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Carolabrücke als Lebenswerk

Witlof Riedrich hat viele Großprojekte verwirklicht. Als Oberbauleiter der Carolabrücke hatte der Dresdner besondere Herausforderungen zu meistern.

Ein Gespräch unter Fachleuten. Witlof Riedrich (l.) führte als Oberbauleiter die Arbeiten an der 1971 fertiggestellten Carolabrücke. Thomas Börner vom Straßenbauamt ist Projektleiter bei der jetzigen Sanierung.
Ein Gespräch unter Fachleuten. Witlof Riedrich (l.) führte als Oberbauleiter die Arbeiten an der 1971 fertiggestellten Carolabrücke. Thomas Börner vom Straßenbauamt ist Projektleiter bei der jetzigen Sanierung. © René Meinig

Dresden. Auf der Carolabrücke ist es derzeit eng, der elbaufwärts liegende Brückenzug wird saniert. Dafür ist Projektleiter Thomas Börner vom Straßenbauamt zuständig, der an diesem Tage unter dem 400 Meter langen Bauwerk steht. An seiner Seite lehnt Witlof Riedrich an einem Bauzaun und schaut zu seiner Brücke empor. „Die Carolabrücke ist mein Lebenswerk“, sagt der 84-jährige Dresdner. „Da habe ich viel Herzblut reingesteckt.“ 1967 hatten die ersten Arbeiten begonnen. Von 1968 bis zur Fertigstellung 1971 führte der junge Ingenieur den Bau der Spannbetonbrücke mit ihren drei Zügen. „Man kann heute nur den Hut davor ziehen, was Herr Riedrich und seine Mitarbeiter damals geleistet haben“, sagt der heutige Projektleiter Börner. Das seien damals ganz andere technische und materielle Voraussetzungen gewesen. „Wie man so etwas ohne Computer geplant hat, können wir uns heute kaum noch vorstellen.“

Polier Günther Krell (l.) mit Oberbauleiter Witlof Riedrich vor der neuen Carolabrücke.
Polier Günther Krell (l.) mit Oberbauleiter Witlof Riedrich vor der neuen Carolabrücke. © Foto: Klaus Dauberschmidt

Der Einstieg: Bauleiter am Rossendorfer Kernreaktor

Nach seinem Abschluss an der Zittauer Ingenieurschule war Riedrich von 1956 bis 1958 Bauleiter am Rossendorfer Kernreaktor. „Mein erstes Projekt war schon ein ganz besonderes“, sagt er. Danach leitete er zehn Jahre lang bei der Bauunion Süd Baustellen in anderen Orten der DDR, so den Bau einer Munitionsfabrik bei Lübben und eines Munitionslagers bei Beeskow.

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Die Bauunion kam zum Autobahnbaukombinat. „Im Betrieb Süd hatten wir uns auf Brücken spezialisiert“, erklärt Riedrich. Im Zuge der Kohleverbindungsbahn zum Kraftwerk Vetschau wurden mehrere Großbrücken errichtet. Bis 1968 hatte Riedrich deren Bau in Altdöbern geleitet. Dann folgte die Carolabrücke.

Der Baustart: Himmelfahrtskommando beim Abbruch

1967 hatten die ersten Erschließungsarbeiten an dem Bauwerk begonnen. Es entstand in dem Bereich, wo die 1945 zerstörte und bis 1952 abgebrochene Königin-Carola-Brücke stand. Benannt wurde der Neubau nach Dr. Rudolf Friedrichs, dem ersten Dresdner Oberbürgermeister und ersten sächsischen Ministerpräsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine Überraschung gab es gleich zum Bauauftakt am 18. Mai 1967. Am Pfeiler auf der Altstädter Seite musste eine 250-Kilo-Fliegerbombe entschärft werden.
Eine Überraschung gab es gleich zum Bauauftakt am 18. Mai 1967. Am Pfeiler auf der Altstädter Seite musste eine 250-Kilo-Fliegerbombe entschärft werden. © Foto: Stadtverwaltung Dresden;

„Im April 1968 war ich als Oberbauleiter dazu gestoßen“, sagt er. Zwar waren nach dem Krieg die alten Brückenpfeiler abgebrochen worden. Doch die Fundamente standen noch. Sie mussten beseitigt werden, damit keine Schiffsanker daran hängen bleiben. „Da wurden Unterwassersprengungen gemacht, die Taucher vorbereitet hatten. „Das war ein Himmelfahrtskommando“, berichtet Riedrich. Die aus Rostock angerückten Taucher mussten unter Wasser mit Schweißbrennern die Bewehrungseisen und die stählernen Spundwände beseitigen. Ein äußerst harter und gefährlicher Job.

