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Chenille für alle Feste

Die Putzkauer Oster-Küken bekommen Gesellschaft. Dafür sorgen ausgerechnet die Bläser von Weihnachtsbaumkugeln.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Die gesunde Drittelstunde

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Putzkau. Bei Ina und Volkmar Paul in Putzkau hat der Frühling längst Einzug gehalten. Schnell hat Volkmar Paul eine Kiste mit den flauschigen Oster-Küken zur Hand. Vertrieben wird dieser und weiterer Osterschmuck aus Chenille, darunter auch große Figuren, die man befüllen kann, deutschlandweit. Natürlich ist die Oster-Deko auch gleich um die Ecke zu haben. Unter anderem im eigenen Werksverkauf und bei Schreibwaren Förster in Bischofswerda werden die Artikel verkauft.

Chenille für Weihnachtsbaumkugeln – dieser Auftrag kam von Thüringer Glasbläsern.
Chenille für Weihnachtsbaumkugeln – dieser Auftrag kam von Thüringer Glasbläsern. © Steffen Unger
Ein Chenille-Hahn trifft Familienkatze „Kiki“.
Ein Chenille-Hahn trifft Familienkatze „Kiki“. © Steffen Unger
Produziert wird auf Maschinen, die zum Teil schon 100 Jahre alt sind. Sie laufen noch immer zuverlässig.
Produziert wird auf Maschinen, die zum Teil schon 100 Jahre alt sind. Sie laufen noch immer zuverlässig. © Steffen Unger

Für das Putzkauer Familienunternehmen Dorette Paul ist das Ostergeschäft abgeschlossen. Neben dem Schmuck aus Chenille ging auch das gefragte Ostergras, größtenteils per Post, auf die Reise. Händler unter anderem in Frankreich, Italien, Österreich, Tschechien, Belgien und der Schweiz bestellen es in Putzkau. Inzwischen gibt es sogar einen Kunden in Übersee: Ein US-Amerikaner wurde auf das Ostergras aufmerksam und ordert seit einigen Jahren in der Oberlausitz. Faustregel: Je bunter, desto besser.

Laboranten als Neukunden
Christian Paul erfand in den 1960er-Jahren das weltweit erste Ostergras aus Papierwolle. Es war natürlich grün. Inzwischen wird es auch in vielen anderen Farben hergestellt, unter anderem in Rot, Pink, Lila, Hellblau, Gelb, Kaffeebraun und sogar Schwarz. Produziert wird, was die Kunden mögen. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Ideen“, sagt Ina Paul. Dazu gehören auch völlig neue Geschäftsfelder. Auch solche, die man von einem Festartikelhersteller, wie es die Dorette Paul KG ist, nicht erwartet. So wurde kürzlich das Sortiment um die Laborchenille erweitert. Sie ist gewissermaßen das Gegenstück zur bunten Welt des seidigen Materials, aus dem in Putzkau originelle Figuren für fast alle Festlichkeiten hergestellt werden, oder die man auch als Bastel-Chenille für eigene Kreationen kaufen kann. Laborchenille ist schneeweiß. Die weichen, schmalen Stangen sind ideal, um zum Beispiel Reagenzgläser schonend zu reinigen.

Lange Tradition

1928 Richard Willy Paul gründet die „Heimindustrie Putzkau“.

30er Jahre Mit etwa 300 Mitarbeitern, einschließlich der Heimarbeiter, wird die jemals höchste Beschäftigtenzahl erreicht;

1962 Sohn Christian Paul heiratet Dorette (Paul), die in den Betrieb eintritt; drei Jahre später übernimmt er den Betrieb.

1972 Der Betrieb wird enteignet und später in das volkseigene Kombinat Kunstblume Sebnitz eingegliedert. Christian Paul wird als Betriebsdirektor eingesetzt.

20.12.1990 Das Unternehmen wird reprivatisiert und firmiert seither unter dem Namen „Dorette Paul KG“.

2003 Die Söhne Volkmar und Rüdiger Paul übernehmen in dritter Generation das Unternehmen. Jetzt wird es von Volkmar Paul und seiner Frau Ina geführt.

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Der Familienbetrieb, der außer dem Inhaber-Ehepaar zwei Mitarbeiter beschäftigt, stellt die Chenille selbst her. Die Kunstseide dafür bezieht er von einem Partner aus Süddeutschland. In Putzkau wird die Kunstseide auf ein Geflecht aus zwei Drähten gezogen, zu Roh-Chenille versponnen und mit kräftigen Farben gemischt. Produziert werden zehn Meter lange Stücke. Darunter sind hauchdünne Streifen, die nur wenige Millimeter dick sind. Und ganz starke mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern. Dazwischen ist jede Größe möglich.

Auch innerhalb eines Streifens kann die Stärke variiert werden. So wie zum Beispiel bei einer Schlange, die der Betrieb vor einigen Jahren als Bastelset herausgab: der Kopf der Schlange ist dünn; dahinter wächst der Körper auch in der Breite, ehe er am Ende wieder schmaler wird. Produziert wird auf zwei mechanischen Maschinen, die alt, aber zuverlässig sind. Volkmar Paul möchte sie nicht missen. „Diese hier“, zeigt er auf eine der beiden Maschinen in der Werkstatt, „wurde 1890 gebaut. Mein Großvater hat sie in den 30er Jahren gebraucht gekauft.“ Die Anlage läuft noch heute wie geschmiert.

Es gibt nicht mehr viele, die noch so traditionell arbeiten. Und es gibt nicht viele, die Chenille herstellen. Potenzielle Kunden recherchieren im Internet, stoßen mit etwas Glück auf die moderne Webseite des Betriebes und fragen an. Sie staune manchmal selbst, von wo überall die E-Mails in ihrem Postfach kommen, sagt Ina Paul. Sie bezieht es nicht nur auf Orte und Länder, sondern auch auf Branchen. So fragten vor zwei Jahren Glasbläser aus Thüringen an, die auf der Suche nach Chenille für die von ihnen produzierten Weihnachtsbaumkugeln waren. Der Grundstein für ein weiteres Geschäftsfeld war damit gelegt.

Schmuck für Nostalgiker
„Nach so einer Anfrage wird getüftelt und erprobt, Es werden Muster erstellt und dem Kunden vorgelegt“, sagt Ina Paul. In diesem Fall ging es darum, Christbaumkugeln wie in alten Zeiten durch eine spezielle Form der Chenille – die Putzkauerin nennt es „Nostalgiechenille“ – zu komplettieren. Einschlägige Internetportale preisen diese Kombination als „Retro“ oder „Vintage“ an. Das Familienunternehmen kam der vom Auftraggeber zugesandten Probe sehr nahe. Der Vertrag wurde unterzeichnet. Damit sind die Putzkauer nun auch im Weihnachtskugelgeschäft.

Zurzeit produzieren sie aber vor allem für den Sommer und die damit verbundene Schaustellerzeit. Hergestellt werden alle möglichen Figuren, die man an Los- oder Schießbuden gewinnen kann. Die Breite des Sortimentes macht’s, dass der vom Großvater Richard Paul gegründete Familienbetrieb auch in seinem 90. Jahr besteht.

www.dorette-paul-kg.de