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Warum zwei Wahlgörlitzer das Bundesverdienstkreuz tragen

Anna und Christoph Heise sind jetzt mit dem Orden ausgezeichnet worden. Jahrelang setzten sie sich für das Miteinander von Deutschen und Polen ein.

Anna und Christoph Heise erhielten am 3. Juli 2020 das Bundesverdienstkreuz.
Anna und Christoph Heise erhielten am 3. Juli 2020 das Bundesverdienstkreuz. © Nikolai Schmidt

Einen Orden für ihr Lebenswerk zu bekommen, und dann auch noch gleich das Bundesverdienstkreuz – damit hätten Anna Wankiewicz-Heise und ihr Mann Christoph Heise nie gerechnet. "Wir verstehen die Ehrung auch nicht als Würdigung allein unserer Arbeit", sagt Christoph Heise. "Sondern als stellvertretend für alle deutsch-polnischen Projekte, die seit Jahrzehnten auf die echte Begegnung und das gegenseitige Verständnis der beiden Kulturen setzen."

Erfüllt, voller Erlebnisse und Sympathie für das andere Land

Genau dafür haben sich die beiden viele Jahre lang eingesetzt. Seit 1995 organisierten sie an einem großen See in den polnischen Masuren bei Olsztyn jeden Sommer Treffen für deutsche und polnische Lehrer, Hochschullehrer, Sozialpädagogen: "Für alle, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Welt öffnen", sagt Christoph Heise. Fast jeder, der an diesen Begegnungen teilnahm, kehrte erfüllt, voller Erlebnisse und Sympathie für das andere Land in seinen Alltag zurück und regte dort zu Schüleraustauschen, Schulpartnerschaften und Jugendbegegnungen an.

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Die Wurzeln für die Sommerakademie "Brücken in Masuren" liegen in den Jahren, als der Eiserne Vorhang begann durchlässig zu werden. Christoph Heise war damals seit Ende der 1970er-Jahre Internationaler Sekretär beim Hauptvorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Frankfurt am Main. Anna Wankiewicz war Lehrerin in Breslau und seit 1980 Mitglied der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, die später entscheidend am politischen Umbruch in Polen und ganz Osteuropa mitwirkte. 

Austausch ohne Sprachkenntnisse war schwierig

Im Juli 1989 berichteten Vertreter der Solidarnosc in Frankfurt am Main von den Zuständen und dem Aufbruch in Polen. Die GEW entschied, man müsse Kontakte nach Polen knüpfen, zunächst unter Lehrerkollegen, und betraute Christoph Heise mit der Aufgabe. Der promovierte Osteuropahistoriker, der den Kniefall Willy Brandts 1970 als Befreiung und ersten Schritt zur Überwindung des Kalten Krieges empfunden hatte, begann nun ab 1991 deutsch-polnische Konferenzen zu organisieren. Immer am Weltfriedenstag, dem 1. September, trafen sich deutsche und polnische Pädagogen an verschiedenen Orten zum gegenseitigen Austausch.

"Irgendwann merkten wir, wie schwierig das ist, wenn die Teilnehmer die Sprache des anderen nicht sprechen", sagt Heise. So kam die Idee auf, einen 14-tägigen Sprachkurs im Sommer anzubieten, bei dem sich Pädagogen aus beiden Ländern in Sprachtandems, aber auch beim Essen, beim Schwimmen, bei Ausflügen, am Lagerfeuer besser kennenlernen würden. Nach und nach begannen die Teilnehmer der Sommerakademie, die es ja als Pädagogen gewohnt waren, Wissen zu vermitteln, Workshops für die anderen anzubieten. 

Annäherung an die deutsch-polnischen Geschichte

So lernten viele durch die Vermittlung von Geschichtslehrern die Sicht des jeweils andern auf die deutsch-polnische Geschichte kennen. Waren sie anfangs bedrückt angesichts der Themen Zweiter Weltkrieg und Vertreibung, wurden sie mit der Zeit immer offener und lernten mit der Perspektive der anderen Seite umzugehen. Auch öffnete sich die Begegnung, sobald es möglich wurde, für Teilnehmer aus der Ukraine, Weißrussland und die Länder des Baltikums, die ebenfalls eine schwierige Geschichte mit Polen verbindet.

