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Cleverness oder Betrug? Oder beides?

Die Skandalfirma Infinus ist als Firmengruppe schon komplex zusammengebaut. Ihr Geschäftsmodell ist noch perfider.

© Robert Michael

Von Ulrich Wolf

Dresden mausert sich. Die boomende Landeshauptstadt kann sich nun auch den Titel „Sitz der größten Anlageskandalfirma Deutschlands“ schmücken. Eine Ehre, die bislang Göttingen mit der „Göttinger Gruppe“ gebührte. Die SZ analysiert, wie es dazu kommen konnte.

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Um welche Summen geht es in dem Anlageskandal?

Nach Angaben der Insolvenzverwalter fordern rund 41.000 Gläubiger etwa 1,2 Milliarden Euro. Diese Summe ist mit den Vermögenswerten von 300 Millionen Euro zu verrechnen. Es bleibt also ein Schaden von 900 Millionen Euro. Das übertrifft alle bisherigen Anlageskandale im nicht regulierten Teil des deutschen Kapitalmarkts. Für die Anleger ist wichtig: Inhaber von Orderschuldverschreibungen können hoffen, etwa ein Fünftel ihrer Investition wiederzubekommen. Erwerber von Genussrechten, Genussscheinen oder gar Nachrangdarlehen jedoch werden wohl leer ausgehen; es sei denn, es stellt sich heraus, dass das Infinus-Modell Betrug war.

Warum gibt es in der Infinus-Gruppe so viele verschiedene Firmennamen?

Die Gruppe bestand aus 21 Firmen in Dresden, Hamburg, Stuttgart und Wiesloch bei Heidelberg. Dieses Konglomerat suggerierte Bedeutsamkeit. Zugleich ermöglicht so ein Konzern schwer nachvollziehbare Geldflüsse. Intransparenz ist da das Stichwort. Wichtig sind vor allem drei Gesellschaften, die jeweils als Holdings fungierten: Future Business (785 Millionen Euro Anlagegeld), Prosavus (172 Millionen Euro) und Infinus. Über letztgenannte Firma lief der Vertrieb der Finanzprodukte, unter diesem Namen trat die Firmengruppe in der Öffentlichkeit auf.

Wie sah das ursprüngliche Geschäftsmodell aus?

Die 2000 gegründete Future Business (Fubus) erwarb zunächst noch „junge“ kapitalbildende Lebensversicherungen, zum Beispiel von Leuten, die in Geldnot waren. Die bekamen für ihre Police den Rückkaufwert und einen Bonus dazu. Mancher von ihnen steckte seine neue Liquidität teilweise gleich wieder in Fubus-Produkte. Die Fubus führte die gekauften Policen fort, um sie später wegen des höheren Rückkaufwerts mit Gewinn erneut zu verkaufen. Zudem kassierte sie über ihre Tochterfirmen Provisionen für Vermittlung oder Bestandspflege. Etwa ab 2005 oder 2006 schaffte es dieses Modell nicht mehr, die zugesagten Renditen und die Provisionskosten zu erwirtschaften. Hinzu kam: Anhaltend niedrige Zinsen machten den Markt für Zweitversicherungen schwer planbar.

Welche Ideen setzte das Management im neuen Modell um?

Die Fubus wurde selbst zu einem großen Versicherungshändler: Das Unternehmen schloss teils millionenschwere Versicherungen mit Laufzeiten von 30 Jahren ab und setzte dabei eigene Leute als Versicherungsnehmer ein. Fast immer handelte es sich um fondsgebundene Policen, die höhere Renditen versprachen. Die Policen dienten zudem als Sicherheit für Darlehen. An der Vermittlung solcher Policen verdiente der Infinus-Vertrieb. Er führte seine Gewinne aber wieder an die Fubus ab. Sie schloss davon wiederum neue Policen ab. Analog geschah dies mit den ab 2011 erworbenen Goldsparplänen (siehe Grafik). Fubus-Verwalter Bruno Kübler zufolge dienten die Provisionskarusselle der „Generierung von Liquidität“ sowie dem „Ausweisen zu hoher Gewinne“ in den Bilanzen. Er hat bereits auf die Nichtigkeit der Bilanz 2009 geklagt und angekündigt, das werde er auch für die darauf folgenden Bilanzen machen. Der Jurist hat „erhebliche Zweifel an der langfristigen Rentabilität“ des Geschäftsmodells, das er als „durchaus clever“ bezeichnet.

Gab es keine Warnhinweise vor dem Zusammenbruch der Infinus-Gruppe?

Gelegentlich fand sich in einem Fachblatt mal eine kritische Notiz. Die SZ veröffentlichte 2006 einen Beitrag, in dem ihr Infinus „spanisch vorkam“. Dennoch lief das Modell jahrelang, kein Anleger hatte bis zur Razzia im November 2013 einen Grund zur Klage. Wirtschaftsdatenbank-Verwalter wie Creditreform oder Hoppenstedt gaben Bestnoten. Erst das Magazin Fonds professionell brachte die Infinus-Manager im September 2013 ins Schwitzen. Inzwischen liegen der SZ Unterlagen vor, nach denen die Ergebnisse bereits 2004 und 2005 – gemessen am Kapitalfluss ohne Abschreibungen und Rückstellungen – negativ waren. 2004 betrug das Minus 10,3 Millionen Euro, 2005 sogar 23,6 Millionen Euro. Verwalter Kübler zufolge räumte Fubus-Gründer Jörg Biehl ein, sein Unternehmen habe sich im Mai 2013 in einer „Notsituation“ befunden. Das Handelsblatt berichtete am Freitag, Experten der Finanzaufsicht sei das Provisionskarussell schon 2010 aufgefallen; sie hätten die Öffentlichkeit aber nicht informiert. Erst am 8. November wurde der Vertrieb neuer Fubus-Prospekte untersagt.

Wo ist das viele Geld der Anleger geblieben?

Das kann nur die Staatsanwaltschaft klären. Sie wirft zehn Personen Kapitalanlagebetrug und Bilanzfälschung vor. Ein hoher dreistelliger Millionenbetrag – so viel scheint festzustehen – ist für Provisionen und Marketing draufgegangen. Ob es zu einem Prozess kommt, ist noch offen. Nach SZ-Informationen geht der ein oder andere Strafverteidiger von einem Verbotsirrtum aus. Demnach wäre den Infinus-Managern nicht bewusst gewesen, dass ihr Handeln illegal gewesen sein könnte. Abwegig ist diese Strategie nicht: Im ersten Mannesmann-Prozess etwa profitierten Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel vom Verbotsirrtum.