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Warum ein Nieskyer Arzt in Afrika bleibt

Der Unfallchirurg Jens Marcus Albrecht hat seine Aufgabe gefunden: Kranke in Tansania zu heilen. Ein Jahr ist ihm zu wenig.

Jeremia ist für den Nieskyer Chirurgen Jens Marcus Albrecht der erste Patient auf dem OP-Tisch gewesen. Dem jungen Mann wurde das Sprunggelenk operiert.
Jeremia ist für den Nieskyer Chirurgen Jens Marcus Albrecht der erste Patient auf dem OP-Tisch gewesen. Dem jungen Mann wurde das Sprunggelenk operiert. ©  privat

In Mbozi ist er nur der Marcus. "Mein Familienname ist für die Einheimischen zu kompliziert in der Aussprache", sagt Jens Marcus Albrecht. Von Beruf Chirurg mit Spezialisierung auf die Unfallchirurgie. Als dieser ist der 53-Jährige seit einem Jahr im ostafrikanischen Tansania tätig. Genauer gesagt in Mbozi, einer Stadt unweit der Grenze zu Sambia. Dort arbeitet er in einem Krankenhaus, das sich in Trägerschaft der Brüderunität Tansania befindet.  

Auch wenn er sich nach dem Jahr noch als "Greenhorn" bezeichnet und sagt, dass er noch einiges lernen muss, so hat Marcus bei seinen afrikanischen Mitarbeitern bereits  einige Spuren hinterlassen. An einigen Stellen leistet er bis heute Pionierarbeit. "Das Problem ist, dass das afrikanische Personal kaum Erfahrungen in der OP-Technik hat und was Hygiene und Sterilisation betrifft", erzählt Albrecht. Vor diesem Auslandseinsatz arbeitete der Chirurg einige Jahre im Nieskyer Emmaus-Krankenhaus.   

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Kleinere Krankenzimmer geschaffen

Obwohl von der Bettenkapazität annähernd identisch (Niesky: 100 und Mbozi: 120), sind beide Krankenhäuser nicht miteinander vergleichbar, erzählt der Arzt. Männer, Frauen, Kinder sind in Mbozi auf großen Stationen, also in Krankensälen mit bis zu 40 Betten, zusammengelegt. Das erhöht das Risiko einer Infektion unter den Patienten. Also wurde unter Albrechts Initiative begonnen, Zwischenwände einzuziehen und kleine Räume zu schaffen. Das nächste Phänomen für ihn war, dass die Toiletten nur von außen zugänglich gewesen sind. Das wurde ebenso geändert und die Türen nach innen verlegt. Dazu muss man wissen, dass das afrikanische Klo ein Loch im Fußboden mit zwei Fußabdrücken ist. Mit Hinsetzen ist da nichts.   

Besonders stolz ist der Niesyker Chirurg, dass es ihm gelungen ist, mit Hilfe aus Deutschland in dem Jahr eine Intensivstation in dem Krankenhaus aufzubauen. In ihr stehen fünf Betten, die notwendigen Überwachungsgeräte und vor allem liegt ständig Strom an. In Afrika keine Selbstverständlichkeit, erzählt Albrecht. Das erschwert die Arbeit in einem Krankenhaus zusätzlich, wenn unangekündigt der Strom ausfällt. Denn dann ist es nicht nur dunkel, sondern es fließt kein Wasser im Gebäude. "Deshalb haben wir in diesem Jahr ein Projekt verwirklicht mit dem die Pumpe für das Wasser aus einer Quelle mit Solarstrom betrieben wird. Das macht uns unabhängig vom Stromnetz", erzählt der Arzt. Damit hat das Krankenhaus Wasser rund um die Uhr zur Verfügung. Vorher war das nur für eine oder zwei Stunden am Tag.  

Zu viel Personal und kein Geld

Jens Marcus Albrecht ist in Mbozi noch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Zum einen sind er und ein einheimischer Doktor die beiden einzigen Vollzeit-Ärzte an diesem Krankenhaus. Das medizinische Personal zählt aber rund 120 Angestellte, wobei die Zahl der Patienten nur bei 30 bis 40 Personen liegt, die gleichzeitig im Krankenhaus behandelt werden. Das heißt, jedem Patienten stehen drei Mitarbeiter gegenüber. Eine Traumquote, aber der wirtschaftliche Ruin einer jeden medizinischen Einrichtung. "Ich erlebe, wie das Personal sechs Monate ohne Lohn auskommen muss und bewundere die Mitarbeiter, die trotzdem weiter zur Stange halten und ihren Dienst versehen", berichtet Albrecht.   

Ein Gesundheitssystem wie in Deutschland gibt es in Tansania nicht. Der Staat zahlt nur ein Viertel der Behandlungskosten. Den Rest muss jeder Bürger über eine freiwillige Versicherung abdecken. Hinzu kommt, dass Operationen bar zu bezahlen sind. Im Durchschnitt 40 bis 50 Euro pro Eingriff. Ein Betrag, der einem halben Monatsgehalt in Tansania gleichkommt. Verständlich, dass bei Schmerzen die Bevölkerung lieber den weitaus billigeren Medizinmann an ihrem Heimatort aufsucht. "Die Menschen haben wenig Vertrauen in die Schulmedizin", ist Jens Marcus Albrechts Erfahrung. Er hatte wiederholt Fälle auf seinem OP-Tisch liegen, die jeden gesunden Menschenverstand zweifeln lassen. Wie das kleine Mädchen, dessen Entzündung am Unterarm ein Wunderdoktor mit Erde und Tiermist behandelte. Nachdem es endlich im Krankenhaus war, hätte der Arm amputiert werden müssen. "Zum Glück hat sich die Haut über Wochen regenerieren können, so dass eine Amputation der kleinen Patientin erspart blieb", freut sich noch heute der Arzt über das gute Ergebnis einer langwierigen Behandlung.       

