ist die Initiative von den Jugendlichen gekommen, nun hat die Stadt ihnen Räume zur Verfügung gestellt. Solche Vorstöße gibt es von Heidenauer Jugendlichen bisher nicht.

Ich würde deshalb auf sie zugehen und auch Geld in die Hand nehmen, um Angebote zu schaffen, bevor unschöne Sachen wie Vandalismus geschehen.

Wird die Wahl am 1. September nicht entschieden, weil kein Kandidat 50 Prozent plus eine Stimme bekommt, treten Sie in der zweiten Runde wieder an?

Ja, na klar.

Weiterführende Artikel

Heidenau hat die Wahl

Heidenau hat die Wahl

Drei Bürgermeister-Kandidaten sagen im SZ-Forum, wofür sie stehen und was sie in Heidenau bewegen wollen. Dabei blieb eine Frage allerdings offen.

„Ich habe kein Problem mit einem Bürgerentscheid“

„Ich habe kein Problem mit einem Bürgerentscheid“

Jürgen Opitz will Bürgermeister in Heidenau bleiben. Was er bedauert, was es ihm schwer macht und wie lange er arbeiten will, erklärt er im SZ-Gespräch.

SZ-Wahlforum zur Bürgermeisterwahl

SZ-Wahlforum zur Bürgermeisterwahl

Die vier Heidenauer Kandidaten stellen sich den Fragen der Bürger.  Die SZ gibt Ihre Anliegen gern weiter, falls Sie an dem Abend nicht dabei sein können.

„Harte Auseinandersetzung mit der AfD“

„Harte Auseinandersetzung mit der AfD“

Daniela Lobe (Linke) will dorthin, wo seit 1990 die CDU regiert: ins Heidenauer Rathaus – als Bürgermeisterin. Was genau hat sie aber vor?

„Mich kocht keiner mehr weich“

„Mich kocht keiner mehr weich“

Er ist der einzige parteilose Kandidat zur Bürgermeisterwahl in Heidenau. Das sieht Uwe Dreßler als sein Plus. Was er damit erreichen will.

Egal, wer die Wahl gewinnt, mindestens Daniela Lobe sehen Sie im Stadtrat wieder. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe, egal mit wem, kein Problem. Wie heißt es? Man sieht sich immer zweimal…


SZ-Forum mit den Kandidaten am 15. August, 18 Uhr, in der Drogenmühle Heidenau.

Das Interview mit Jürgen Opitz folgt.

Mehr zum Thema Pirna