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Bürohengst auf dem Bauernhof

Bis jetzt arbeitete Robert Heinrich beruflich nur für und mit Geld. Jetzt geht es um Kinder, Schweine und einen Traum. 

Von Nadja Laske
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„Mein Sohn soll stolz auf Papa sein“: Seit einem Jahr leitet Robert Heinrich den Kinder- und Jugendbauernhof in Nickern.
„Mein Sohn soll stolz auf Papa sein“: Seit einem Jahr leitet Robert Heinrich den Kinder- und Jugendbauernhof in Nickern. © Sven Ellger

Er hat schon schönere Büros gehabt in seiner Karriere. Der graue Container misst kaum acht Quadratmeter und hat innen den Charme eines – Containers. Diese Umgebung erinnert Robert Heinrich jeden Morgen aufs Neue daran, warum er hierhergekommen ist, auf den Kinder- und Jugendbauernhof nach Nickern. Er hat einen Auftrag, eine Mission: Unter seiner Leitung soll aus der verfallenen Ruine des früheren Herrenhauses auf dem Bauernhofgelände ein Kinderbauernhaus entstehen. Das wird mal Gruppenarbeitsräume bieten, Proberäume und Werkstätten sowie Platz für Aufführungen, Tagungen, Seminare, ein Atelier und eine Leseecke.

All das ist keine fixe Idee mehr, sondern ein ganz konkretes Projekt. Ein Projekt, bei dem eine Menge Geld im Spiel ist. 900 000 Euro betragen die reinen Baukosten. Die geplanten Projektkosten über fünf Jahre sind noch einmal genauso hoch. Die bisherigen Mitarbeiter des Bauernhofes konnten und wollten dafür nicht die Verantwortung übernehmen. Die drei Sozialpädagogen, der Landwirt und die vier Jugendlichen, die sich für ein Freiwilliges Ökologische Jahr entschieden haben, sind voll damit ausgelastet, im Hofalltag die Tiere zu versorgen und jungen Generationen ganz praktisch die Arbeit auf dem Bauernhof näherzubringen. Genau das ist der Sinn des Vereins, den Eltern Mitte der 90er-Jahre gegründet haben.

Keine Frage: Ein Profi musste her, einer, der gut mit Zahlen kann und trotzdem so sozial verträglich ist, dass er sich schnell in ein gewachsenes Bauernhofteam integriert. Einer wie Robert Heinrich.

Der stammt selbst vom Dorf. Der Vater Agrarökonom, die Mutter Veterinärmedizinerin. Heinrich machte eine Lehre zum Restaurantfachmann, zog dann um die Welt. Australien, Schweiz, Kanada. Nach einem BWL-Studium arbeitete er in Dresden für die Hotelketten Hilton und Ibis. Irgendwann zog es ihn nach Berlin. Eine Zeit lang verdiente er gutes Geld in der Immobilienwirtschaft. Um näher bei seinem Sohn zu sein, kam er nach Dresden zurück – und bewarb sich auf die Stelle beim Kinder- und Jugendbauernhof. „Bis jetzt ging es bei mir beruflich immer nur um Profite. Jetzt ist mal die Gemeinschaft dran. Da kann ich sicher ein paar Karmapunkte sammeln“, sagt Heinrich und lacht. Statt Anzug und Krawatte trägt er jetzt Pulli und Jeans. Es ist sicher nicht weniger stressig, aber er verdient weniger. Das sei auch „völlig okay“. Früher sei es ihm schwergefallen, seinem Sohn zu erklären, womit Papa sein Geld verdient. „Ich wollte immer, dass mein Sohn stolz auf meine Arbeit sein kann“, sagt Heinrich. „Jetzt kann er sich etwas vorstellen, etwas sehen, riechen und anfassen. Und selbst Teil davon sein.“ Oft ist der Sechsjährige mit auf dem Hof.

Papas Stelle als Geschäftsführer ist zunächst auf fünf Jahre befristet. Gestartet ist der 37-Jährige zur Walpurgisnacht im vergangenen Jahr, als wieder einmal über 1 000 Gäste auf dem Bauernhof ihren Spaß hatten. Vom ersten Tag an war Heinrich mittendrin. Er sei sehr offen empfangen worden und wollte nie den Chef raushängen lassen. „Hier auf dem Hof bringe ich eher die Elternperspektive rein“, sagt er. „Ich lerne unheimlich viel, habe ganz tolle Fachleute und muss dem Landwirt nicht reinreden, wie er die Schweine zu füttern hat.“ Heinrichs Aufgabe ist es, das große Ganze im Auge zu behalten. Klar hilft er auch mal beim Gerüstaufbau oder dreht eine Runde mit dem Rasenmäher. Die meiste Zeit jedoch sei er an seinem Schreibtisch gefangen. „Dafür wurde ich ja geholt.“

Zur Beruhigung von allen Beteiligten liegt das Geld für das Kinderbauernhaus schon auf dem Konto. „Bei solchen Beträgen werde ich nicht mehr nervös“, sagt Heinrich, der schon mit ganz anderen Summen hantiert hat. Die wichtigsten Geldgeber sind das Land Sachsen, die Stadt Dresden und eine Schweizer Stiftung namens Drosos. Dazu kommen mühsam zusammengesparte Eigenmittel.

Noch sieht das Haus von außen aus, als könnte es jeden Augenblick zusammenstürzen. Drinnen aber ist schon eine Menge passiert. Der Zeitplan ist eng getaktet. Für den Spätsommer ist das Richtfest geplant. Im Dezember soll alles fertig sein. Beendet ist Heinrichs Mission dann aber noch lange nicht. So ein Kinderbauernhaus will mit Leben gefüllt werden. Damit der Sohnemann stolz sein kann.