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Löbau

Comenius als Denkanstoß in Corona-Zeiten

Gemeinsame Projekte zwischen Herrnhut und Tschechien müssen derzeit ruhen. Schwierige Zeiten hatte es allerdings schon immer gegeben.

Die Herrnhuter Förderschule trägt den Namen von Johann Amos Comenius.
Die Herrnhuter Förderschule trägt den Namen von Johann Amos Comenius. © Archivfoto: Matthias Weber

Von Andreas Herrmann

Manchmal ist es auch ein Todestag, der Menschen näher zusammenbringt, auch grenzüberschreitend. In diesem Jahr begeht die Herrnhuter Brüdergemeine den 350. Todestag von Johann Amos Comenius (1592–1670). Er war der letzte Bischof des böhmischen Zweigs der Unität. Bis heute vor allem als Pädagoge bekannt, ist er Verfasser zahlreicher theologischer Schriften und friedensethischer Vordenker. Straßen und Schulen sind nach ihm benannt, wie auch das EU-Programm zur Förderung der Zusammenarbeit von Schulen und der Mobilität von Schülern und Lehrern. Die tschechische 200-Kronen-Note trägt sein Konterfei.

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Um die Kontakte zu pflegen, reisen deshalb immer wieder Herrnhuter zu Treffen mit der der tschechischen Brüdergemeine. Aus Anlass der noch bevorstehenden Feiern zum Todestag von Comenius war im März zum Beispiel eine Gruppe nach Turnov gefahren - als die Grenzen noch offen waren. Sie haben festgestellt, dass das Thema Verbundenheit immer noch so aktuell ist, wie bei Comenius. Erinnert hatte dort der Prager Historiker Matous Jaluska an die Briefe, die dieser einst schrieb, auch als Mittel gegen Resignation. "So eine Kommunikation sollte wieder aufleben, auch zwischen Deutschen und Tschechen", sagt Pfarrerin Benigna Carstens aus Herrnhut dazu - und dies durchaus auch in der Zeit nach Corona. Comenius hatte seinerzeit die Pest und den 30-jährigen Krieg überlebt, verlor zwei Ehefrauen und mehrere Kinder.

Kontakte bis Schuljahres-Ende unterbrochen

Aktuell gibt es viele Beziehungen über die Grenze hinweg. Rund 200 Tschechen besuchten 2019 Herrnhut. "Neben Geschichtsinteressierten waren auch Leser der Herrnhuter Losungen dabei, die auch in tschechischer Sprache erscheinen", berichtet Gästepfarrerin Erdmuthe Frank. Etwa 150 deutsche Schüler wiederum lernen im Herrnhuter Zinzendorfgymnasium Tschechisch. Dazu gibt es regelmäßigen Austausch mit der Partnerschule in Liberec. Noch kurz vor der Grenzschließung wegen Corona fanden in der ersten Märzwoche dort gemeinsame Treffen statt. Ausgebaut werden sollten bis zum Sommer auch Verbindungen zu einem Gymnasium in Olomouc. Herrnhuter Tschechisch-Schüler nehmen an der aller zwei Jahre stattfindenden Tschechisch-Olympiade "Bohemiade" teil. Außerdem gibt es Projekte wie "Wintons Kinder" - hier hatten die Schüler die Geschichte von Nicholas Winton, der über 600 jüdische Kinder in Tschechien vor der Vernichtung durch die Nazis rettete, übersetzt und im Ostritzer Kloster St. Marienthal vorgetragen. Freiwillige übersetzen Hinweisschilder an historischen Herrnhuter Häusern ins Tschechische. 

Da in Herrnhut die Schneegarantie nicht gegeben ist, fahren die Schüler der 7. Klassen in der ersten Schulwoche des neuen Jahres inzwischen schon traditionell im Januar nach Rokytnice nad Jizerou beziehungsweise seit 2020 nach Josefuv Dul im Isergebirge. "Auf jeden Fall bis April und wahrscheinlich sogar bis Ende des Schuljahres im Juni sind diese Kontakte wegen der Grenzschließung leider erst einmal unterbrochen", informiert Tschechischlehrerin Simona Kahounova aus Liberec.

Tschechische Hilfe bei Welterbe-Bewerbung

Pfarrer Karl-Eugen Langerfeld aus Niesky, ein Experte für das Leben von Comenius, arbeitete über einige Jahre hinweg als Pfarrer in der Gemeinde Jablonec und kennt noch ganz andere Probleme als Corona. In den Jahren nach der Wende kam es durch interne theologische Auseinandersetzungen zur Spaltung der tschechischen Brüder-Unität. Heute gibt es daher eine pfingstlerische "Tschechische Provinz der Brüder-Unität", während die acht "klassischen", teils sehr kleinen Brüdergemeinen in der "Tschechischen Missionsprovinz" zusammengeschlossen sind. Die Europäisch-Festländische Brüder-Unität (EBU) stand in dieser Zeit bei allen Vermittlungsversuchen deutlich an der Seite der Tschechischen Missionsprovinz. 

Weil einige Gemeinden im Zusammenhang mit der Spaltung der Provinz ihre Gemeinderäume und Kirchengebäude verloren hatten, war in den vergangenen 30 Jahren auch öfter finanzielle Unterstützung ein Thema im Austausch zwischen den beiden Provinzen. So hat die Gemeinde Prag nach dem Verlust ihres Prager Zentrums mit Unterstützung auch aus der EBU eine kleine Kirche in Prag Malesice kaufen und renovieren können. Auch der Rückkauf und die Renovierung des Kirchensaals von Potstejn ist durch Spenden der deutschen Brüder-Unität mitfinanziert worden. Häufig geschehen solche Unterstützungen ohne Vermittlung der Kirchenleitung direkt von Gemeinde zu Gemeinde, denn schon seit vielen Jahrzehnten existieren lebendige Gemeindepartnerschaften.

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Einbezogen werden sollen die Tschechen deshalb in der Zeit nach Corona auf jeden Fall in die Überlegungen zur Welterbe-Bewerbung von Herrnhut oder auch das Ortsjubiläum 2022. Schließlich geht es um die gemeinsame Geschichte. Görlitz war zum Beispiel für Comenius ein wichtiger Aufenthaltsort, als er in den Wirren des 30-jährigen Krieges 1628 mit seiner Familie das Land endgültig verlassen musste und mit Tausenden anderer Vertriebener im polnischen Lissa (Leszno) Exil fand. Nun gibt es hier den Gedanken, im Zusammenhang mit der Via Sacra gemeinsame Touren zu beschreiben. 

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