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Buletten-Dieb tappt in Videofalle

Bei der Tafel in Freital verschwanden immer wieder Lebensmittel. Der Täter war kein Unbekannter.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Annett Heyse

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Freital. Sie habe ihn sofort erkannt, sagt Karin Rauschenbach. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen, wie ich ihn da auf dem Video sah.“ Rauschenbach ist die Vorsitzende der Freitaler Tafel und steht vorm Computer im kleinen Büro des Vereins. Neben ihr sitzt Günter Brendel, der Vize-Chef. Beide lassen nochmals die Bilder aus der Überwachungskamera ablaufen.

Zu sehen sind ein Gang, Regale, zwei Türen zu den Tiefkühlräumen. Und dann kommt Peter S. Kurze Haare, Brille, dicke Winterjacke – und einen leeren Rucksack auf dem Rücken. S. rüttelt an den Türen der Kühlräume, geht dann weiter. Fünf Minuten später taucht er wieder auf. Der Rucksack ist nun gut gefüllt, S. bückt sich noch und greift nach etwas im Regal, dann verlässt er die Räume. Das war vergangenen Freitag, am 23. Februar, gegen 18 Uhr abends. Die Tafel hatte da längst geschlossen, alle Mitarbeiter waren fort. „Das nennt man dann wohl Einbruch und Diebstahl“, kommentiert Rauschenbach trocken.

Über Monate muss Peter S. immer wieder in den Abend- und Nachtstunden in den Räumen der Tafel herumgestöbert haben. „Wir haben das anfangs gar nicht so richtig bemerkt“, sagt Günter Brendel. Die Tafel unterhält kein Warenwirtschaftssystem. Was an Lebensmitteln, Kosmetika, Haushaltschemie oder Kleidung gespendet wird, wird sortiert und in die Regale geräumt. Die Bedürftigen nehmen sich wie in einem Geschäft, was sie benötigen, und bezahlen einen pauschalen Spendenbetrag pro Artikel. „Mit der Zeit fiel aber auf, dass immer wieder etwas fehlte“, berichtet Rauschenbach. Mal seien es Würstchen gewesen, mal Schokolade. Unter den gut 30 Mitarbeitern, alles freiwillige Helfer, die ehrenamtlich für die Tafel arbeiten, brach Misstrauen und Unruhe aus. Viele vermuteten den Dieb in den eigenen Reihen.

Der Coup, wenn man es so nennen will, geschah vor zwei Wochen. Die Tafel hatte an einem Donnerstag zehn Kilo Hackfleisch gespendet bekommen. Eine Mitarbeiterin verarbeitete die Fleischmasse zu Teig und briet Buletten. Die sollten am nächsten Tag an die Kunden abgegeben werden. Als am Freitagvormittag die Mitarbeiter zur Tafel kamen, war der Bulettenberg so gut wie verschwunden, Einbruchspuren gab es keine. „Das kam mir vor, wie in dem Trickfilm vom Teufel, der die Pfannkuchen klaut“, sagt Günter Brendel. Karin Rauschenbach kann darüber nicht so richtig lachen. „Ich fuhr los und kaufte eine Überwachungskamera“, erzählt sie.

Peter S. also. Rauschbach kennt den 39-Jährigen recht gut. S. tauchte vor gut drei Jahren bei der Tafel auf, weil er vom Gericht auferlegte Sozialstunden ableisten musste. Was er auf dem Kerbholz hatte, weiß Rauschenbach bis heute nicht. „Von den Behörden bekommen wir nur die persönlichen Daten mitgeteilt, nicht aber die Anklage oder das Urteil.“ Trotzdem gibt die Tafel so gut wie jedem die Chance, sich zu bewähren. „Für mich sind das Helfer wie jeder andere Mitarbeiter auch“, sagt Rauschenbach. Gute Leute seien dabei gewesen, die später wiedergekommen sind und nun zum festen Helferstamm gehören.

Ihr Vize Brendel wiegt den Kopf. Er ist Schöffe beim Gericht, hat dort schon viel erlebt und lässt durchblicken, dass er mitunter skeptisch gegenüber den Menschen ist, die per Gerichtsbeschluss Sozialstunden bei der Tafel leisten. „Natürlich fragen wir, was vorgefallen ist und manchen schicken wir auch wieder weg.“ Trotzdem gebe es immer mal wieder Probleme mit der Klientel. So wurden Mitarbeiter beklaut.

Peter S. wurde genommen und arbeitete mit, als die Tafel von der Gutenbergstraße in Potschappel an die Dresdner Straße nach Deuben umzog. Als „fit wie ein Turnschuh“ bezeichnet Rauschenbach den Freitaler. Aber eben auch als Schnorrer. „Der futterte sich überall durch und lieh sich Geld, das er dann nicht zurückgab“, berichtet die Tafel-Chefin, die eine zeitlang auch privat zu Peter S. Kontakt hatte und ihn sowie dessen Kind unterstützte.

S. kam dann im Sommer 2017 abermals zur Tafel, um Sozialstunden abzuleisten. Von den 150 Stunden schaffte er nur 30, dann verschwand er wieder von der Bildfläche – bis er auf dem Video auftauchte. „Ich bin bloß froh, dass es keiner von meinen Mitarbeitern war“, sagt Rauschenbach.

Laut Ermittlungen der Polizei drang S. mit einem nachgemachten Schlüssel in die Räume der Tafel ein – daher die fehlenden Einbuchspuren. „Gegen ihn wird wegen besonders schweren Diebstahls ermittelt“, sagt Polizeisprecherin Ilka Rosenkranz. Der Mann sei aber weiterhin auf freiem Fuß. Zu weiteren Details möchte sich die Polizei nicht äußern und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Bei der Tafel bleibt die Überwachungskamera erst einmal hängen.