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Soldaten in der Schwebe

Angehende Reserveoffiziere müssen ihren Mut beweisen. Angeseilt stiegen sie auf dem Königstein über die Festungsmauer.

„Hier wird jedem mulmig.“ Reserveoffiziersschüler Tobias Scholz hängt knapp unter der Mauerkrone an der Westseite der Festung Königstein. Unter ihm sind etwa vierzig Meter Luft.
„Hier wird jedem mulmig.“ Reserveoffiziersschüler Tobias Scholz hängt knapp unter der Mauerkrone an der Westseite der Festung Königstein. Unter ihm sind etwa vierzig Meter Luft. © Steffen Unger

Alle Augen gehen hoch, die Kameraobjektive und Handys gleich mit. Dabei sieht man vom Vorfeld des Königsteins aus doch nichts anderes als kahle Mauern und schrundigen Fels. Doch heute ist alles anders. Und deshalb staunen die Leute: „Och, da hängt ja einer!“ „Ob das erlaubt ist?“ „Also, ich würd’ das nicht freiwillig machen.“

Ja, es ist erlaubt, und ja, es ist freiwillig: Reserveoffiziersschüler der Bundeswehr schweben an der Flanke der wohl schönsten Bergfestung von Europa entlang. Vom westlichen Ausleger des Plateaus aus, dem Dach der Horn-Kasematten, arbeiten sie sich abwärts. Rund vierzig Meter tief gähnt der Abgrund an dieser Stelle.

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Corona vereitelt die Schießausbildung

Die Festung hat längst keine militärische Besatzung mehr. Selbst in der Außenstelle des Militärhistorischen Museums, dem Neuen Zeughaus, sind ausschließlich Zivilisten tätig. Dass heute trotzdem fleckgetarnte Uniformen die Wehranlage besetzt haben, liegt ein bisschen an Corona. Eigentlich hätte der Lehrgang zum Schießen in die Oberlausitz fahren sollen, sagt Oberstleutnant Gunnar Wieland. Pandemiebedingt wurde der Übungsplatzaufenthalt gestrichen. Die Abseilübung ist nun Teil des Ersatzprogramms. „Etwas Militärisches, das auch Erlebnischarakter hat.“

"Alles kein Hexenwerk." Die Offiziersanwärter aus der Inspektion XIII hören sich auf dem Dach der Horn-Kasematten die Einweisung in das Gurtzeug an.
"Alles kein Hexenwerk." Die Offiziersanwärter aus der Inspektion XIII hören sich auf dem Dach der Horn-Kasematten die Einweisung in das Gurtzeug an. © Steffen Unger

Gunnar Wieland, imposante Statur, voller Bart, moosgrünes Barett der Grenadiertruppe auf dem Haupt, leitet die Inspektion XIII an der Dresdner Heeresoffizierschule. Seine Schüler kommen aus ganz Deutschland, sind zwischen Anfang zwanzig und Mitte fünfzig. Sie sind keine aktiven Soldaten, sondern haben zivile Berufe. Neben ihrem eigentlichen Job lassen sie sich zu Offizieren der Reserve ausbilden. Das funktioniert zum Großteil per Fernunterricht. Aber es gibt auch praktische Übungsphasen. Für jeweils eine Woche ziehen die Anwärter dann den Kampfanzug an.

Auf dem Festungsplatteau weht ein frischer Wind. Unten köchelt Nebelsuppe. Ein drahtiger Hauptfeldwebel, Heeresbergführer, zeigt den Soldaten, wie das Gurtzeug angelegt wird, und wo all die Karabinerhaken hingehören. Die Kletterausrüstung hat sich die Offizierschule bei den Spezialisten vom Ausbildungsstützpunkt Gebirgs- und Winterkampf im oberbayrischen Mittenwald ausgeborgt. Bei der Arbeit mit den unerfahrenen Soldaten setzt der Bergführer vor allem auf eines: „Man muss Ruhe ausstrahlen.“

Ein Ingenieur wird vorläufig Hauptmann

Trotz Ruhe und guter Ausrüstung: Wie überwindet man sich, über das schützende Geländer der Festungsmauer ins Bodenlose hineinzusteigen? „Es wird spannend“, sagt Tobias Scholz. Der 32-Jährige aus Bremen hat sein Gurtzeug bereits fertig angezogen. Als ausstudierter Elektrotechniker trägt er schon die Schulterklappen eines Hauptmanns. Ein vorläufiger Dienstgrad, den er sich im Kurs erst noch erarbeiten muss. Die Festung kennt der gebürtige Dresdner bereits von einem früheren Besuch. „Abseilen war aber nicht Teil der Führung.“

