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Omas Corona-Tod kann ihm den Humor nicht nehmen

Die Krise hat Kümmel, den Cartoonisten aus Niesky, ganz persönlich schwer getroffen. Unterkriegen aber lässt er sich nicht.

In der Corona-Krise muss selbst das Klopapier für Kümmels neueste Ideen herhalten.
In der Corona-Krise muss selbst das Klopapier für Kümmels neueste Ideen herhalten. © André Schulze

Leicht und locker führt Kümmel seinen Zeichenstift. Das war bisher so und soll auch so bleiben. Doch die Corona-Krise hat den Nieskyer Cartoonisten innehalten lassen. Und zum Nachdenken gebracht: Nichts mehr wird so sein wie früher. Trotzdem sehnt der 41-Jährige die Normalität vergangener Tage herbei und arbeitet an einer neuen Perspektive.

Plötzlich mittendrin in der Krise

Seit Donnerstag funktioniert das Leben für Kümmel wieder richtig - wenigstens im Rahmen der aktuell noch gültigen Einschränkungen. In den vergangenen 14 Tagen lebte er in Quarantäne. Ab dem Tag, den er nie vergessen wird. Denn als der Landkreis den ersten Corona-Sterbefall in Niesky bekannt gab, betraf das seine Oma.

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Kurz zuvor hatte er die alte Dame noch besucht und ihr zum 91. Geburtstag gratuliert. "Das Virus hat mir in diesem Moment mein Lächeln geraubt. Als junger Mensch denkst du, dich betrifft es nicht, alles ist weit weg. Dann so was - und schon bist du mittendrin." Plötzlich sei ihm so vieles durch den Kopf gegangen: Gesundheit, seine viel zu früh verstorbene Mutter, auch die eigene Existenz - und natürlich Klopapier.

Positives aus dem Schockmoment ziehen

Kümmel versucht, die Welt nach Omas Abschied noch ein Stück differenzierter zu sehen. "Die Krise bietet uns die Chance, den Kapitalismus eine Zeit lang ruhen zu lassen, uns selbst zu hinterfragen. Sie gibt uns den Raum für etwas mehr Menschlichkeit." Jede Medaille, meint der Nieskyer Künstler, habe zwei Seiten.

Die wirtschaftliche sei für ihn selbst fatal. "Familiär aber läuft es mit Frau und Sohn zu Hause super." Und so soll auch der Tod seiner Oma nicht umsonst gewesen sein: "Ich versuche die Medaille umzudrehen, etwas Positives aus diesem Schockmoment zu machen."

Kümmelige Auftritte jetzt weniger gefragt

Kümmel weiß inzwischen, dass es nicht leicht wird in den nächsten Wochen. Bisher trat er bei seinen Engagements überwiegend als Live-Künstler auf. "In den ersten Monaten des Jahres sind Termine sowieso spärlich gesät.

Wenn du dann schon im Februar die ersten Absagen bekommst, ahnst du, dass hier etwas ziemlich Schlimmes im Busche ist." Mittlerweile würden auch Auftritte für die zweite Jahreshälfte abgesagt. Und Privatfeiern mit kümmeligen Einlagen? "Die Leute überlegen sich, ob das jetzt Sinn macht. Tendenz: Verschieben."

Homeoffice muss organisiert werden

So ist für den Nieskyer Cartoonisten aktuell ausschließlich Homeoffice angesagt. Was nicht immer ganz leicht zu bewältigen ist. "Mit Frau und Kind zu Hause bleibt man gefordert", sagt Kümmel und lacht. Seine gewohnte Fröhlichkeit kehrt allmählich zurück. Seine Frau ist in die Kita-Notversorgung eingebunden, der sechsjährige Sohn kümmert sich teilweise selbst, will aber auch oft beschäftigt werden.

"Die erste Woche war noch ziemlich gut. Aber irgendwann geht's los: Da fehlen Oma und Opa, die Kumpels. Du kannst mit dem Kleinen nicht schwimmen, nicht in den Tierpark gehen. Beschäftigung muss organisiert werden - meine Hochachtung den Frauen, die das sonst überwiegend leisten."

Kümmel, der Nieskyer Künstler, findet auch in Zeiten von Corona viele Themen für seine Zeichnungen - hier ist es die Maskenpflicht.
Kümmel, der Nieskyer Künstler, findet auch in Zeiten von Corona viele Themen für seine Zeichnungen - hier ist es die Maskenpflicht. © Kümmel

Tagsüber Papa, in der Nacht am Zeichenstift

Kümmel hat seine kreative Arbeit deshalb auf die Nachtstunden verlegt. "Tagsüber läuft gar nichts. Da bin ich in erster Linie Papa. Wenn du trotzdem zeichnen willst, aber immer wieder rausgerissen wirst, trägt das nicht gerade zur positiven Stimmung bei." Wenn der Sohn im Bett liegt, geht's dann für ein paar Stunden an den Zeichenstift. "Da muss jeder Strich sitzen."

So holt der Cartoonist nach, was in den letzten Jahren liegengeblieben ist. Sinkt die Konzentration, steigt er auf Computerarbeit um. Da lassen sich Fehler schnell korrigieren. "Ich muss aktiv sein", spornt sich Kümmel in diesen schweren Zeiten selber an. Musiker würden Live-Konzerte im Internet machen, er zeichne eben jetzt Cartoons, mit denen er Corona auf die Schippe nimmt. "Ich kann mich von dem Virus doch nicht fertig machen lassen."

Kinderbuch und Puzzle sind weitere Projekte

Die Einnahmen dafür sollen die weggefallenen Live-Auftritte wenigstens ein bisschen ersetzen. Parallel dazu gehen solche Projekte weiter, die nicht von heute auf morgen umzusetzen sind und deshalb die Kasse noch nicht klingeln lassen. "Ich bin dran an einem Kinderbuch", erzählt Kümmel.

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"Aber auch an einem Puzzle für die Euroregion." Zudem habe er den Auftrag, Getränke-Untersetzer kulturell zu "veredeln". Seine Maxime für die nächsten Monate steht fest: "Auch wenn mir das Wasser bis zum Halse steht - einen Witz kann ich immer noch gurgeln." Kümmelig übersetzt bedeutet das: Es wird nicht leicht, aber der Nieskyer Cartoonist bleibt der Welt mit seinem frechen Zeichenstift erhalten.

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