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Camping boomt - aber es kann auch richtig nerven

Grölende Partytouristen im Nachbarzelt können einem den Urlaub mehr verhageln als Starkregen. Ist das die unschöne Seite des Campingbooms?

Wer Zeltnachbarn mit einem solchen Alkoholvorrat hat, muss echt um seinen Nachtschlaf fürchten.
Wer Zeltnachbarn mit einem solchen Alkoholvorrat hat, muss echt um seinen Nachtschlaf fürchten. © Christian Thiel/imago

Von Beate Erler

Senftenberg. Am Freitagabend rücken sie an: Zwölf junge Männer, die im idyllischen Hafencamp am Senftenberger See eine Party feiern wollen. Für die erste Nacht haben sie sechs Kästen Bier und für alle Fälle noch mehrere Flaschen Schnaps dabei. Kurz darauf ploppen die ersten Flaschen auf. Die Ruhe verfliegt mit jedem Kronkorken mehr, der durch die Luft fliegt. Im Vorübergehen hört Thomas Michel, der mit seiner Freundin auf dem Platz zeltet, Sätze wie: „Fast nur Familien hier, alles Lappen.“

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Ähnliches erlebte Nicole Friese aus dem Raum Meißen. Mit ihrer Familie war sie Ende Juli am Grünewalder Lauch, einem See in Brandenburg, für einige Tage zelten. Da waren die Störenfriede einige befreundete Familien, die ihren Urlaub am Ballermann stornieren mussten und daher in diesem Sommer eine Campingplatz-Tour unternahmen. „Das war eine 20-köpfige Gruppe. Sie errichtete ihre eigene Zeltstadt. Alles war sehr beengt“, sagt sie. „Wir sind nach Mitternacht viermal zu den Leuten hin und haben sie freundlich ermahnt.“ Erst, als es beinahe zu einer Schlägerei kam, kam auch die Rezeptionistin aus ihrem Kabuff.

Sie feiern nachts bis zum Erbrechen

In diesem Corona-Sommer sind mehr Gäste denn je auf Campingplätzen unterwegs, darunter sicherlich auch Partytouristen, die ansonsten lieber am Ballermann Urlaub machen. „Im Vergleich zu den Vorjahren haben wir in diesem Jahr etwas mehr Gäste auf unseren Campingplätzen am Senftenberger See und in der Region“, sagt Julia Kussatz vom Zweckverband Lausitzer Seenland Brandenburg. Nur vereinzelt seien es aber Urlauber, die aufgrund der aktuellen Lage nicht ins Ausland reisen können. Auch der Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD) sieht keine Probleme. „Mir ist nicht zu Ohren gekommen, dass es einen neuen Trend oder wachsende Probleme hinsichtlich eines Partytourismus gibt“, sagt Geschäftsführer Christian Günther.

Dass einzelne Urlauber aber ausreichen, um einen Campingplatz bis vier Uhr nachts wach zu halten, haben Michel und seine Freundin aus Dresden im Hafencamp am Senftenberger See erlebt: „Sie haben die ganze Nacht gefeiert, sprichwörtlich bis zum Erbrechen.“ Als Einziger habe er die Gruppe angesprochen und um etwas mehr Ruhe gebeten, ohne Erfolg. Bis vier Uhr früh lagen Michel und seine Freundin wach. Am nächsten Morgen standen dann aber einige Leute mehr an der Rezeption, die sich beschwerten.

Wenige nerven Viele

Michel war schon auf vielen Campingplätzen unterwegs und erlebte so eine Ruhestörung bisher noch nicht. Ob solche Gruppen in diesem Sommer öfter für Ärger sorgen, ist schwer festzustellen. „Tatsächlich wird das nirgendwo erfasst und registriert“, sagt Günther. Erholung gelte im Tourismus und auch beim Camping als das Hauptmotiv, und störende Faktoren insbesondere während der Nachtruhe seien zu minimieren oder abzustellen.

Das hätte sich auch Michel gewünscht: „Der Sicherheits-Mann war nur einmal da, und auch sonst passierte nichts.“ Ihn ärgert am meisten, dass sich wenige Leute so rücksichtlos benehmen und alle anderen darunter leiden. In so einem Fall hätte die Campingplatzleitung sogar die Polizei rufen können, erfuhr er am nächsten Tag von einer Angestellten. Der Zweckverband Lausitzer Seenland Brandenburg findet, dass sich die Situation keineswegs verschlechtert habe. „Ruhe und Erholung sind für uns von oberster Priorität und werden durch den nächtlichen Personaleinsatz in unseren Urlaubsanlagen stets kontrolliert“, sagt Kussatz.

„Wir wollen keinerlei Trinkorgien“

Laut BVCD hat die Qualität in der Campingplatzbranche erheblich zugenommen. Sie wird durch festgelegte Kriterien bestimmt, an denen Campingplätze sich orientieren und, ähnlich wie Hotels, bewerten lassen können. Dennoch gibt es im Bewertungsbogen des BVCD und des Deutschen Tourismusverbandes kein Kriterium für Ruhe und Erholung. Einzig Nachtwache und Aufsicht sind da aufgeführt: Demnach gibt es mehr Sterne, wenn ein Platzwart vor Ort ist und mindestens zwei Kontrollen pro Nacht durchgeführt werden.

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