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Bunte Rückenbeutel voller Ideen

In der früheren Fabrik von Rucksack-Leunert in Bretnig arbeiten zwei Künstlerinnen an ihren Projekten.

Von Reiner hanke

Kunststoff und Kunst liegen manchmal sehr nahe beieinander. In Bretnig-Hauswalde nahe übereinander in einem Fabrikgebäude. Dort stellt im Erdgeschoss ein kleines Team Bänder her. Eine Etage darüber haben sich jetzt die Künstlerinnen Dorothee und Bettina Kletzsch eingerichtet. Auch dort wird Stoff verarbeitet und nicht nur geistiger Natur. Gewissermaßen knüpfen die Künstlerinnen sogar an die Geschichte der Industrie in dem Gebäude an. Im Atelier R7B1. Was so viel heißt wie Büro 1 in der Rosenthalstraße 7.

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Am kommenden Wochenende werden die beiden Schwestern aus Großröhrsdorf ihre Atelierräume und ihre Kunst den Besuchern vorstellen: Dann heißt es wieder „Kunst offen in Sachsen“. Dafür wollen die beiden Künstlerinnen in den nächsten Tagen noch Plakate aufhängen und Flyer verteilen. Das Bild für den Flyer hat Fotografin Dorothee Kletzsch in Szene gesetzt: Zwei bunte Säcke sind darauf zu sehen mit einer Botschaft: „Wir sind wiedergekommen und haben etwas mitgebracht.“ Darauf darf das Publikum gespannt sein. Beide Künstlerinnen hatte es zum Studium in die Ferne verschlagen. Dorothee Kletzsch studierte in Essen an der Folkwang Universität der Künste Kommunikationsdesign und kehrte mit einem Diplom heim. Ihre Leidenschaft ist die künstlerische Fotografie. Ihre Schwester Bettina studierte in Bielefeld Modedesign, mit Abschluss als Master of Arts: Experimentelle Mode ist ihre Sache – keine Kleidchen, betont sie. Der Blick fällt auf eine dicke Jacke, zusammengefügt aus Puzzle-Teilen: „Wie das Leben“, sagt die Designerin. Deshalb dürfen die Kreationen auch alltagstauglich sein.

Auf dem mächtigen Zuschneidetisch im Atelier liegt der Beweis: Ein Stapel bunter Rückenbeutel. Eine Kombination aus Rucksack und Jutebeutel, flexibel verwendbar. Wer den derben Stoff fühlt, erinnert sich sofort an frühere Tage beim Urlaub zu DDR-Zeiten an der Ostsee. Aus diesem Stoff waren Campingträume genäht, zum Beispiel Steilwandzelte. Rucksäcke und Zeltwaren wurden auch früher in der Fabrik hergestellt. Die errichtete Georg Leunert 1934, erinnern sich Enkeltochter Juliane Grubert und ihr Ehemann Christian Grubert. RuLeu – Rucksack-Leunert war ein Markenname. 1972 wurde der Betrieb enteignet. Mit der Wende 1990 brach der Rucksack-Absatz allerdings zusammen. Die Immobile ist nun wieder im Besitz der Familien, die Räume vermarktet. Mit den beiden Künstlerinnen verbinden Gruberts familiäre Bande: „Die beiden machen tolle Sachen, haben Ideen und brauchen Räume, um sie zu verwirklichen“, sagt Christian Grubert. Deshalb will er ihnen gern eine Starthilfe geben. Platz sei genug da.

Und das ist nicht alles. Ein ganzer Berg von dem Zeltmaterial und Zubehör lagert auch noch in der Fabrik: „Viel zu schade für den Müll“, sagt die 28-jährige Bettina Kletzsch. Sie besorgte sich Nähmaschinen der DDR-Marke Textima und legte los. So entstand der Rückenbeutel. Den gibt es in Blau und Grün, orangefarben und kariert. In einem Berliner Geschäft und im Internet ist er zu haben. Mit der Schwester verbindet Bettina Kletzsch nicht nur ein Atelier-, sondern auch eine Ideengemeinschaft. Das „Viel-zuschade-für den Müll“ ist dabei ein Schlüsselgedanke beider Künstlerinnen. Dabei geht es ihnen nicht nur um Zeltstoff. Dorothee Kletzsch hat in vielen ihrer Fotografien Verpackungsmüll hintergründig in Szene gesetzt. Zum Beispiel eine Verpackung für Schaumküsse mit Kussmund oder einen etwas zerflederten Milchkarton. Aber auch ihre Pflanzen-Stillleben strahlen etwas ganz Besonderes aus. Der Raum, in dem sie hängen, trägt den Beinamen Arktis, weil es im vergangenen Winter so kalt drin war, verraten die Schwestern.

Es sind Arbeiten, die sich kritisch mit der Wegwerfgesellschaft auseinandersetzen, in der viel zu viel Müll, Verpackungsmüll entsteht. Die Kritik ist eher spielerisch, nicht mit dem Zeigefinger. Passend zu dem Thema hat Bettina Kletzsch gleich noch die Besen gestaltet, mit denen sich nichts unter den Teppich kehren lässt: Besen aus Streifen von Bonbon- und Chipstüten und anderen Materialien, die meist achtlos in die Gelbe Tonne oder sogar in die Landschaft fliegen. Wenn sie nicht im Atelier der beiden Großröhrsdorferinnen landen und eine zweite Karriere machen. Das dürfen auch Sessel im DDR-Design und Alu-Löffel, wie sie in realsozialistischen Betriebskantinen zum Alltag gehörten: „Es geht uns darum, dass man diese Sachen nicht wegwirft. Man kann sich ja nicht einfach von seiner Sozialisation trennen“, sagt die 38-jährige Dorothee Kletzsch. Und manchmal erfährt man erst in der Ferne, wie schön es in der Heimat ist. Zum Beispiel beim Zelten mit RuLeu-Rucksack. Eine kleine Fotoschau mit Sound berichtet davon im Atelier. Mit dem Sound reißender Zeltbahnen. Ritsch, ratsch zischt es aus den Boxen. Ein Geräusch, das in den Ohren von Campern wahrscheinlich eher bedrohlich klingt. Am Sonntag und Montag wird Dorothee Kletzsch im Atelier außerdem aus eigenen Texten lesen – über ihre Zeit im Ruhrgebiet. Die liegt hinter der Künstlerin. Froh sind beide, dass sie nun hier den Raum haben, um ihre Projekte zu entwickeln. Ausstellen wird Dorothee Kletzsch ihre Arbeiten in diesem Jahr noch in Berlin und Duisburg, Bettina auf der Ostrale ab 18. Juli in Dresden. Aber vorher gibt es zu Pfingsten im Atelier viel zu entdecken.

Dorothee und Bettina Kletzsch zeigen Sonntag und Montag 10 - 18 Uhr ausgewählte Arbeiten: Modedesign, Fotografie, Soundinstallationen. Lesung: So./Mo. 16 Uhr.