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Kunst im Nacken von Karl Marx

Chemnitz war Boomtown und will Kulturhauptstadt werden. Welches Potenzial die Stadt hat, erklärt Kunstsammlungschef Frédéric Bußmann.

Der Kunsthistoriker Frédéric Bußmann, 45, ist seit zwei Jahren Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz.
Der Kunsthistoriker Frédéric Bußmann, 45, ist seit zwei Jahren Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz. © Hendrik Schmidt/dpa

Die Chemnitzer Kunstsammlungen feiern mit einer opulenten Ausstellung aus eigenen Beständen ihr 100-jähriges Jubiläum. 65.000 Objekte von der Malerei bis zur Textilkunst machen es zu einem der großen kommunalen Museen in Deutschland, das auch international ausstrahlen will.

Lieben die Chemnitzer ihre Kunstsammlungen, Herr Bußmann?

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Ja, ich denke schon. Auch wenn sie nicht von morgens bis abends auf dem Theaterplatz Schlange stehen, sind sie sehr stolz auf ihr Museum. Es gibt der Stadt, die große Brüche erlebt hat und auch Anfeindungen, eine Kontinuität. Das Haus ist eine Konstante der Kultur und der positiven Gemeinschaftsbeziehungen. Ich glaube, wir geben vielen Chemnitzerinnen und Chemnitzern auch kulturellen Halt.

Wie hat sich diese Verbundenheit nach dem Lockdown gezeigt?

Wir haben ein treues Stammpublikum. Als wir am 4. Mai, 11 Uhr das Museum wieder geöffnet haben, standen direkt einige Leute vorm Haus und wollten rein. Letzten Samstag haben wir ein Bürgerfest organisiert zum 100. Museumsgeburtstag mit Essen und Musik, Führungen und Gesprächen. 800 Leute durften wir ins Museum lassen, 792 waren da und freuten sich an der Ausstellung und über die Wiederentdeckungen, die sie machen konnten.

Diptychon, 2014 von Daniel Buren ist während einer Vorbesichtigung in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen.
Diptychon, 2014 von Daniel Buren ist während einer Vorbesichtigung in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. © Hendrik Schmidt/dpa

Gern zitiert wird der Spruch „In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig wird gehandelt und in Dresden wird das Geld verprasst“. Was hat Chemnitz, was Dresden und Leipzig nicht haben?

Chemnitz ist eine Macherstadt, eine Arbeiterstadt. Das Do-it-yourself und das Produzieren haben Tradition. Die Kunstsammlungen wurden 1920 gegründet. Im Nachklang des Ersten Weltkrieges, in der jungen Weimarer Republik, hat der Stadtrat sich für ein Museum entschieden als einen demokratischen Ort, an dem Kunst und Bildung allen zugänglich gemacht werden soll. Dieses Selbstverständnis der Teilhabe und die Moderne bestimmen den Charakter des Hauses. Mit der Kunst der Klassischen Moderne haben wir etwas zu bieten, was bundesweit von Bedeutung ist.

Die Initiative für das Museum ging damals von der Chemnitzer Kunsthütte aus, einem Verein. Privates Engagement ist selten geworden. Trauern Sie der Vergangenheit hinterher?

Nein, denn das Vereinswesen von damals kann es heute nicht mehr geben, weil es dieses Bürgertum nicht mehr gibt. Es fehlen die finanziellen Grundlagen. Im Jahr 1860 hatte Chemnitz 40.000 Einwohner, vierzig Jahre später schon 200.000! Chemnitz war Boomtown, wurde eine Großstadt, sehr potent, nicht nur maschinell, sondern auch finanziell, und erfindungsreich. Davon zehrt die Stadt in ihrem Erscheinungsbild, davon zehren die Kunstsammlungen bis heute.

Was leiten Sie daraus ab?

Es ist wichtig, die Menschen zu stimulieren, damit sie aktiv werden in ihrer Stadt. Sie müssen sie voranbringen. Ich vermute, dass 40 Jahre DDR nicht dazu beigetragen haben, Eigeninitiative zu entwickeln und privates Engagement zu stärken. Wir wollen die Menschen aber ermuntern, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Es gibt Menschen, die nicht nur ihr Schicksal selbst bestimmen, sondern auch Macht übernehmen wollen. Nur leider tun sie das nicht auf dem Fundament der Verfassung.

Sie meinen die Ereignisse nach dem August 2018? Wir sind keine Sozialarbeiter und keine Lehrer, keine Polizisten und keine Juristen. Trotzdem sollten wir uns mit Ausstellungen einmischen, mit Themensetzungen und Debatten. Über künstlerischen Austausch eine andere Perspektive auf die Gesellschaft anzubieten, auch das sehe ich als unsere Aufgabe. Schon in den Zwanzigern waren die Kunstsammlungen der Brückenkopf der Stadt nach außen. Wir haben das Privileg, mit der Welt in einen Dialog zu treten und diesen Dialog in der Stadt weiterzuführen. Wir sind ein kommunales Museum, aber nicht provinziell.

Zum Jubiläum 100 Jahre Kunstsammlungen öffnet das Museum seine Schatztruhe und präsentiert unter dem Titel "Im Morgenlicht der Republik" rund 400 Exponate aus der Sammlung.
Zum Jubiläum 100 Jahre Kunstsammlungen öffnet das Museum seine Schatztruhe und präsentiert unter dem Titel "Im Morgenlicht der Republik" rund 400 Exponate aus der Sammlung. © Hendrik Schmidt/dpa

Chemnitz will europäische Kulturhauptstadt werden. Wo sehen Sie die Kunstsammlungen im Jahr 2025?

