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Campino-Film über Wim Wenders

Neu im Kino: Ein Jahr begleitete der „Toten Hosen“-Sänger den genialen Filmregisseur. Nun startet sein Porträt „Wim Wenders, Desperado“.

Der Regisseur Wim Wenders (l.) und Andreas Frege, Sänger der ehemaligen Punk-Band "die Toten Hosen", unlängst bei der Filmpremiere von „Desperado“.
Der Regisseur Wim Wenders (l.) und Andreas Frege, Sänger der ehemaligen Punk-Band "die Toten Hosen", unlängst bei der Filmpremiere von „Desperado“. © Markus Scholz/dpa

Von Andreas Körner

Selbst ein Dokumentarfilm über Regisseur Wim Wenders sollte in erster Linie über Bilder funktionieren. Ein reines Sprechende-Köpfe-Ding, montiert mit Ausschnitten seiner Werke und schmissigen Songs, würde zu schnell ermüden. Und das nicht nur, weil Wenders, der am 14. August seinen 75. Geburtstag feiert, nicht gerade als eloquenter Quasselmann bekannt ist. Die wenigen Sätze, die er in „Wim Wenders, Desperado“ mit gewohnt gelassenem Ton spricht, haben Gewicht. So wie viele seiner Filme auch. Nicht alle, aber das muss auch nicht sein.

Kollege Werner Herzog sieht es anders. Einen schlechten habe es nicht gegeben, sagt er den „Desperado“-Regisseuren Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege in die Kamera. Ergänzt durch einen sich förmlich zum Zitat aufdrängenden Satz für Studenten: „Wenn du Filme machen willst, schau dir Wims Filme an, du Depp!“ 

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Es überrascht nicht, dass eine Begegnung zwischen Herzog und Wenders einer der Höhepunkte dieser zweistündigen Dokumentation ist. Herzog räumt darin gleich mal mit der gern verteilten Etikette auf, sie beide und noch ein paar andere übliche Verdächtige wären dem Neuen Deutschen Film zuzuordnen. Wenders ergänzt: „Wir waren Einzelgänger hoch zehn.“

Nachlassende Freude im Spätwerk

Wim Wenders wollte eigentlich Maler werden. In Medizin, Philosophie und Soziologie schnuppert er nur rein, bevor er 1966 nach Paris geht, eben, um zu malen. Doch in der dortigen Cinémathèque francaise wird Wenders ausgetrickst. War das alte Kino für ihn zunächst nur ein warmer Platz im kalten Winter, wird es bald zu einem Ort, an dem „ich sein wollte“. Manchmal in fünf Vorstellungen an einem Tag. Später selbst Filme zu machen, wird für ihn zur „Möglichkeit, Maler zu bleiben“.

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Bilder also! Besondere cineastische Kompositionen, gepaart mit sehr eigener Poesie in einer eher (lebens-)fragenden Sprache und immer wieder genial platzierter Musik werden Wenders’ Œuvre bis heute durchziehen. Anders als Werner Herzog es zu wissen meint, konnten sehr wohl nicht alle Wenders-Spielfilme ihre Versprechen einlösen. Besonders im Spätwerk, beginnend in den Neunzigern, tun sich immer wieder Tücken auf, die Donata Wenders, fotografierende Ehefrau, mit einem zunehmenden Unmut ihres Mannes begründet, einer nachlassenden Freude. 

Der Zeitdruck bei heutigen Produktionen sei daran schuld. Auch deshalb fühle sich ihr Mann als passionierter Dokumentarfilmer zunehmend besser. Es war den Streifen, die dabei herauskamen, anzusehen, sei es über Tanz-Ikone Pina Bausch, die kubanischen Seniorenmusiker des Buena Vista Social Clubs, über Fotograf Sebastião Salgado oder den Papst. Starke Bilder auch hier.

Wenders selbst will den Film nicht sehen

Es drängte sich förmlich auf, falls sich Wenders einlassen würde, den Protagonisten über die Optik in seine eigene Filmografie zu holen. Ein Jahr lang durften Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege an Wenders’ Fersen sein. So geht es noch einmal zurück an die US-amerikanischen Drehorte von „Paris, Texas“ (Kult!) oder „Don’t Come Knocking“ (unterschätzt!), nach Wien zu Erika Pluhar und „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, natürlich in die deutsche Bibliothek und französische U-Bahn zu „Der Himmel über Berlin“ und „Der amerikanische Freund“. 

Die szenische Idee des Nachstellens trägt „Wim Wenders, Desperado“ und verbraucht sich überraschenderweise nicht. Sie rechtfertigt zudem einen Kinoeinsatz der Doku vor der Fernsehausstrahlung im späten Nachtprogramm der ARD.

Schwieriger sind die eingestreuten Interviews, die nicht immer Essenzielles bringen wie in knappen Momenten mit Donata Wenders und Hark Bohm. Mit dabei sind unter anderem Patti Smith, Willem Dafoe, Ry Cooder, Andie McDowell, Rüdiger Vogler, Hanns Zischler, Tom Farrell, Agnes Godard, Patrick Bauchau, Ed Lachman.

Für Cineasten hoch spannend, im Film aber eher fremdelnd, ist die Ausführlichkeit, mit der das harte Scheitern Wenders’ im Zusammenhang mit den Dreharbeiten zu „Hammett“, Ende der Siebziger, behandelt wird. Francis Ford Coppola, damals „Hammett“-Produzent, stellt sich den Fragen und punktet nach über 40 Jahren mit zur Schau gestellter Güte, während sich Wenders noch vorsichtiger zeigt in der Wahl seiner Worte.

Er wird sich auch „Desperado“ nicht anschauen“, sagt Wim Wenders lakonisch. Macht er nie. Und wer er selbst sei, will er auch nicht wissen: „Ich sehe diesen Typ schon jeden Morgen beim Rasieren. Das reicht mir.“

  • „Wim Wenders, Desperado“ ist in Einzelvorstellungen im Programmkino Ost zu sehen. Am 14. August, dem 75. von Wenders, läuft der Film 23.50 Uhr in der ARD.
  • Eine umfassende Werkschau von Wenders ist derzeit in der ARD-Mediathek abzurufen.

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