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Carte Blanche: "Noch keinen Cent gesehen"

Die Corona-Krise hat Zora Schwarz und ihren Travestie-Kosmos hart getroffen. Doch auf eines kann sich die Chefin verlassen.

Zora Schwarz will mit ihrem Carte-Blanche-Theater die Krise vergessen lassen.
Zora Schwarz will mit ihrem Carte-Blanche-Theater die Krise vergessen lassen. © Sven Ellger

Dresden. Zehn Packungen Nudeln auf einmal hat Zora Schwarz nie gekauft. "Zur Not kann ich auch aus Mehl und Wasser etwas zaubern", sagt die Carte-Blanche-Chefin, die im Frühjahr neben ihrer eigenen Familie auch wochenlang ein älteres Ehepaar im Luisenhof mit bekochte. 

Respekt vor der Infektionsgefahr habe sie immer gehabt, sagt sie, aber nie Angst. Wie allen anderen Theatern der Stadt hat die Corona-Krise auch ihrem Haus heftig zugesetzt. Ab März war Schluss mit Glitzer und Tamtam. Mehr als 100 Vorstellungen fielen aus und auch in ihrem Backstage-Hotel ging nichts mehr, während die Fixkosten immer weiter liefen. Insgesamt seien das rund 40.000 Euro im Monat. "Ohne das sehr gute Jahr 2019 hätten wir das nicht überlebt", sagt Zora Schwarz, die sich ab dem Frühjahr immerhin über mehr Zeit mit ihrem Sohn freuen durfte, den sie auch durchaus intensiv zu Hause unterrichtete. 

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Auf Arbeit habe sie unterdessen noch im März die Gehälter ihrer 25 Angestellten in voller Höhe überwiesen, bevor sie Kurzarbeit anmeldete. Sie habe ja nicht ahnen können, wie stark sich diese Krise noch ausweiten würde. Obwohl sie rechtlich nicht dazu verpflichtet gewesen sei, seien häufiger auch Kartenpreise zurückgezahlt worden. Die meisten Käufer gaben sich aber mit Gutscheinen zufrieden oder spendeten das Geld sogar. "Ich musste fast weinen, als ich Briefumschläge mit Geldscheinen geschickt bekam, von Besuchern, die uns helfen wollten."

Die viel zitierten Fördertöpfe blieben für das Carte Blanche dagegen verschlossen. Das Theater fiel durch alle Raster und konnte mit seinem Jahresumsatz von über einer Million Euro lange Zeit auf keine Unterstützung hoffen. "Dabei zahlen wir so viele Steuern in dieser Stadt", beklagt die Chefin. "Das kann ich nicht verstehen."

Nun scheint zumindest ein bisschen städtisches Geld nah zu sein. Die Carte Blanche Theater GmbH steht auf einer Liste von 26 Dresdner Kulturbetrieben, auf die über das Projekt "Kunst trotzt Corona" insgesamt rund 150.000 Euro verteilt werden sollen, davon maximal 10.000 Euro pro Unternehmen.

"Bis jetzt haben wir noch keinen Cent gesehen", sagt Zora Schwarz, die keinesfalls falsch verstanden werden will. "Ich bin dankbar für jede Hilfe, auch wenn Beträge dieser Größenordnung allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein sind."

Nach langer Pause glitzert in Zoras Travestie-Theater wieder der Strass.
Nach langer Pause glitzert in Zoras Travestie-Theater wieder der Strass. © PR/Carte Blanche

Seit dem Neustart gilt im Carte Blanche das zuvor selbst erarbeitete Hygienekonzept. Statt 220 Plätze dürfen bis auf Weiteres nur 130 besetzt werden. Im Theater rufen an jeder Ecke Desinfektionsspender und Trennwände zur Disziplin, Ein- und Ausgänge sind Einbahnstraßen. 

Auch die Akteure auf der Bühne müssen auf die Abstände achten. Eine Vampir-Szene wurde Corona-bedingt komplett gestrichen. Auch unters Publikum mischen sich die Künstler vorerst nicht mehr.

Zora Schwarz will gar nicht daran denken, was eine zweite oder dritte Welle und ein neuer Lockdown bedeuten würden. "Das wäre eine Katastrophe", sagt sie. Für sie geht es ums Ganze, um ihr Lebenswerk. "Das Theater ist für mich kein Beruf. Es ist mein Leben. Ich brauche das alles, und ich brauche sogar den Stress."

Davon hatte sie in den vergangenen Tagen und Wochen genug. Seit Mitte Juni wird im Carte Blanche wieder gespielt und nach anfänglicher Zurückhaltung kehren auch die Besucher immer zahlreicher zurück. "Wir haben einfach die besten Gäste", sagt Zora Schwarz. "Ich danke allen dafür, dass sie uns die Treue gehalten haben." Zur Zeit ist im Theater ein Best-of zum 35-jährigen Jubiläum zu erleben. Im November steht eine neue Premiere an. Der Titel: "Traumfabrik".

Verstellbare Kostüme statt Anproben

Auch die Vorbereitungen für die neue Show wurden durch Corona mächtig durcheinandergewirbelt. Im Februar war Zora Schwarz zuletzt in Bangkok. Seitdem mussten alle länderübergreifenden Treffen und Kostümproben abgesagt werden. "Unsere Kostüme werden jetzt alle verstellbar geschneidert, damit sie am Ende auch jedem passen", sagt die Chefin. Für Oktober erwartet sie sehnsüchtig die ersten Lieferungen.

Im Carte Blanche geht es nicht nur irgendwie weiter. Zora Schwarz spürt die Freude am Neustart bis in ihre roten Haarspitzen. Um die Verluste auszugleichen, spielt ihr Ensemble seit September freitags und samstags gleich zwei Shows. Eine 18.30 Uhr und eine 22 Uhr. Das gab es zuletzt vor über zehn Jahren im damals noch viel kleineren Theatersaal.

Auch ihre ständig ausverkaufte Männer-Revue "Sixx Paxx" ist wieder angerollt. Außerdem soll das Programm für die Senioren erweitert werden. "Für ältere Menschen wird in unserer Stadt sowieso viel zu wenig angeboten", sagt Zora Schwarz. Bei ihrem Senioren-Special an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr zahlen Gäste ab 65 Jahren nur die Hälfte des Preises. "Am wichtigsten ist ihnen aber, dass sie im Hellen kommen und im Hellen wieder gehen können." Weil die Shows immer rasch ausverkauft sind, wurde gerade für den 18. Oktober eine zusätzliche Veranstaltung in den Kalender genommen.

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Das Ensemble Flowcircus tritt zweimal bei Zora Schwarz auf. Das Thema der Show passt zum Veranstaltungsort, findet die Gastgeberin.

Einen vielsagenden Tipp hat sie erst neulich von einer rüstigen Besucherin bekommen: "Es darf ruhig ein bisschen deftiger sein. Wir wissen, wie das geht."

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