Das Museum wurde als Museum für Gegenwartskunst gegründet. Schwerpunkt Expressionismus, klassische Moderne. In diesen Bereichen, aber auch in der Gegenwartskunst, werden wir weitersammeln. Gerade haben wir als Dauerleihgabe eine kunsthandwerkliche Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff bekommen und in die Jubiläumsschau integriert. Das sind Objekte unterschiedlichster Art, Ketten für Rosa Schapire, Schatullen, eine afrikanische Maske, Steine, die er geschnitzt hat. 

Ich bin sehr glücklich, dass wir nun gewissermaßen den ganzen Schmidt-Rottluff zeigen können von der Malerei bis zum Kunsthandwerk. Vielleicht werden wir eines Tages ein Schmidt-Rottluff-Museum haben, auch mit Künstlerateliers, um Schmidt-Rottluff ins Heute zu tragen. Im Zuge der Ausstellung „Im Morgenlicht der Republik“ fand ein Kollege heraus, dass Schmidt-Rottluff seit den 1960er-Jahren mehrfach mit der Idee der Gründung einer Stiftung an den damaligen Sammlungsleiter in Karl-Marx-Stadt herantrat. Das ist unter den Bedingungen der DDR leider nicht gelungen.

Wie verhält sich das Museum heute zur Gegenwartskunst?

Wir konnten gerade ein Diptychon des international renommierten Konzeptkünstlers Daniel Buren kaufen, der das Farbkonzept des großen Chemnitzer Schornsteins entwickelt hat. Es ist eine Textilarbeit, ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Sammlung weitergedacht werden will. Die Textilgeschichte ist für die Stadt genauso wichtig wie internationale zeitgenössische Kunst von hohem Niveau, wie wir sie auch in der Public-Art-Ausstellung „Gegenwarten“ im Sommer zeigen werden. 

Zeitgleich wollen wir weiterhin regional wichtige Positionen untersuchen, zum Beispiel auch die Autodidakten-Szene der Achtzigerjahre. Die war in der DDR etwas sehr Besonderes. Wie kann man diese Szene, die ebenso kreativ wie hochproduktiv war, auch anarchisch, für die Nachwelt bewahren? Und von Michael Morgner wollen wir ein großes Konvolut erwerben.

Die Arbeiten "Sommerabend am See", 1934, "Auf der Düne", 1932, "Am Belasee", 1932, und "Malven am Haus", von Karl Schmidt-Rottluff.
Die Arbeiten "Sommerabend am See", 1934, "Auf der Düne", 1932, "Am Belasee", 1932, und "Malven am Haus", von Karl Schmidt-Rottluff. © Hendrik Schmidt/dpa

Das klingt, als hätten Sie noch viel Platz im Depot.

Im Gegenteil, das Magazin ist voll. Wir träumen von einem Erweiterungsbau und von der Entwicklung eines Kulturquartiers mit Oper, Theater, Unibibliothek. Wenn wir das schaffen, haben wir auch vernünftige Räume für die zeitgenössische Kunst und für die Vermittlung. Ich sehe das Museum als einen Motor der Erinnerungs-, aber auch der Debattenkultur. 

Es wird ein Spagat zwischen dem Bewahren und Sammeln und dem Bestreben, ein Energiezentrum in der Gesellschaft zu sein. Man braucht ein Museum der zwei Geschwindigkeiten für den musealen Anspruch und den experimentellen. Im vorigen Jahr haben wir mit anderen Institutionen den Chemnitz Open Space gegründet, einen Raum hinterm Karl-Marx-Kopf. Dort liefen Ausstellungen, Filme, Debatten.

Der Open Space als sogenannter dritter Ort, als öffentlicher Treffpunkt, an dem soziale Unterschiede abgeschwächt und nicht nur bierernste Themen besprochen werden?

Es ist wichtig, dass ein Museum auch in die Stadt geht. Chemnitz hat mit dem Marx-Kopf ein hochinteressantes und hochambivalentes Erbe. Ich finde es großartig und mutig, dass es an Ort und Stelle erhalten ist, denn viele Städte haben sich ihrer Denkmale aus sozialistischer Zeit entledigt. In Chemnitz wird nichts wegretuschiert. Brüche machen die Stadt nicht unbedingt schön, aber interessant.

"Rothaarige Frau (Damenporträt), 1931 von Otto Dix.
"Rothaarige Frau (Damenporträt), 1931 von Otto Dix. © Hendrik Schmidt/dpa

Sie stammen aus Münster, haben sieben Jahre in Leipzig gearbeitet ...

Chemnitz hat viel Reibungsfläche. Insofern ist die Auseinandersetzung mit dem Marx-Monument wichtig. Es ist nicht nur ein Herrschaftssymbol aus DDR-Zeit, sondern auch der Platz, an dem im Herbst 1989 demonstriert wurde. Leider wird das Denkmal auch missbraucht von Rechtsradikalen. Aber ich denke, Chemnitz ist im besten Sinn offen. Es gibt hier viel öffentlichen Raum und gute Ideen.

Also beste Voraussetzungen, um in fünf Jahren europäische Kulturhauptstadt zu werden?

Dass sich eine Industriestadt überhaupt aufmacht, Kulturhauptstadt zu werden, erzeugt viele Energien. Chemnitz ist ambitioniert und kann den Titel nachhaltig für die eigene Entwicklung nutzen. Die Bewerbung kann die Stadt in ihrer mentalen Struktur verändern. Außerdem: Europa ist – mit Blick auf Tschechien und Polen – um die Ecke. Wenn Chemnitz Kulturhauptstadt wird, wird auch Europa gestärkt.

Das Gespräch führte Birgit Grimm

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