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Bunt wie das Leben

Die Alternative für Deutschland gründete ihren Kreisverband in Görlitz. Nun will sie die Gemeinde-Parlamente erobern.

Von Sebastian Beutler

Um 11.08 Uhr ist ein wichtiger Meilenstein für die „Alternative für Deutschland“ geschafft. Der Leipziger Kreisvorsitzende Uwe Wurlitzer kann als Tagungsleiter in der Görlitzer Gaststätte „Zur Landeskrone“ nach gerade mal einer halben Stunde die einstimmige Gründung des Görlitzer Kreisverbandes der AfD verkünden. Alle 15 der insgesamt 30 Mitglieder an der Neiße sind dafür. Doch dauert es an diesem Sonnabend nochmal fast vier Stunden, ehe auch der erste AfD-Chef für den Kreis feststeht. Es ist Frank Großmann, ein 55-jähriger Görlitzer, der auch schon bislang die Fäden an der Neiße in der Hand hielt.

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Seit die AfD bei der Bundestagswahl mit mehr als acht Prozent an der Neiße ihr bestes bundesweites Wahlergebnis einfuhr, ist der noch jungen Partei auch hier Aufmerksamkeit sicher. Sogar der Chefreporter des Kölner Stadt-Anzeigers verfolgt die Versammlung einige Zeit, denn auch im Westen der Republik will man wissen, warum die erst im April gegründete Partei ausgerechnet im äußersten Zipfel der Bundesrepublik so erfolgreich abschnitt, warum die FDP-Wähler im Süden dieses Mal vor allem AfD wählten, warum die Partei von den Protestwählern profitierte.

Die Partei selbst hält sich mit dem Wahlergebnis nur noch kurz auf. Der sächsische Vize-Vorsitzende Thomas Hartung will bereits ausgemacht haben, wie die anderen Parteien nach der Wahl in Sachsen schleichend AfD-Positionen übernommen haben, etwa wenn der CDU-Innenminister fordert, dass Asylbewerber schneller eine Arbeitserlaubnis bekommen soll oder die Regierungskoalition sich nun auch für kleinere Schulen auf dem Lande einsetzt oder die Abschaffung ganzer Studiengänge kritisiert wird. Ob die zeitliche Abfolge wirklich so war, ist nicht ganz so wichtig. Es passt einfach zu gut. Andererseits lässt sich die AfD auch von der öffentlichen Meinung treiben. Weil an anderen Orten auch schon mal Rechtsextreme versucht haben, die Partei zu übernehmen, gibt es in Sachsen ein eisernes Regiment. Für den ersten Kreisvorstand dürfen deshalb nur Personen kandidieren, die ein blütenweißes polizeiliches Führungszeugnis sowie eine Erklärung zu einer etwaigen Stasi-Mitarbeit vorlegen. Sogar aktive Mitstreiter im Bundestagswahlkampf bekommen das an diesem Sonnabend zu spüren. So können sich die Zittauer Busunternehmerin Silke Grimm wie auch der Bernstädter Kaufmann Hendrik Förster nicht um einen Sitz im fünfköpfigen Vorstand bewerben. Sie hatten das Führungszeugnis nicht dabei.

Aber auch so zeigt dieser erste Vorstand, wie bunt die Mitgliederschaft der Alternative ist oder wie Hartung sagt, warum „wir für das gesamte Volk wählbar sind“. Da sind Kleinunternehmer wie der Görlitzer Frank Großmann, der eine Verwaltungsfirma betreibt, oder der Zittauer Jörg Domsgen mit seinem Lohnbuchhaltungsbüro, ein Polizeibeamter mit Sebastian Wippel, ein Solardach-Unternehmer mit dem Olbersdorfer Dr. Hans-Gerd Hübner oder Detlef Lothar Renner, der wegen des Strukturwandels in den vergangenen Jahren des öfteren seinen Beruf wechseln musste. Sie sind zwischen 30 und 58 Jahre alt, stammen alle aus der Region und haben eine politische Vergangenheit. Hübner und Domsgen gehörten früher der SED an, traten aber zur Wende oder wenig später wieder aus. Renner wollte für die Linke in den Bundestag, und Frank Großmann wirkte bis Ende 2012 bei der SPD mit. Sebastian Wippel lernte Politik bei der niedersächsischen FDP in Edewecht bei Oldenburg. Doch es gibt auch Mitglieder wie Kfz-Meister Norbert Mosig aus Löbau, der in der DDR nicht das Abitur machen durfte, weil er den Armeedienst mit der Waffe ablehnte und jetzt bei der AfD seit einer Woche Mitglied ist. Nur im Norden des Kreises sieht es mit Mitgliedern noch mau aus.

Nun aber nimmt die neue Partei die nächsten Wahlen in den Blick. Vize-Chef Thomas Hartung will vor allem in den Landtag, um die Politik zu verändern. Frank Großmann setzt auf Kreistag und Gemeindeparlamente, damit der Wahlerfolg von Ende September keine „Eintagsfliege“ und der Partei das Schicksal der Piraten erspart bleibt. Dafür müssen nun Kandidaten gewonnen und auch inhaltlich die Weichen gestellt werden. Wie schwer das sein kann, erlebten die Mitglieder bei der Satzungsdiskussion schon mal am Sonnabend. Da war dem einen in der Präambel zu viel Europa drin, dem anderen zu viel abendländische Kultur. Am Ende wurde die Präambel ganz gestrichen.