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Canaletto kommt nach Hause

Die Festung Königstein holt zwei millionenschwere Bilder an ihren Entstehungsort. Für immer bleiben können sie nicht.

Von Ines Mallek-Klein

Das Cuttermesser klickt. Zentimeter für Zentimeter durchtrennt die scharfe Klinge die Folie, bis sie schließlich raschelnd zu Boden fällt. Da ist es. Das erste von zwei Originalgemälden des italienischen Malers Bernardo Bellotto, besser bekannt als Canaletto. Gemalt im Königsformat, also 2,36 Meter breit und 1,32 Meter hoch. Der Transport in die Magdalenenburg, dem Ausstellungsort auf der Festung Königstein, wurde mit einer nachgebauten Transportkiste geprobt. Die Treppen sind eng, die Türen schmal. Doch trotz aller Vorbereitungen: Gestern mussten die Kisten vor der Tür stehenbleiben. Sie waren exakt einen Zentimeter zu groß.

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Das Bild „Kommandantengarten und Brunnenhaus auf der Festung Königstein“ gehört ebenfalls zu dem Zyklus aus insgesamt fünf Bildern.
Das Bild „Kommandantengarten und Brunnenhaus auf der Festung Königstein“ gehört ebenfalls zu dem Zyklus aus insgesamt fünf Bildern.

Die Gemälde wurden also am Eingang der Magdalenenburg aus ihrem hölzernen Gefängnissen befreit. Eine Aufgabe für kräftige Jungs. 140 Kilogramm wiegt eines der von goldenen Rahmen gezierten Kunstwerke. Schuld daran ist eine Glasplatte. Neun Millimeter dick ist das Sicherheitsglas, das die Ölgemälde schützen und das Mikroklima erhalten soll. Diese Glasplatte hatten Königsteins Ausstellungsmacher nicht einkalkuliert und waren deshalb auch vom Gewicht der Bilder überrascht. Sieben Männer waren nötig, um die Riesen in den Ausstellungssaal zu bringen. Eine Millimetersache, die nicht ganz billig ist. Rund 14 000 Euro kostete die Anreise der Bilder, verrät Stephan Diesend von der Spedition Schenker, die mit ihrer Abteilung Museumslogistik und einem Londoner Partner den Transport übernommen hatte.

Bisher standen die Bilder im Depot der Manchester City Galleries. Wie das Museum in den Besitz der Kunstwerke gekommen ist, kann selbst Christopher Russell nicht genau sagen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums hat den Kunsttransport begleitet. Nun steht er am Bild und begutachtet mit Experten die Aufhängungen. Zwei Ösen an der Rückwand des Rahmens halten die Bilder. Zusätzlich gibt es eine Sicherung. Sie soll verhindern, dass das Gemälde ausgehoben werden kann.

Damit nicht genug. „Wir mussten viel in die Sicherheit investieren“, sagt Angelika Taube, Geschäftsführerin der Festung, und schaut zur Decke. Dort hängen Überwachungskameras und Alarmanlagen. Zudem wurde im Ausstellungsraum in der Magdalenenburg eine eigene Klimaanlage eingebaut. „Falls der Sommer so heiß wird wie im letzten Jahr“, sagt Angelika Taube. Vor der Tür patrouillieren seit Tagen Wachleute. Sie haben nicht nur die beiden Canaletto-Bilder im Blick, sondern rund 100 weitere Kunstwerke, die die Festung zeigen. Die ist seit über 500 Jahren Teil der bildenden Kunst. Viele Gemälde und Stiche sind im Laufe der Zeit entstanden. Ein Teil davon ist im Besitz der Festung selbst, ein Teil wurde geliehen. Spektakulärster Bestandteil der Ausstellung mit dem märchenhaften Titel „Die Schönste im ganzen Land“ sind zweifelsfrei die Canalettos.

Details faszinieren noch heute

Auftraggeber für die Kunstwerke war im 18. Jahrhundert Friedrich August der Zweite, der als August der Dritte auch König von Polen wurde. Die Festung Königstein war damals militärisches Sperrgebiet. Um dort malen zu dürfen, brauchte Canaletto eine Erlaubnis von seinem Auftraggeber. Der entsprechende Brief liegt heute noch im Staatsarchiv, sagt Andrej Pawluschkow. Er ist der Ideengeber und Kurator der Ausstellung, die am 11. April offiziell eröffnet wird.

Die beiden Canalettos sind einzigartig. Sie zeigen das Festungsleben im 18. Jahrhundert, mit Ziergarten, frisch gewaschener Wäsche auf den Leinen und Soldaten beim Plausch. Canaletto malt ungeschönt. Das Mauerwerk der Magdalenenburg bröckelt, die Wände sind feucht. Andrej Pawluschkow ist fasziniert von den Details. Besucher können jene Orte aufsuchen, an denen Canaletto malte. Aufsteller weisen den Weg und bieten die Möglichkeit, den Bau einst und heute zu vergleichen. Die beiden Canaletto-Bilder gehören zu einem fünfteiligen Zyklus. Die drei anderen Gemälde zeigen Außenansichten der Festung. Zwei befinden sich in englischem Privatbesitz. Die Außenansicht der „Festung Königstein von Westen mit dem Lilienstein“ wurde im Dezember 1991 bei einer Versteigerung in London von der National Gallery of Art in Washington erworben. Auch mit ihr hat man um eine Leihgabe verhandelt, aber ohne Erfolg, sagt Taube. Sie möchte mit den beiden Canaletto-Bildern die Besucher erfreuen und entschädigen. Dass die Festung ausgerecht 2014 die beiden Canalettos an den Ort zurückholt, wo sie gemalt wurden, hat einen Grund. „Die Westbebauung wird saniert, ein Teil unserer Ausstellungsflächen ist nicht nutzbar, dafür möchten wir den Gästen ein anderes Highlight bieten“, so Angelika Taube.

Als Canaletto damals malte, begann gerade der Siebenjährige Krieg. Sein Auftraggeber war nach Warschau geflüchtet. Der Maler aber wollte nicht auf seinen Lohn verzichten und verkaufte die Gemälde an einen Kunsthändler. Nun, nach über 250 Jahren, kehren zwei von ihnen dorthin zurück, wo sie entstanden.

Ausstellung „Die Schönste im ganzen Land“ ab 11.4., täglich 10 bis 18 Uhr. Eintritt im Festungsticket enthalten.