Das Lehrgerüst am Altstädter Ufer steht im März 1968. Auf ihm wird der Überbau errichtet.
Das Lehrgerüst am Altstädter Ufer steht im März 1968. Auf ihm wird der Überbau errichtet. © Foto: Stadtverwaltung Dresden;

Der alte Pfeilerfuß in der Elbe auf der Neustädter Seite steht noch heute. Mit Presslufthämmern wurde das Innere damals so ausgehöhlt, dass das Stahlbetonfundament für den neuen Pfeiler reingesetzt werden konnte. Schließlich muss er größere Lasten tragen.

Der neue Pfeiler an der Neustädter Seite steht auf dem der alten, im Krieg zerstörten Carolabrücke.
Der neue Pfeiler an der Neustädter Seite steht auf dem der alten, im Krieg zerstörten Carolabrücke. © Foto: SZ/Peter Hilbert

Neue Pfeiler wurden gebaut und die Bauwerke an den Brückenenden, die sogenannten Widerlager, die die Kräfte aufnehmen. Für den jungen Bauingenieur war das ein straffes Programm. Schließlich absolvierte er damals neben dem Job und der Familie mit drei kleinen Kindern noch ein Fernstudium, um das Diplom zu erwerben.

Der Absturz: Kran fällt zwölf Meter in die Tiefe

Riedrich kann sich gut daran erinnern, wie er 1970 in der Matheprüfung einen Anruf bekam, ein Mobilkran war von der Brücke gestürzt. Riedrich sollte einen Schalwagen beim Bau der Fußwegplatte umheben. Vorgeschrieben gewesen sei jedoch, dass die Betongewichte auf dem Wagen zuvor abgebaut werden, damit der Kran nicht aus dem Gleichgewicht kommt. Den Aufwand wollten sich die Bauleute jedoch sparen.

Zuerst habe der Kranfahrer das abgelehnt. „Doch die Bauleute konnten ihn überzeugen, die Platten dennoch drauf zu lassen.“ Ein erster Test klappte. Doch beim Umschwenken geschah das Unglück. Der Kran stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Letztlich mussten sich der Kranfahrer und der Polier vor Gericht verantworten. „Mich hatten sie auch auf dem Kieker“, erzählt der damalige Oberbauleiter. „Doch ich hatte zuvor eine eindeutige Belehrung unterschreiben lassen.“ Also traf ihn keine Schuld.

Auf der Neustädter Seite nimmt die erste Brückenrampe 1968 sichtbare Konturen an.
Auf der Neustädter Seite nimmt die erste Brückenrampe 1968 sichtbare Konturen an. © Foto: Witlof Riedrich

Das Hochwasser: Pirnaer Pioniere schützen die Baustelle

Auch die Elbe stellte ihn vor Herausforderungen, so bei einem Frühjahrshochwasser. „Auf der Neustädter Seite stand noch das Lehrgerüst. Das Treibgut auf der Elbe hätte es umreißen können.“ Also habe er eine Lösung gesucht, wie das Holz bereits an den Blasewitzer Bootshäusern abgefischt werden kann. Letztlich gelang ihm das nach mehreren Anfragen. Die in Pirna stationierten Pioniere der Nationalen Volksarmee setzten dazu Schwimmwagen ein. „Da waren 27 Lkw-Ladungen Holz zusammen gekommen.“

Mit ihrer schwimmenden Technik konnten die Pirnaer Pioniere den Brückenbauern an der Carolabrücke helfen. Sie fischten bei Hochwasser Holz aus der Elbe, damit das Gerüst nicht beschädigt wird.
Mit ihrer schwimmenden Technik konnten die Pirnaer Pioniere den Brückenbauern an der Carolabrücke helfen. Sie fischten bei Hochwasser Holz aus der Elbe, damit das Gerüst nicht beschädigt wird. © Foto: Archiv NVA Pirna

