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Löbau

Eltern stolpern über zu viel Perfektionismus

Sozialpädagogin Claudia Hüttig über Nachwirkungen von DDR-Zeit und Wende in Familien, warum Eltern heute mehr Hilfe brauchen und man alte Werte neu sucht.

Claudia Hüttig bietet Kurse für Eltern an, die ihnen die Erziehung erleichtern sollen. Dabei verfolgt sie ihre ganz eigene Strategie.
Claudia Hüttig bietet Kurse für Eltern an, die ihnen die Erziehung erleichtern sollen. Dabei verfolgt sie ihre ganz eigene Strategie. © Rafael Sampedro

Claudia Hüttig kennt sich aus Familienproblemen. Die 1964 geborene Mutter zweier Kinder, die aus Kleindehsa stammt und jetzt in Mittelherwigsdorf lebt, hat zunächst eine kirchliche Ausbildung zur Gemeindepädagogin absolviert, später ein Studium der Sozialpädagogik draufgesetzt. Sie hat in der Flüchtlingshilfe, in Kirchgemeinden und auch in der Kinder- und Jugendtagesklinik in Großschweidnitz gearbeitet. Nun bietet sie als Selbstständige Elternkurse an - weil sie nötiger sind, denn je, findet sie:

Frau Hüttig, muss man das Elternsein lernen? Bislang hat das doch immer funktioniert...

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Claudia Hüttig: Ich denke schon, dass heute Hilfe für Eltern nötig ist. In der Gesellschaft gibt es zunehmend Verunsicherung darüber, was richtig und falsch ist. Hinzu kommen mehr Leistungsdruck, neue Formen von Ausgrenzung, neue Medienwelten - da gehen Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und das Bauchgefühl verloren.

Aber Generationen zuvor haben das doch auch nicht gebraucht - warum jetzt?

Hüttig: Weil sich sehr vieles verändert hat. Wir kommen aus zwei Diktaturen - und auch wenn ich sie nicht gleichsetzen will - so haben sie doch eines gemeinsam: Sie sahen sich als moralische Instanz. Überspitzt gesagt, hat man zu DDR-Zeiten gemacht, was von oben kam. Es gab ein viel strikteres Regelkorsett für die Gesellschaft. Kindergarten, Schule waren wichtige Erziehungsinstanzen und jeder wusste, was für Konsequenzen dahinter standen und alles auf die Familie zurückgefallen wäre. Auch die Arbeitswelt hat sich verändert - dass Eltern keine Zeit haben, ist zunehmend ein Problem.

Aber auch damals haben die Eltern - besonders die Mütter - meist Vollzeit gearbeitet und die Familie gemanagt... Was ist da jetzt anders?

Hüttig: Zum einen kann man eine 40-Stunden-Woche von damals nicht mit der in der heutigen Leistungsgesellschaft vergleichen. Zum anderen waren die Voraussetzungen ganz andere - das unterschätzen viele, auch manche Großeltern. Es gab damals nicht nur stärkeren Einfluss von Schulen, klare gesellschaftliche Regeln, sondern auch mehr ein Miteinander von Nachbarn, mit der Familie, wo mehrere Generationen beieinander waren und Erfahrungen ausgetauscht haben. Kindererziehung war eher Gemeinschaftssache. Wenn man nur die Schullandschaft nimmt: Zu DDR-Zeiten hatten Eltern keine Wahl wo ihr Kind lernt. Heute kann man zwischen freien und staatlichen Schulen und verschiedenen Ausrichtungen wählen. Das ist eine große Freiheit - aber das ist eben anstrengend. Außerdem glauben heute viele, sie kommen allein mit allen Dingen klar und wenn man Fragen hat, schaut man ins Internet.

Sie plädieren also für mehr Gemeinschaft?

Hüttig: Ja, ich habe beobachtet, dass wir uns manche Dinge künstlich wieder erschaffen - Begegnungen für Eltern mit Kleinkindern werden heute über extra Kurse gefördert - vom Pekip-Kurs über Zwergensprache bis Babyschwimmen. Auch dass Eltern sich immer mehr einfallen lassen, um die Kinder zu beschäftigen, extra Events organisieren, ist auch eine Folge dessen, das Kinder heute in der Nachbarschaft kaum noch Spielgefährten finden. Eltern suchen sich für viele Herausforderungen schon Hilfe - in Büchern und im Internet. Allerdings gibt es so viele Ratgeber, das man gar nicht recht weiß, welchem man nun glauben soll.

Aber sie wollen mit ihren Seminaren doch auch so ein Ratgeber sein. Haben Sie ein Patentrezept?

Hüttig: Nein, das habe ich nicht - und das ist auch gar nicht mein Ansatz. Ich erkläre den Eltern für die jeweiligen Altersgruppen der Kinder, was gerade in der Entwicklung wichtig ist. Ich lege großen Wert auf Austausch, darauf, dass sich die Eltern selbst über Erfahrungen und Lösungen unterhalten. Mir geht es um Praxistauglichkeit und da ist eben jede Familie und jedes Problem anders. Ich wünsche den Eltern heute mehr Bauchgefühl.

Abgesehen von Bauchgefühl - wie wichtig sind Regeln bei der Erziehung?

Hüttig: Regeln sind sehr wichtig - und an sie sollten sich auch alle halten. Wenn Ausnahmen zur Regel werden, liegt das nicht an den Kindern. Aber natürlich kann eine Familie für sich definieren, was erlaubt ist und was nicht - zum Beispiel wie viel Computerzeit die Kinder haben. Eltern sollten dann aber nicht einknicken, wenn sie einmal Nein gesagt haben. Ich sage immer, Kinder brauchen ein Geländer, an dem sie wachsen und laufen können, das Wort Grenzen gefällt mir nicht so.

Glauben Sie, dass Eltern - auch weil sie sich heute bewusster für Kinder als Teil der Lebensplanung entscheiden - zu viel wollen? Stichwort Helikoptereltern...

Hüttig: Es gibt einen neuen Hang zum Perfektionismus. Die Eltern wollen perfekt sein - und die Kinder sollen es auch. Aber das klappt eben nicht. Kinder werden auch einmal impulsiv oder aggressiv. Das ist an sich nichts Schlechtes, es ist eine Reaktion auf die Umwelt. Eltern müssen nur immer wieder neu aushandeln, was geht und was nicht. Sie müssen auch nicht immer sofort springen, wenn das Kind schreit, aber sie müssen generell wieder mehr präsent sein, zuhören, das Kind ernst nehmen.

Sollte man Kinder bestrafen?

Hüttig: So einfach ist das nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen Strafe und Konsequenz. Strafe heißt übersetzt: Du bist schlecht. Konsequenz ist die logische Folge des eigenen Handelns. Das muss man unterscheiden. Generell haben Kinder auch den Wunsch, etwas wiedergutzumachen. Und Familie ist der Ort, wo man das Entschuldigen lernen kann.

  • Infos und Anmeldung zur Familienakademie in der Kulturfabrik Meda in Mittelherwigsdorf bis 21. Oktober über die Homepage https://c-huettig.de

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