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Corona: Ärzte gehen auf die Barrikaden

In Görlitz führen Mediziner Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen an. Sie haben einen ganz anderen Blick auf das Virus.

Dr. Ralph Tinzmann auf der von ihm angemeldeten Demonstration für Grundrechte und gegen Panikmache.
Dr. Ralph Tinzmann auf der von ihm angemeldeten Demonstration für Grundrechte und gegen Panikmache. © Nikolai Schmidt

Er ist 51 Jahre alt, beschreibt sich selbst als konservativ und wer ihm gesagt hätte, dass er mal auf die Straße geht und demonstriert, den hätte er mindestens ungläubig angeschaut. Und jetzt organisiert Dr. Ralph Tinzmann sogar Demonstrationen, meldet sie an, stand anfangs mit dem Meterband auf dem Postplatz, um die Abstände zu markieren. Der Görlitzer Allgemeinmediziner und Notarzt ist das Gesicht der Proteste gegen die Corona-Auflagen.

Seit sechs Wochen Demos im Görlitzer Zentrum

Jeden Sonnabend kommt im Görlitzer Stadtzentrum eine Gruppe von Menschen zusammen, um für Grundrechte und gegen Panikmache durch aus ihrer Sicht überflüssige Regeln zu demonstrieren. Am vergangenen Sonnabend waren es rund 100 Bürger, in den Wochen zuvor auch schon mal 150.  So geht es nun seit sechs Wochen. Am liebsten würde Tinzmann so lange seine Sonnabendnachmittage auf dem Postplatz verbringen, bis alle Auflagen abgeschafft sind und eine juristische Aufarbeitung der Pandemie-Bekämpfung begonnen hat. Doch der Mediziner, der zwei Praxen in Görlitz hat, viele Patienten behandelt und seit über zwei Jahrzehnten einer der wichtigsten Notärzte in der Stadt ist, ist auch Realist: "Wenn die Lockerungen so weitergehen, dann werden auch weniger kommen." Und irgendwann ist dann die Luft raus - und die Ferien sind auch da.

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Die Wenigsten erkranken an Corona

Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen.
Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen. © Nikolai Schmidt

Aber wie kommt ein Arzt dazu, gegen die Maßnahmen zu demonstrieren, die eine gefährliche Krankheit einhegen sollen? Über deren Folgen und Wirkungen Ärzte täglich Neues erfahren, für deren Behandlung es noch kein Medikament und keine Impfung gibt, mit dessen Erreger sich bis diesen Freitagmittag sechs Millionen Menschen auf der Welt innerhalb von fünf Monaten infizierten und in deren Zusammenhang rund 360.000 Menschen gestorben sind. "Das Coronavirus ist eines von vielen Viren, mit denen wir leben müssen. Es ist ein gefährliches Virus, besonders für Risikogruppen. Aber nicht mehr und nicht weniger", sagt er.

Für Tinzmann geht es in der öffentlichen Diskussion drunter und drüber: Seit wann wird die Politik auf reine Infiziertenzahlen ausgerichtet? Die wenigsten erkranken, noch weniger schwer, die wenigsten sterben. Auch hält er die Darstellung einer Pandemie oder Infektionswelle für unverhältnismäßig. Tests seien fehlerhaft, der Lockdown habe nichts gebracht, weil zuvor die Intensität der Ansteckungen bereits zurückging, "aber wir sind unfreier und alle stärker abhängig von staatlichen finanziellen Zuschüssen als zuvor." Diese Richtung gefällt ihm nicht. Und mit ihm seiner Lebensgefährtin, Dr. Luise Möhle, eine Anästhesistin am Städtischen Klinikum in Görlitz. Vergangene Woche sprach neben ihr auch noch eine Dresdner Krankenschwester. Es soll zeigen: Selbst die Mediziner glauben nicht mehr der offiziellen Politik und Pandemie-Strategie. 

Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen.
Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen. © Nikolai Schmidt

Tinzmann nicht allein mit seinen Ansichten

Tatsächlich sind Tinzmann und Möhle nicht allein mit ihren Ansichten. In Görlitz nicht, wo der Chefarzt der Anästhesie des Carolus-Krankenhauses auf seiner privaten Facebook-Seite auffällig Beiträge und Links teilt, die die Gefahr des Coronavirus relativieren und der vor Wochen gegenüber der SZ, als er um das Leben eines coronainfizierten 70-jährigen Patienten auf der Intensivstation seiner Klinik kämpfte,  seine eigene Skepsis durchklingen ließ. Aber auch in Deutschland sind die Görlitzer Ärzte nicht allein. Da gibt es Wissenschaftler, wie Professor Sucharit Bhakdi oder  Dr. Wolfgang Wodarg, die ebenso Zweifel in Videos erläutern, die im Videokanal "Youtube" millionenfach geklickt werden. Ihre Botschaft ist klar: Die Gefahren durch das Coronavirus werden übertrieben und sind durch zahlreiche Untersuchungen relativiert worden, die Maßnahmen dagegen haben schwerwiegendere Folgen als die Krankheit selbst.

Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen
Protest auf dem Postplatz gegen die Corona-Beschränkungen © Nikolai Schmidt

Für sie alle ist Schweden das Vorbild in der Pandemie. Das Land im hohen Norden Europas sei besser vorbereitet auf eine zweite Welle, glaubt auch Tinzmann.  Weil  mittlerweile 20 bis 30 Prozent der Menschen eine Infektion dort durchgestanden haben. Zwar gibt es solche Zahlen nur für den Ballungsraum Stockholm, auch gehen die Wissenschaftler davon aus, dass für ein Ausklingen der Pandemie eine Durchseuchung von 60 bis 70 Prozent nötig sind. Vor allem aber richten Kritiker der Schweden-Strategie, die Gebote und keine Verbote vorsah, die Schulen und Gaststätten offen ließ, den Blick auf den Preis, den Schweden dafür in kürzester Zeit gezahlt hat: Im April starben in Schweden so viele Menschen wie seit 1993 nicht mehr. Insgesamt starben in Schweden  im Zusammenhang mit Corona rund viermal mehr Menschen als in Deutschland. 

Es gibt aber auch andere Stimmen aus der Ärzteschaft

Tinzmann kennt diese Zahlenspiele. Sie erschüttern ihn nicht. Es sind eben die Toten, die Deutschland bis Ende des Jahres auch zu verzeichnen haben wird. Er hält es da eher wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der kürzlich kritisierte, dass  die Politik Menschen schütze, die ohnehin in einem halben Jahr sterben würden. Nach einigem Hin und Her entschuldigte sich Palmer für diese Aussagen. Tinzmann aber findet das nach wie vor richtig. Dass auch Jüngere schwer erkranken, dass Intensivmediziner in Tübingen, Freiburg und Heidelberg erst in dieser Woche davon berichteten, wie Corona nicht nur die Lunge, sondern auch Nieren und Blutgefäße angreift und zu schlimmen Thrombosen führen kann - das sind für Tinzmann schlimme, auch bedauernswerte, aber doch Einzelfälle.

Mehrheit der Deutschen anderer Meinung als Tinzmann

Natürlich gibt  es auch andere Stimmen aus der Ärzteschaft in Görlitz. Der langjährige Hausarzt und Begründer des Görlitzer Rettungswesens, Dr. Rolf Weidle, und der langjährige Chefarzt der Görlitzer Kinderklinik, Dr. Hans-Christian Gottschalk, sprachen  sich in einem SZ-Beitrag vehement für die Befolgung der Corona-Auflagen aus, um Menschenleben zu retten. Und auch die Görlitzer Infektionsepidemologin, Dr. Claudia Friedrichs, die als Fachärztin im Medizinischen Labor Ostsachsen in Görlitz arbeitet,  führte die nachlassende Pandemie auch auf die ergriffenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zurück. Und mahnte jetzt, nicht nachzulassen. 

Die Bevölkerung in Deutschland ist auch mehrheitlich dieser Ansicht. Entsprechend  einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes dimap - im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks - bewerten 74 Prozent aller Deutschen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavrius rückblickend als richtig. Für 15 Prozent der Befragten gingen sie zu weit, für neun Prozent nicht weit genug. Die Lockerungen wiederum halten 58 Prozent für richtig, für 25 Prozent gehen sie sogar zu weit - auch hier drängen 15 Prozent auf weitergehende Lockerungen.

Tinzmann schätzt die Lage anders ein

Dass sie so wenige bei der Demo auf dem Postplatz sind, stört Tinzmann nicht wirklich. Er ist fest davon überzeugt, dass die Menschen im Stillen und Geheimen viel kritischer die Corona-Politik in Deutschland beurteilen, es sich aber nicht trauen, zu sagen. Deshalb sieht er auch kein vielstimmiges Bild in der Wissenschaft und Politik, das sich dynamisch entwickelt, wo Woche für Woche neue Entwicklungen möglich sind. Er sieht nur, dass keine alternativen Stimmen die Politik beraten, dass alle abweichenden Wissenschaftler geächtet werden, dass Demonstranten als Nazis, Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger diffamiert werden. Dass die Bild-Zeitung seit einer Woche Thesen des Virologen Christian Drosten auseinander nimmt, dass seit Wochen in diesem Land darüber gerungen wird, welche Freiheiten nicht mehr eingeschränkt werden brauchen - das sieht Tinzmann, aber es ändert nichts an seiner Meinung, dass die Politik auf Drosten hört, obwohl der auch schon bei der Schweinegrippe falsch lag. 

Tinzmann schätzt die Lage anders ein, kommt zu anderen Ergebnissen bei seinen Überlegungen. Ob das etwas mit richtig und falsch zu tun hat, wird sich noch erweisen müssen. Ob und wieviele Menschen mehr in der Pandemie beispielsweise starben als in einem vergleichbaren Zeitraum wird sich erst bei der Sterbestatistik im nächsten Jahr wirklich erweisen. 

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Tinzmann hält sich an das, was er in seiner Praxis erlebt. Manche Patienten kämen angstvoll, fühlten sich beengt und stigmatisiert durch die Masken. Er selbst spüre zunehmende Aggression, weil er keine Maske trage. "Ich werde unflätig angemacht." Langfristig sorgt er sich um das Wohl seiner Kinder, um deren Freiheiten. Werden die Selbstmordraten zunehmen? Die psychischen Krankheiten? Er weiß es genauso wenig wie andere, aber er hält diese Möglichkeiten für wahrscheinlicher. Und er hat Angst, dass die Grundrechte bei passender Gelegenheit demnächst wieder eingeschränkt werden. Keine Reisen,  keine freie Berufsausübung, kein Demonstrationsrecht. Da wird der gebürtige Berliner, der in Ostberlin aufwuchs, der an der Bornholmer Straße die Mauer zusammenstürzen sah, nachdenklich. "Es geht für mich und alle die demonstrieren ums Prinzip", sagt er. Und dafür steht er auch an diesem Sonnabend wieder auf dem Postplatz in Görlitz.

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