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Bürokratie bei die Integration?

Zwei junge Flüchtlinge aus dem Oberland tun alles, um in Deutschland anzukommen. Doch dabei wird es ihnen nicht leicht gemacht.

© Uwe Soeder

Von Franziska Springer

Neukirch. Shapoor Ahmadzai ist zuversichtlich: Seit über einem Jahr wohnt der 19-jährige Afghane bei Bernhard Mühlisch und dessen Familie in Neukirch. Die Mühlischs haben für ihn und den gleichaltrigen Aliyasser Rezai eine Wohnung in ihrem Privathaus eingerichtet. Unweit davon fanden die beiden jungen Männer Arbeit: Rezai bereitet sich während eines Praktikums in der Neukircher Autowerkstatt von Peter Schmidt auf eine Ausbildung vor. Außerdem lernt er in der Abendschule Deutsch. Dafür fährt er täglich in die Kreisstadt. Ahmadzai selbst ist sogar schon einen Schritt weiter: Er lässt sich im Tautewalder Erbgericht zum Restaurantfachmann ausbilden. Im September vergangenen Jahres nahm er die Lehre bei Enrico Schulz auf.

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Beide haben sich eingelebt. Die Aufregung war daher groß als bekannt wurde, dass die Gemeinschaftsunterkunft in Neukirch Ende April schließen würde – denn offiziell leben die beiden jungen Männer nach wie vor im Asylheim. Ebenso wie die Geflüchteten fühlten sich auch die freiwilligen Helfer vor Ort im Vorfeld der Schließung am 25. April nicht hinreichend informiert: „Die Stimmung schwankte zwischen Galgenhumor und Traurigkeit“, erinnert sich Bruno Rössel vom Neukircher Freundeskreis, dem lokalen Helferbündnis. „Bis unmittelbar vor der Abreise wussten die Geflüchteten nicht, in welches Heim sie verlegt werden, die Busse kamen unpünktlich und waren bei der Abfahrt teils stark überladen“, beschreibt der 19-Jährige die Situation vor Ort. „Ruhig und geordnet“ sei die Schließung vonstattengegangen, heißt es hingegen aus dem Landratsamt. Das hat inzwischen Erfahrung mit der Zusammenlegung von Geflüchteten: „Seit März 2016 hat das Ausländeramt 13 Asyl-Gemeinschaftsunterkünfte ohne Probleme geschlossen“, erklärt Pressereferent Peter Stange. Auf die dabei gemachten Erfahrungen könne man zurückgreifen, um Probleme zu vermeiden und den Belangen der Betroffenen gerecht zu werden. „Klar ist aber auch: Es kann nicht jeder individuelle Wunsch berücksichtigt werden.“

Langer Marsch durch die Behörden

Ahmadzai und Rezai waren zwei der 76 Geflüchteten, die von der Schließung betroffen waren. Zwar ist es weiterhin geduldet, dass sie bei den Mühlischs leben, einmal pro Woche müssen sie sich aber in ihren neuen Gemeinschaftsunterkünften in Bautzen und Wehrsdorf melden.

„Das Drama haben wir eben jetzt“, seufzt Bernhard Mühlisch. Denn bei einem straffen Tagesprogramm wie dem von Aliyasser Rezai kann die Vielzahl an Terminen schon mal problematisch werden: Kürzlich meldete er sich einen Tag zu spät in seiner Unterkunft. Diese kündigte ihm daraufhin. Was folgte, war ein langer Marsch durch die Behörden. Rezai musste sich im Heim, bei der Ausländerbehörde und im Einwohnermeldeamt neu anmelden. Einen Vormittag dauerte das. An diesem Tag konnte er nicht zur Arbeit gehen.

Das nervt nicht nur die Geflüchteten und ihre Helfer, sondern auch Unternehmer der Region. Rezais Vorgesetzter, der Werkstattbesitzer Peter Schmidt etwa, sieht in dem jungen Afghanen viel Potenzial. Er weiß aber auch, dass er Kompromisse eingehen muss: „Wir lassen ihn eher gehen, damit er seinen Deutschkurs in Bautzen pünktlich erreicht“, erzählt er. „Ich bin dafür, dass solche Jungs bleiben dürfen. Aber das geht nur mit Unterstützung.“ Die vermissen die Arbeitgeber junger Geflüchteter seitens des Landkreises manchmal. Enrico Schulz, Inhaber des Erbgerichts in Tautewalde hat sich daher mit einem Brief an die Ausländerbehörde gewandt: „Ich habe gebeten, den Wohnort meines Auszubildenden zu überdenken“, sagt er. „Gastronomie ist kein Job mit festen Arbeitszeiten, die Bus- und Bahnverbindung zwischen Tautewalde und Wehrsdorf ist schlecht. Da ist es fraglich, ob Shapoor Ahmadzai immer pünktlich an seinem Arbeitsplatz sein kann. Das will ich geklärt wissen.“

Aussicht auf eigene Wohnung

Ob Asylbewerber eine Wohnung bekommen, hängt von verschiedenen Faktoren ab: „Neben medizinischen Gründen kann auch ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder ein Ausbildungsvertrag zu einem positiven Ergebnis führen“, heißt es dazu von der Ausländerbehörde. Bislang bestehe für drei der 76 Geflüchteten aus Neukirch gute Aussicht auf einen Umzug in eine Wohnung. Unabhängig von der Schließung von Asylheimen bemühe sich das Ausländeramt aber stets um passende Unterbringung für alle Asylbewerber, betonte Stange. Die Schließung einer weiteren Gemeinschaftsunterkunft sei in diesem Jahr nicht mehr vorgesehen. Aufgrund des Rückgangs der Flüchtlingszahlen sind in immer mehr Heimen Plätze frei. Auch, welches Heim aus diesem Grund als Nächstes geschlossen wird, steht aktuell noch nicht fest.