SZ +
Merken

„Chronische Schmerzen kann man bei fast jedem Patienten lindern“

Wir sprachen mit Oberarzt Dr. Einar Köhler über die Behandlung von Schmerzen.

Teilen
Folgen

Herr Dr. Köhler, können Sie jedem Schmerzpatienten helfen?

Da muss ich eindeutig sagen: nein. Wir können versuchen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Aber es wäre falsch zu sagen, ich kann jedem helfen. Ich habe nur eine begrenzte Anzahl von Behandlungsmethoden zur Verfügung, die mir durch die Wissenschaft in die Hand gegeben werden. Man muss „helfen“ auch definieren. Ist das im Sinne der Schmerzlinderung gemeint oder möchte der Patient ganz frei von Schmerzen sein? Wenn die Schmerzlinderung im Vordergrund steht, dann kann ich nahezu allen Patienten helfen.

Wann reichen Ihre therapeutischen Mittel nicht aus?

Das kann bei Patienten vorkommen, die beispielsweise unheilbare Erkrankungen haben, die aber nicht unbedingt zum Tode führen. Ein Beispiel: Ich habe in meiner Ausbildung einen jungen Patienten kennengelernt, der Wirbelsäulenprobleme hatte. Dessen Wirbelsäule ist mehrfach erfolgreich operiert worden. Aber der Vorschaden, der Nervenschaden, ist durch die Operation nicht beseitigt worden. Diesen Patienten haben wir in Dresden in die Spezialambulanz bekommen, nachdem er eine dreijährige Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich hatte. Der hatte das gesamte Spektrum von medikamentöser und invasiver Behandlung hinter sich und wir haben versucht, ihm die Extremschmerzen zu nehmen. Er konnte vor Schmerzen nicht mal eine Minute lang ruhig sitzen. Wir haben darüber nachgedacht, bei ihm eine Methode anzuwenden, bei der eine elektrische Sonde am Rückenmark implantiert wird. So etwas können wir allerdings in Döbeln nicht durchführen. Aber wir können die Indikation dafür stellen. Man muss dem Patienten aber auch immer sagen: Es gibt keine effektive Behandlung ohne Nebenwirkungen.

Was werden die häufigsten Fälle sein, mit denen Sie als Schmerztherapeut konfrontiert sind?

Es werden häufig Erkrankungen des Skelettsystems sein. Patienten mit Wirbelsäulenleiden, mit Gelenkerkrankungen, aber auch Kopfschmerzpatienten und Tumorpatienten. Einen großen Anteil machen auch Patienten aus, die Gefäßprobleme habe. Zum Beispiel langjährige Diabetiker und Patienten mit arteriellen Verschlusskrankheiten. Das sind Patienten, die sehr starke Schmerzen haben.

Ist davon auszugehen, dass viele dieser Patienten bisher noch gar keine Schmerztherapie hatten?

Man muss davon ausgehen, dass sie in gewisser Weise eine Schmerztherapie hatten, aber die Hausärzte durch Budgetierungen einfach nicht in der Lage sind, bestimmte teure Medikamente regelmäßig zu verordnen. Außerdem müssen die Hausärzte ein wesentlich breiteres Spektrum an Erkrankungen abdecken als ein Spezialist für Schmerztherapie. Aber ich werde auch bereit sein, wenn ich einen bestimmten Verdacht habe, woher ein Schmerz kommen könnte, keine Scheuklappen anzulegen und auch mal einen Rat von Kollegen einzuholen.

Gibt es eingebildete Schmerzen und kann man dagegen auch etwas tun?

Eingebildete Schmerzen in diesem Sinne gibt es nicht. Aber es gibt chronische Schmerzen, es gibt ein Schmerzgedächtnis. Die Grunderkrankung ist nicht mehr vorhanden und die Schmerzen sind trotzdem da. Ein klassisches Beispiel dafür sind die Phantomschmerzen nach der Amputation von Gliedmaßen. Die sind tatsächlich vorhanden. Dort muss man mit Spiegeltherapie oder anderen Therapieformen – um es einmal so auszudrücken – dem Patienten das Gehirn neu formatieren, damit es begreift, dass diese Extremität nicht mehr da ist. Die Schmerzwahrnehmung ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Es gibt Patienten, die spielen den Schmerz herunter und sagen bei extrem schweren Befunden, das sei alles nicht so schlimm. Es ist aber schlimm und diese Schmerzen können chronisch werden. Dann gibt es die anderen Patienten, die sehr sensibel sind, die vielleicht unter psychische Begleiterkrankungen leiden oder diese durch die Schmerzen entwickelt haben. Daher ist es so extrem wichtig, jeden Patienten so individuell wie möglich zu behandeln.