Auf den Spuren eines Nieskyer Missionars

Trotz aller Unzulänglichkeiten, Entbehrungen und manches Unverständnis: Wenn seine Patienten gesund das Krankenhaus verlassen können, dann weiß Jens Marcus Albrecht, dass er am richtigen Platz ist. "Ich bringe den Menschen was ich habe - und das ist für Afrika sehr viel", sagt der überzeugte Christ von sich. Dabei sieht er sich in der Tradition von Johann Traugott Bachmann - einem Nieskyer Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine, der von 1893 bis 1916 in Tansania wirkte und im Grunde Mbozi gründete. Aber die eigentliche Initialzündung - oder das "Afrika-Virus", wie es Albrecht bezeichnet -, setzte der Nieskyer Arzt Rüdiger Mieske. Er war einige Jahre zuvor in Afrika als Mediziner tätig. Er begeisterte Albrecht, sein Nachfolger zu werden. Das führte dazu, dass Albrecht bereits von 2009 bis 2011 mit Ehefrau und den vier Kindern in einer Gesundheitsstation in Singida, ebenfalls Tansania, arbeitete.      

Bilder aus Afrika

Jens Marcus Albrecht im Operationssaal. Kein leichtes Arbeiten, weil seinen afrikanischen Mitarbeitern das medizinische Wissen und die Erfahrung fehlt. Immer mit dabei: ein Bosch Akku-Schrauber. Stets steril verpackt, auf den Albrecht bei seinen OPs schwört.
Jens Marcus Albrecht im Operationssaal. Kein leichtes Arbeiten, weil seinen afrikanischen Mitarbeitern das medizinische Wissen und die Erfahrung fehlt. Immer mit dabei: ein Bosch Akku-Schrauber. Stets steril verpackt, auf den Albrecht bei seinen OPs schwört. © privat
Für Jens Marcus Albrecht der bisher größte Erfolg im Krankenhaus von Mbozi: Die erst im Juni neueröffnete Intensivstation mit fünf Betten. Mit deutscher Hilfe ist dieses kleine Wunder erst möglich geworden. Dazu wurde im Krankenhaus umgebaut.
Für Jens Marcus Albrecht der bisher größte Erfolg im Krankenhaus von Mbozi: Die erst im Juni neueröffnete Intensivstation mit fünf Betten. Mit deutscher Hilfe ist dieses kleine Wunder erst möglich geworden. Dazu wurde im Krankenhaus umgebaut. © privat
Wenn der Patient wieder lächelt, dann ist auch der Arzt zufrieden. So wie die vierjährige Celina nach ihrem operierten Unterarmbruch. Es sind vor allem Brüche, die der Nieskyer Chirurg zu behandeln hat, aber auch Geschwüre und Bauchentzündungen zählen dazu.. 
Wenn der Patient wieder lächelt, dann ist auch der Arzt zufrieden. So wie die vierjährige Celina nach ihrem operierten Unterarmbruch. Es sind vor allem Brüche, die der Nieskyer Chirurg zu behandeln hat, aber auch Geschwüre und Bauchentzündungen zählen dazu..  © privat

In Mbozi war er mit seiner Frau Katharina und dem jüngsten Sohn Noah, inzwischen 15 Jahre jung. Zunächst lebte die Familie drei Monate in einem primitiv eingerichteten Gästehaus der Kirchgemeinde, bevor sie in das neu gebaute eigene Heim einziehen konnte. "Hier haben wir ein Schulzimmer für Noah eingerichtet, der per Fernunterricht nach Deutschland seine achte Klasse absolvieren konnte", erzählt sein Vater.  Finanziert wird sein Einsatz zu drei Viertel von der kirchlichen Hilfsorganisation "Brot für die Welt". Dazu kommen die Herrnhuter Missionshilfe, das Deutsche Institut für ärztliche Mission und die Schweizer "Mission 21". 

Für drei Jahre in Afrika

Marcus, Katharina und Noah sind jetzt für ein paar Wochen auf "Heimaturlaub" gewesen. In ihrem Zuhause in Weigersdorf. Aber den Chirurgen zieht es wieder in das afrikanische Land, das fast dreimal so groß wie Deutschland ist, aber nur 56 Millionen Einwohner hat. Zusammen mit seiner Frau ist Jens Marcus Albrecht am vergangenen Freitag gen Süden gestartet. Sohn Noah bleibt zu Hause und wird hier zur Schule gehen. Für drei Jahre Tansania hat sich der Unfallchirurg verpflichtet - und die Option, danach drei weitere Jahre draufzusatteln. "Es ist für das Land, aber auch für einen selbst wertvoll, wenn man lange bleibt." Denn Albrecht hat noch viel vor: Die Struktur des Krankenhauses den modernen medizinischen Erfordernissen anzupassen, eine Ambulanz einzurichten und ein Qualitätsmanagement einzuführen. Er weiß aber auch: "In Afrika darf man sich nicht zu viel vornehmen". 

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