merken
PLUS

Görlitz

Christen sind längst eine Minderheit

Während die Evangelische Kirche unter der Abwanderung leidet, ist die Lage im Bistum Görlitz ganz anders.

Entwickeln sich die Kirchen nur noch zu stimmungsvollen Orten, wenn es der Gemütslage der Menschen entspricht? Ein Blick in die Peterskirche während des traditionellen Weihnachtskonzertes der Volks- und Raiffeisenbank Niederschlesien.
Entwickeln sich die Kirchen nur noch zu stimmungsvollen Orten, wenn es der Gemütslage der Menschen entspricht? Ein Blick in die Peterskirche während des traditionellen Weihnachtskonzertes der Volks- und Raiffeisenbank Niederschlesien. ©  Nikolai Schmidt

Der Predigttext am Sonntag in den evangelischen Kirchen hätte nicht treffender sein können. Er handelt davon, dass Jesus Christus, angerührt von den Verhältnissen auf Erden, seine zwölf Jünger zusammenrief und sie in die Welt und zu den Menschen schickte, um ihnen Mut zu machen und zu einem anderen, besseren Leben zu verhelfen. Generalsuperintendentin Theresa Rinecker übersetzte dieses jahrhundertealte Gleichnis in der Görlitzer Peterskirche als eine Kirche, die Menschen am Rande in den Mittelpunkt rückt, die hilft und beisteht, die sich anrührt, von den Verhältnissen in der Welt.

Rineckers gelungene Rede verhallte zwar nicht ungehört, aber an dem Sonntag waren nur wenige Plätze in der Kirche besetzt. Das mag zwar auch der Urlaubszeit geschuldet sein, doch die aktuellen Mitgliederzahlen zeigen: Die Evangelische Kirche hat kein Mittel gefunden, um wieder mehr Menschen an sich zu binden. So lebten Ende vergangenen Jahres im Kirchenkreis schlesische Oberlausitz, der Görlitz, den Nordteil des Kreises und das Gebiet um Hoyerswerda umfasst, noch 33 400 evangelische Christen, rund 900 weniger als ein Jahr zuvor, was einem Rückgang von rund 2,5 Prozent entspricht.

Anzeige
Studium für Pflegeprofis
Studium für Pflegeprofis

Studium & Praxis vereinen? Bis zum 1. Oktober an der ehs Dresden für die innovativen pflegerischen Bachelor- & Masterstudiengänge bewerben!

Über die Gründe gibt es viele Vermutungen. So führt die Landeskirche den Rückgang seit Jahren bereits auf den andauernden demografischen Wandel und Austritte zurück sowie auf die gesamtgesellschaftlich sinkende Bereitschaft, sich an Institutionen und Vereine zu binden. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass vor allem junge Menschen dann den Kirchen den Rücken zudrehen, wenn sie zur Ausbildung an andere Orte wechseln, wo sie keine Bindung zu den neuen Gemeinden finden. Ebenso wird die finanzielle Belastung durch die Kirchensteuer für Familien gerade dann als Nachteil empfunden, wenn sich die jungen Leute gerade etwas aufbauen wollen. Die evangelische Kirchenamtspräsidentin Stephanie Springer aus Hannover regte daher Änderungen im System der Kirchensteuer an, indem der Start der Zahlung im Leben einfach nach hinten verlegt wird. Und ausgerechnet der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts, Harald Meller, zog aus seinen Studien über die Zeit vor 4 000 Jahren den Schluss. In seinem Buch über die Himmelsscheibe von Nebra schreibt er: „Mögen in der westlichen Welt die Kirchenbesuche zurückgehen – die Menschen werden nicht areligiös, sondern suchen neue Wege, ihre Glaubensbedürfnisse auszuleben. Dahinter steht all das, was heute unter dem Signum ,Spiritualität’ firmiert.“

Bei den Oberlausitzer Kirchgemeinden ist die Lage noch mal etwas anders. Hier fehlen einfach die jungen Menschen, die bereits in den 1990er Jahren wegen des Strukturwandels wegzogen und nun Familien gegründet und Kinder bekommen haben. Abzulesen ist das an den regelrecht einbrechenden Taufzahlen. Wurden 2017 noch 308 Menschen getauft, waren es im vergangenen Jahr lediglich 254. Es fehlen einfach die jungen Familien, die jetzt Kinder bekommen. Die Zahl der Austritte stieg im selben Zeitraum von 179 auf 221. Die gesamte Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat noch 941 145 Mitglieder, 21 400 weniger als im Vorjahr.

Das Bistum Görlitz wiederum ist die einzige deutsche Diözese, die ein leichtes Wachstum im vergangenen Jahr verzeichnen konnte. Durch den Zuzug polnischer EU-Bürger stieg die Zahl der Katholiken um 205 auf 29 671 Christen. Allerdings nahmen auch an der Neiße die Austritte zu. 215 Katholiken verabschiedeten sich von der Kirche, 2017 waren es erst 164 gewesen. Auch im Görlitzer Bistum ging die Zahl der Taufen zurück – von 223 auf 203.

Insgesamt leben in Deutschland 23 Millionen Katholiken und 21 Millionen Protestanten. Etwas mehr als jeder Zweite, der in Deutschland lebt, ist also noch Kirchenmitglied. Doch manchmal gibt es auch Tage wie jenen Sonntag Anfang Juli, als in der Lutherkirche Pfarrer Bernd Arlt gleich vier Erwachsene taufen konnte. Ein seltenes Glück für ihn. Und ganz gewiss auch für die Görlitzer Innenstadtgemeinde.

Mehr lokale Artikel:

www.sächsische.de/goerlitz

www.sächsische.de/niesky

Mehr zum Thema Görlitz