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Görlitz

Wie Görlitz bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff hilft

Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker impft sich Antigene und hat einen Vorschlag im Kampf gegen Corona. Forscher am Untermarkt stellen Rechner zur Verfügung.

Gründungsbeauftragter Michael Bussmann (vorn) und die Forscher Maximilian Böhme, Tobias Dornheim und Jan Stephan (hinten, v.l.) arbeiten mit weiteren Kollegen bei Casus am Untermarkt in Görlitz.
Gründungsbeauftragter Michael Bussmann (vorn) und die Forscher Maximilian Böhme, Tobias Dornheim und Jan Stephan (hinten, v.l.) arbeiten mit weiteren Kollegen bei Casus am Untermarkt in Görlitz. © André Schulze

Inzwischen liegen sie vor, die  ersten Ergebnisse des Selbstversuches von Winfried Stöcker. Der Euroimmun-Gründer, Görlitzer Kaufhaus-Investor und Eigentümer des Flughafens in Lübeck hat sich Corona-Antigene injiziert und gehofft, dass sich Antikörper bilden, aus denen wiederum ein Impfstoff gewonnen werden kann. Das ist offenbar gelungen. "Der Immunisierungsversuch mit Corona-Antigen S1 ist bei mir günstig verlaufen", teilt er der SZ mit. 

Spritzen in den Oberschenkel

Seit dem 26. März spritzte sich Winfried Stöcker das Antigen in den Oberschenkel, zunächst in einfacher Dosis, Mitte April einmal in doppelter. Das Antigen wurde in seinem Labor hergestellt. Nicht das gesamte Virus wurde dafür verwendet, sondern nur eine kleine Komponente davon. Diese sei für sich allein nicht infektiös, so der Professor.

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"Die Immunisierung war also ungefährlich, es bestand keine Infektionsgefahr mit dem Coronavirus weder für mich noch für meine Familie und meine Kollegen. Und es geht mir erwartungsgemäß gut, ich spüre keine Anzeichen jedweder Erkrankung", schildert Winfried Stöcker.  Aus seiner Sicht könne man kurzfristig drei Viertel der Bevölkerung mit dem Antigen S1 immunisieren. "Vielleicht innerhalb des nächsten halben Jahres", so der Professor. 

Kritik an Stöcker-Versuch erwartet

Die Herstellung ausreichender Mengen wäre möglich. "So lange sollte man die Quarantäne-Maßnahmen fortsetzen und sie erst danach wieder lockern", findet er. Gleichzeitig weiß Winfried Stöcker, dass es Kritiker seiner Aktion geben wird. Forscher weisen immer wieder darauf hin, dass Impfstoffe erst in aufwendigen klinischen Studien getestet werden müssen, um sie auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen zu prüfen. Erste solcher Studien sind jetzt in China, in den USA und in Deutschland angelaufen. Mit einem Impfstoff wird frühestens Ende des Jahres, vermutlich aber erst im ersten Halbjahr 2021 gerechnet. Und dann muss er auch in Milliarden von Dosen zur Verfügung stehen, damit er weltweit angewandt werden kann. "Viele Experten werden diesem Vorschlag widersprechen, aber sie sollten mindestens meinen Versuch an einem größeren Kollektiv reproduzieren und nicht zwei Jahre warten, bis Corona zehn Prozent unserer Bevölkerung dahingerafft hat", sagt Stöcker nun zur Verteidigung seines Vorschlages.

Professor Winfried Stöcker im Kaufhaus Görlitz: An seinen Plänen zur Sanierung und Wiedereröffnung hält er fest.
Professor Winfried Stöcker im Kaufhaus Görlitz: An seinen Plänen zur Sanierung und Wiedereröffnung hält er fest. © Pawel Sosnowski

Winfried Stöcker wurde 1999 Professor der Medizinischen Tongji-Hochschule im chinesischen  Wuhan. Die chinesische Millionenmetropole ist die Quelle des Coronavirus. Offen ist noch, ob sich das Virus über einen Wildtiermarkt oder aus einem Forschungsinstitut auf den Weg machte, um Menschen anzustecken. 

2017 hatte er die  von ihm gegründete Firma Euroimmun an das amerikanische Unternehmen Perkin Elmer verkauft. Er wolle den Fortbestand dessen erhalten, was in 30 Jahren aufgebaut wurde, sagte er damals. Dazu zählen auch die beiden Standorte in Rennersdorf und Bernstadt mit insgesamt rund 150 Mitarbeitern. Heute betreibt er ein klinisch-immunologisches Labor unter dem Dach von Euroimmun in Lübeck. 2013 kaufte Winfried Stöcker das Kaufhaus am Görlitzer Demianiplatz, später das City-Center und weitere Gebäude im Umfeld.

Simulationen am Computer durchgespielt

Auch von anderer Seite gibt es ebenfalls Hilfe gegen Corona: Erst seit vorigem Monat ist das neue Forschungsinstitut Casus am Untermarkt aktiv, jetzt unterstützt es schon den Kampf gegen die Pandemie. Darüber informiert Simon Schmitt vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf.

Casus forscht nicht selbst am Thema Corona, sondern stellt dem Projekt "[email protected]" freie Rechenkapazitäten zur Verfügung, mit deren Hilfe komplexe Proteinstrukturen simuliert und somit entschlüsselt werden können. "Für die Entwicklung einer erfolgreichen Antikörpertherapie, die eine Infektion der Atemwege durch das Coronavirus verhindern könnte, ist das von entscheidender Bedeutung", sagt Schmitt.

Wissenschaftler des Projekts [email protected], das an der Stanford University in Kalifornien angesiedelt ist, haben kürzlich dazu aufgerufen, ihnen ungenutzte Rechenleistung bereitzustellen. So kann das internationale Forscherteam freie Computerkapazitäten für umfassende Berechnungen und Simulationen zugunsten der Gesundheitsforschung verwenden. Während die Gruppe üblicherweise nach Heilmitteln gegen Alzheimer, Krebs und Parkinson sucht, steht derzeit die Entschlüsselung des Proteinfaltungsmechanismus zur Bekämpfung des Coronavirus an erster Stelle. "Jede einzelne Simulation ist dabei wie ein Lottoschein", erklärt Schmitt: "Je mehr Spielscheine man hat, das heißt, je mehr Simulationen durchgespielt werden können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot zu knacken."

Gemeinsam mit anderen Helmholtz-Abteilungen stellen die Wissenschaftler von Casus freie Ressourcen von zwei Hochleistungsrechnern zur Verfügung. Casus-Gründungsbeauftragter Michael Bussmann ist stolz darauf: "Wir freuen uns, in dieser uns möglichen Form einen Beitrag zur Covid-19-Forschung leisten zu können.“

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