Oberstleutnant Gunnar Wieland, Diplompädagoge und Lehrer an der Dresdner Heeresoffizierschule, leitete die Übung. "Wer keine Angst hat, kann auch nicht mutig sein."
Oberstleutnant Gunnar Wieland, Diplompädagoge und Lehrer an der Dresdner Heeresoffizierschule, leitete die Übung. "Wer keine Angst hat, kann auch nicht mutig sein." © Steffen Unger

Hauptmann Scholz wird im Bundesamt für Infrastruktur der Bundeswehr eingesetzt werden, wird sich um die Stromversorgung im Einsatz kümmern, etwa in den Feldlagern. Vermutlich wird er kaum in die Verlegenheit geraten, sich abseilen zu müssen. Dennoch hält er die Ausbildung für nützlich. Zum Dienstgrad des Offiziers gehört es, Herausforderungen anzunehmen und Mut zu beweisen, sagt er, in vielen Situationen. Freilich, ihm wird mulmig werden, wenn er über die Mauer steigt. „Aber es wird auch ein tolles Gefühl sein, wenn man unten angekommen ist.“

Führen durch Vorbild: Der Chef hängt als Erster am Seil

Als Erster seilt sich aber der Chef ab, Oberstleutnant Wieland. Führen durch Vorbild. Auch wenn er das schon an die dreißigmal gemacht hat. „Es ist immer eine Überwindung.“ Angst zu haben ist kein Makel. Das sagt er auch seinen Soldaten. „Wer keine Angst hat, der kann auch nicht mutig sein.“ Wieland will aus den Männern keine Bergsteiger machen. Er sieht die Übung als einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung. Vertrauen zu fassen, darum geht es, zum Team, zur Ausrüstung und zu sich selbst: „Ich kann mich überwinden.“

„Nächster!“, ruft der Bergführer. Tobias Scholz ist an der Reihe. Der Hauptfeldwebel prüft die Ausrüstung: Alles am richtigen Platz? Nichts verdreht? Dann hakt er Sicherungs- und Bremsseil an Scholzes Geschirr fest. Beide Leinen sind mit einer Reihe enormer Betonklötze verbunden, jeder eine halbe Tonne schwer. Ohne zu zögern klettert der Offiziersanwärter über die Metallstange auf die Brüstung, tastet mit den Stiefelspitzen nach dem Sims, der einen Meter unterhalb der Mauerkrone den letzten Halt gibt. Beide Hände ans Bremsseil, kommandiert der Bergführer, „und dann geht’s abwärts!“

„Es hat Überwindung gekostet.“ Tobias Scholz ist zurück auf der Erde. Im Anschluss an das Abseilen marschierten die Soldaten via Lilienstein und Schwedenlöcher auf die Bastei.
„Es hat Überwindung gekostet.“ Tobias Scholz ist zurück auf der Erde. Im Anschluss an das Abseilen marschierten die Soldaten via Lilienstein und Schwedenlöcher auf die Bastei. © Steffen Unger

Wichtig beim Abseilen: Gesäß tief, die Beine möglichst steil gegen die Wand stemmen, damit man nicht abrutscht. Solange gemauerte Steine die Oberfläche bilden, ist das noch recht simpel. Doch sehr bald geht es am gewachsenen Fels entlang. Die Risse und Rippen des Steins streben mal hierhin und mal dorthin. Konzentration und Körperspannung sind gefragt, um die Balance nicht zu verlieren.

Reservisten als Bindeglieder zur Gesellschaft

Oben stellt sich der Bergführer auf die Zehenspitzen, späht zu Tobias Scholz hinab, der sich langsam aber stetig entfernt. „Passt, oder?“ Es passt. Komplikationsfrei erreicht der Hauptmann in spe den Boden. Beim Übersteigen des Geländers ging der Puls schon ein wenig schneller, berichtet er später, wegen des Respekts vor der Höhe. Aber dann, an der Wand, gewannen die Glückshormone langsam die Oberhand. Er hat sogar ein wenig den Ausblick genossen. Ein bisschen Stolz liegt in seiner Stimme. „Wer kann schon sagen, dass er sich vom Königstein abgeseilt hat?“

Unerwartete Attraktion: So sahen die Besucher der Festung Königstein am Mittwochmorgen den Abseilakt der Reservisten.
Unerwartete Attraktion: So sahen die Besucher der Festung Königstein am Mittwochmorgen den Abseilakt der Reservisten. © SZ/Jörg Stock

Oberstleutnant Wieland empfindet die Arbeit mit den Reservisten als gewinnbringend. Nicht nur, dass er selber eine ganze Menge von seinen Schülern lernt, die aus allen Bereichen der Gesellschaft kommen. Er hofft auch darauf, dass sie das, was sie hier erleben, daheim weitererzählen. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht ist die Verbindung der Armee zur Allgemeinheit schwächer geworden. „Die Reservisten sorgen für die Vernetzung zwischen der Bundeswehr und der Zivilgesellschaft.“

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