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"Wir brauchen eine begeisterte Partei"

Ministerpräsident Michael Kretschmer schwört die CDU im Wahlkampf auf mehr Selbstbewusstsein ein.

Michael Kretschmer erzielte mit gut 96 Prozent ein Traumergebnis.
Michael Kretschmer erzielte mit gut 96 Prozent ein Traumergebnis. © Ronald Bonß

Der Start in den Landtagswahlkampf erfolgt für Sachsens CDU im Rückwärtsgang. Der Parteitag, bei dem am Sonnabend die Delegierten im Dresdner Congress Center über ihre Landesliste zur Landtagswahl abzustimmen haben, beginnt mit einem Countdown. Als dieser abgelaufen ist, erscheint auf den vier Videoleinwänden im Saal der Freistaat in einer bunten und schnellen Bilderfolge. Dazu gibt es hymnische Musik und die Kommentarstimme von Gunther Emmerlich.

„Ein Gänsehautmoment“, wie eine der Delegierten später am Mikrofon bekennen wird. Und der wurde bewusst inszeniert. Denn nicht nur die Parteitagsoptik, bei der die Rednerbühne mitten zwischen den Stuhlreihen der Teilnehmer steht, sondern auch Parteichef und Ministerpräsident Michael Kretschmer will am Wochenende vor allem eine Botschaft vermitteln: Die CDU kann auch in Zukunft dieses Land prägen und erfolgreich gestalten. 

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In seiner Rede taucht später das Wort „AfD“ nicht auf. Auch kein Zufall. Dafür immer wieder Hinweise darauf, was in den vergangenen Monaten seiner einjährigen Regierungszeit erreicht wurde – die Lehrerverbeamtung, zusätzliche Polizisten („Das wird solange fortgeführt, wie es für die innere Sicherheit erforderlich ist“), Hunderte Millionen Euro für schnelle Internetverbindungen überall in Sachsen („5G bis an jede Milchkanne“), Förderprogramme für ein besseres Leben auf dem Land, für Feuerwehr und Telemedizin, für Schulcomputer. Und der zähe Einsatz dafür, den Menschen in der Lausitz auch nach einem Braunkohle-Aus Perspektiven bieten zu können. „Wir haben dem Land neuen Schwung gegeben!“

Kretschmer wird von den sächsischen CDU-Delegierten zu seiner Wahl  als Spitzenkanditat der CDU zur Landtagswahl 2019 mit einem Ergebnis von 96,3 Prozent  beglückwünscht.
Kretschmer wird von den sächsischen CDU-Delegierten zu seiner Wahl als Spitzenkanditat der CDU zur Landtagswahl 2019 mit einem Ergebnis von 96,3 Prozent beglückwünscht. © ronaldbonss.com
Auch  Werner Patzelt, Politikwissenschaftler und CDU-Mitglied, war anwesend.
Auch  Werner Patzelt, Politikwissenschaftler und CDU-Mitglied, war anwesend. © ronaldbonss.com
Generalsekretär Alexander Dirks spricht während der Landesvertreterversammlung.
Generalsekretär Alexander Dirks spricht während der Landesvertreterversammlung. © ronaldbonss.com
Alexander Dirks (l.) und Sozialministerin Barbara Klepsch freuen sich über das Wahlergebnis von Michael Kretschmer.
Alexander Dirks (l.) und Sozialministerin Barbara Klepsch freuen sich über das Wahlergebnis von Michael Kretschmer. © ronaldbonss.com

In dem Moment ist klar, Kretschmer setzt trotz oder vielleicht gerade wegen der ungünstigen Wahlprognosen auf mehr Selbstbewusstsein in der CDU („Wir brauchen eine Partei, die begeistert ist“). Und er ruft zum Kampf gegen die Populisten. „Wir haben viel getan. Wir sind fähig, uns selber zu korrigieren. Jetzt lasst es uns anpacken!“ Der Saal ist begeistert. Mit 96,3 Prozent der Stimmen wählen ihn die knapp 200 Delegierten Minuten danach auf den ersten Platz der CDU-Landesliste. Der 43-jährige Regierungschef zieht damit erstmals als Spitzenkandidat in eine Landtagswahl.

Und fast scheint es in dem Moment, als könnte die monatelange Zitterpartie in den Reihen der Christdemokraten tatsächlich beendet werden. Trotz heftigen Gerangels im Vorfeld setzen sich anschließend alle für die vorderen Plätze vorgeschlagenen Kandidaten durch – wenn auch mit unterschiedlich hohen Zustimmungsquoten. 

Kretschmer folgen Parteivize und Sozialministerin Barbara Klepsch (91,9 Prozent), Generalsekretär Alexander Dierks (78,5), Landtagsvize Andrea Dombois (85,6) und der Landtagsfraktionschef Christian Hartmann (93,7). Auch der erste Neuling, Politikwissenschaftlerin Christiane Schenderlein (77,8), übersteht die Abstimmung über Platz sechs ohne einen Gegenkandidaten.

Mehrere Kampfkandidaturen

Die Nervosität in der Partei angesichts der Umfrageergebnisse von 29 Prozent (AfD 25 Prozent) und drohender Wahlkreisverluste zeigt sich dann aber doch. Sie trifft als Erste die auf Platz zehn gesetzte Bautzner Landtagsabgeordnete Patricia Wissel. Unerwartet bekommt sie Konkurrenz aus dem eigenen CDU-Kreisverband. Evelin Graf, eigentlich für den letzten Listenplatz 57 vorgeschlagen, fordert Wissel heraus. Einige Delegierte sind wütend, stellen Graf zur Rede. Am Ende bleibt deren Attacke aber folgenlos. Für Wissel stimmen 84 Prozent. 

Denkbar knapp, aber genau andersherum, geht eine weitere Kampfkandidatur aus. So fordert mit Tom Unger plötzlich der Landeschef der Jungen Union einen besseren Platz für sich und die Parteijugend ein. Und es gelingt ihm, mit einer (!) Stimme Vorsprung die Leipziger Landtagsabgeordnete Cornelia Blattner vom Platz 18 zu verdrängen. 

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Blattner, in der viele im Vorfeld eine mögliche Herausforderin von Schenderlein sahen, erlebt dann ein Debakel. Nun will sie wenigstens auf Platz 21 landen, der pikanterweise für ihren Leipziger Kollegen Robert Clemen vorgesehen ist – die Christdemokraten aus der Messestadt machen sich gegenseitig die Plätze streitig. Aber auch hier unterliegt sie. Das Aus. Die 54-Jährige wird damit dem Landtag ab September definitiv nicht mehr angehören.