Die Kritik: SZ-Bericht verhilft zu Drei-Schicht-System

Kurz vor Weihnachten 1968 erschien ein SZ-Bericht unter der Überschrift „Länger als beim alten August“, in dem die lange Bauzeit kritisiert wurde. Denn das Gerüst stand offenbar sehr lange. Allerdings sei den Redakteuren entgangen, dass es immer ein Stück elbaufwärts umgesetzt werden musste, da drei Brückenzüge gebaut wurden. „Am nächsten Tag stand der OB bei mir in der Tür und hat sich entschuldigt“, sagt Riedrich. „Das hat mir aber in der Argumentation geholfen, dass wir ab 1969 den Dreischicht-Betrieb rund um die Uhr einführen konnten.“

Ein Blick ins Innere der Carolabrücke. Hier bauen Eisenflechter die Stahlbewehrung im sogenannten Hohlkasten ein.
Ein Blick ins Innere der Carolabrücke. Hier bauen Eisenflechter die Stahlbewehrung im sogenannten Hohlkasten ein. © Foto: Stadtverwaltung Dresden;

Die Hängebrücke: Lösung für Betonleitung über die Elbe

Zuerst wurden die Brückenteile auf der Alt- und der Neustädter Seite gebaut. Dort konnte anfangs der Beton noch mit Kübeln eingebaut werden. Doch dann war das nicht mehr möglich. Also wurde eine 400 Meter lange Leitung über die Elbe gebaut, durch die der Beton bis zur Neustädter Seite gepumpt werden konnte. Die lag auf einer Hängebrücke über der Elbe, die auch als Fußweg von den Bauleuten genutzt wurde. „Wenn man darüber ging, schwankte sie so wie eine Hängebrücke im Dschungel“, erinnert sich der Baufachmann.

Juni 1970: Die Elbquerung wächst. In der Mitte ist noch die Hängebrücke zu sehen. Sie diente den Bauleuten als Zugang. Zudem lag dort das Rohr darauf, durch das der Beton gepumpt wurde.
Juni 1970: Die Elbquerung wächst. In der Mitte ist noch die Hängebrücke zu sehen. Sie diente den Bauleuten als Zugang. Zudem lag dort das Rohr darauf, durch das der Beton gepumpt wurde. © Foto: Stadtverwaltung Dresden;

Der Zeitdruck: Im Winter unter Schutzzelten weiter gebaut

„In der Endphase im Winter 1970/71 hatten wir einen enormen Zeitdruck.“ Doch der Winter war sehr hart. Also wurden beheizte Schutzzelte aufgebaut.

Im letzten Winter vor der Übergabe musste unter solchen Schutzzelten gearbeitet werden, um den Endtermin zu halten.
Im letzten Winter vor der Übergabe musste unter solchen Schutzzelten gearbeitet werden, um den Endtermin zu halten. © Foto: Klaus Dauberschmidt

Nur so konnten die Dichtungen und die sogenannten Höcker auf der elbabwärts liegenden Seite hergestellt werden. Auf denen wurden später die Gleise verlegt.

Zur Übergabe gönnen sich die Bauleute ein Bierchen. Sie haben voll mitgezogen und so zügig gearbeitet, dass sie den Brückenbau vorfristig beenden konnten.
Zur Übergabe gönnen sich die Bauleute ein Bierchen. Sie haben voll mitgezogen und so zügig gearbeitet, dass sie den Brückenbau vorfristig beenden konnten. © Foto: E. Höhne

So konnte die Brücke am 10. Juni 1971, pünktlich vorm SED-Parteitag, übergeben werden. „Bis zum Schluss mussten wir noch Geländer montieren und alles beräumen. Geschafft haben wir das nur, weil sich alle Mitarbeiter so stark engagiert und voll mitgezogen haben“, sagt er.

Oberbauleiter Witlof Riedrich hat am 10. Juni 1971 allen Grund zur Freude. Die moderne Carolabrücke kann feierlich übergeben werden.
Oberbauleiter Witlof Riedrich hat am 10. Juni 1971 allen Grund zur Freude. Die moderne Carolabrücke kann feierlich übergeben werden. © Foto: E. Höhne

Später baute Riedrich noch weitere Brücken, stieg zum Technischen Direktor des Betriebes Brückenbau im Autobahnbaukombinat auf und leitete nach der Wende die Dresdner Niederlassung der Alpine Bau, bis er im Jahr 2000 in den Ruhestand ging. Bekommt Witlof Riedrich heute Besuch, geht er mit ihm meistens zur Carolabrücke, seinem Lebenswerk.

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