Gleich im ersten Jahr dieser Begegnung 1995 hatten sich Anna Wankiewicz und Christoph Heise kennengelernt. Er war der Organisator des Treffens, sie half zunächst bei den Sprachkursen aus, sorgte aber vor allem durch ihr Kommunikationsgeschick dafür, dass die Menschen Berührungsängste überwanden und gern Zeit miteinander verbrachten. "Wir merkten sofort, dass wir sehr gut zusammenarbeiten können", sagt Anna Wankiewicz-Heise, "und dass sich unsere Talente perfekt ergänzen." 

Schulbücher und Projekte in Afrika

So wurden die beiden nicht nur ein Team in der Koordination der Sommerakademie, sondern auch ein Paar. 2001 entschied sich Anna Wankiewicz, die inzwischen Schulleiterin in Breslau war, ihre Karriere in Polen aufzugeben und zu Christoph Heise nach Frankfurt zu ziehen. 2002 heirateten sie. Anna Heise arbeitete nun als Journalistin und Übersetzerin sowie an der Herausgabe polnischer Sprachlernbücher und eines deutsch-polnischen Geschichtsbuches. 

Gemeinsam organisierten sie die Begegnung "Brücken in Masuren" bis 2008, dann ging Heise, der auch Solidaritäts- und Bildungsprojekte in Israel, Nicaragua, Guatemala, Südafrika, Namibia und anderen Ländern betreut hatte, in den Ruhestand. Ab 2014 zog sich auch Anna Heise aus der Sommerakademie zurück, um die Organisation jüngeren Kollegen zu überlassen. Anlässlich dieser Veränderung schlugen frühere Teilnehmer Anna und Christoph Heise für das Bundesverdienstkreuz vor. 

Früher kamen die Polen mit Zügen, heute die Deutschen

"Wenn wir zurückschauen, sehen wir deutlich, wie viel sich seit den 1990ern verändert hat", sagt Anna Wankiewicz-Heise. In den ersten Jahren seien die polnischen Kollegen noch mit alten Zügen und Bussen in die Masuren aufgebrochen, die deutschen Teilnehmer kamen mit dem Auto. Bei Ausflügen waren die Polen auf die Bereitschaft der Deutschen angewiesen, sie in ihren Autos mitzunehmen. Heute ist es umgekehrt." Die Deutschen kommen mit Zug und Flixbus, die Polen mit dem Auto." Auch habe man in den ersten Jahren gleich gewusst, ob die deutschen Teilnehmer aus Ost oder West kommen. Heute sei kein Unterschied mehr zu merken und die Begeisterung sei ungebrochen.

"Wir hätten nie gedacht, dass dieses Projekt so lange Bestand hat", sagt Anna Wankiewicz-Heise. Ihr Mann ist der festen Überzeugung, dass dies nur gelingen konnte, weil sie beide ein gemeinsames Ziel verfolgten: "Hätte nur einer von uns an dieser deutsch-polnischen Begegnung gearbeitet, hätte er den Orden nicht bekommen."

Balkon in Richtung Osten

Vor drei Jahren entschieden sich Anna und Christoph Heise, nach Görlitz zu ziehen. Sie, die eigentlich aus Ostpolen stammt, hatte Görlitz 1976 besucht, als eine Freundin ihr Zgorzelec zeigte. "Diese graue Stadt am Rande Polens war ein Schock für mich", erzählt sie, "aber Görlitz gefiel mir." Er, 1943 in Pommern geboren, als kleines Kind vertrieben und nach Norddeutschland geflohen, hat Frankfurt nie als seine Heimat empfunden. Beide haben Teile ihres Lebens in Deutschland und Polen verbracht. In Görlitz, wo ein Leben in beiden Ländern möglich ist und ihr Balkon in Richtung Osten zeigt, haben sie nun ihre Heimat gefunden. 

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