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Mehr Alkohol in der Krise: Ab wann wird es gefährlich?

Der Suchtbeauftragte der Landesärztekammer spricht im Interview über Trinkgewohnheiten in Zeiten von Corona und entscheidende Signale.

Ein Anlass für ein Gläschen Sekt findet sich immer.
Ein Anlass für ein Gläschen Sekt findet sich immer. © Jacob Ammentorp Lund/123.rf

Ein Drittel mehr Wein, Gin und Korn haben die Deutschen seit Beginn der Coronakrise gekauft. Das zeigt ein Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ein Nürnberger Marktforschungsinstitut hat ihn gemacht – und gleich eine Deutung dazu geliefert: Weil die Leute nicht mehr in Gaststätten und Kneipen trinken können, verlagern sie ihren Alkoholkonsum in die eigenen vier Wände. Ob die Menge noch normal oder schon bedrohlich ist, wollte die SZ von Dr. Frank Härtel wissen. Der Psychiater und Neurologe gilt als einer der kompetentesten Suchtärzte der Region und leitet die Kommission „Sucht und Drogen“ der Landesärztekammer in Sachsen.

Herr Dr. Härtel, greifen in Krisenzeiten die Menschen mehr zum Alkohol?

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Die Krise ist nicht nur Elend und Drama, sondern für viele auch eine genussreiche Zeit. Ich möchte bei Suchtfragen nicht nur immer den Qualen des Alltags das Wort reden. Genießer bilden bei Weitem die größte Quote derjenigen, die Alkohol konsumieren. Die sind ja nicht alle abhängig. Dass das dann vielleicht nicht immer so bleibt, ist etwas anderes. Natürlich gibt es auch Leute, die sehr viele Probleme haben und sich vor lauter Schwierigkeiten in eine Betäubung oder Erleichterung durch ein Suchtmittel begeben. Wir haben in der Krise und in ihrer Bewältigung ein breites Spektrum an menschlichen Verhaltensvarianten. Manche sind aktiv und orientieren sich beruflich um. Andere begeben sich aufs Sofa, schauen den ganzen Tag fern und trinken mehr als vorher. Manche reagieren dann sehr gereizt und neigen sogar zu aggressiven Handlungen.

Aber wird denn tatsächlich mehr getrunken?

Das kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann, ist, dass in Kliniken und Beratungsstellen im Moment nichts in Richtung Mehrkonsum hervorsticht. Aber dort sehen wir nur, was medizinisch relevant ist: Missbrauch und Abhängigkeit. Beide Erscheinungsformen brauchen Zeit zur Entwicklung.

Die Krise dauert seit sieben Wochen an. In der Zeit wird man nicht abhängig?

Die große Zahl nicht, nein. Aber ein Missbräuchler, der schon seit Jahren zu viel trinkt, kann sich innerhalb weniger Wochen zum Abhängigen entwickeln.

Was unterscheidet einen Missbräuchler denn von einem Abhängigen?

Abhängige zeigen einen Alkoholentzug. Sie schwitzen, zittern, sind unruhig. Auch epileptische Anfälle kommen im starken Alkoholentzug sehr häufig vor. Ein Missbräuchler trinkt ebenfalls über das Limit, am falschen Ort, wegen des falschen Anlasses, zur falschen Zeit und mit den falschen Leuten. Aber er hat keine körperlichen oder psychischen Entzugserscheinungen. Allerdings kann auch er schon Organschäden wie ein Abhängiger bekommen, etwa eine alkoholische Schrumpfleber. Menschen zeigen unterschiedliche Symptomatiken. Manche trinken lange Zeit Alkohol – und ihre Leber kommt glimpflich davon. Dafür haben sie aber Lähmungserscheinungen in den Beinen oder eine deutliche hirnorganische Beeinträchtigung. Bei anderen verträgt das Zentralnervensystem den Alkohol scheinbar leidlich, aber sie haben eine alkoholische Herzmuskelvergiftung und sterben unter Umständen daran.

Wie viel ist denn zu viel?

Das Limit ist definiert. Für Männer sind das 20 Gramm reiner Alkohol am Tag. Das entspricht etwa einem halben Liter Bier oder 200 Milliliter Weißwein. Für Frauen die Hälfte. Schwangere dürfen überhaupt keinen Alkohol trinken, sonst schädigen sie ihr Kind irreversibel. Mehrere Tausend Kinder kommen in Deutschland pro Jahr zu klein, zu leicht und unterentwickelt zur Welt, weil die Mütter vor allem in der Frühschwangerschaft getrunken haben. Die Hirnentwicklung erholt sich davon nie.

Dr. Frank Härtel ist Psychiater. Er war 20 Jahre Chefarzt des Psych. Fachkrankenhauses Wiesen. Der 72-Jährige lebt in Zwickau.
Dr. Frank Härtel ist Psychiater. Er war 20 Jahre Chefarzt des Psych. Fachkrankenhauses Wiesen. Der 72-Jährige lebt in Zwickau. © SLÄK

Woran erkenne ich, ob mein Alkoholkonsum noch im Rahmen oder schon bedenklich ist?

Wenn ich darüber nachdenke, habe ich schon das erste Alarmzeichen erkannt. Die Dosis ist entscheidend. Ich merke ja, wie viele Flaschen am Morgen leer dastehen und ob ich so einen schweren Kopf habe, dass ich in meiner Heimarbeitszeit heute erst um neun den Computer einschalten kann. Dann bin ich nicht gut drauf, das schränkt mich ein. Andere Alarmzeichen sind, dass ich das jeden Tag mache oder ich gefragt werde, ob ich den Alkoholkonsum noch im Griff habe oder die Dosis über die Tage steigt. Wer viel verträgt, ist besonders gefährdet. Dadurch fällt eine normale Bremse weg. Wenn ich sonst nach einer feuchten Nacht am Morgen einen schweren Kopf habe und mir das Frühstück nicht schmeckt, dann überlege ich ja, ob ich das so schnell wiederholen möchte.

Kann ich das selbst regulieren – und wenn ja, wie?

Ich habe da eine schwere Aufgabe vor mir, das gelingt nicht im Handumdrehen. Aber wenn ich mich dahinter klemme, schaffe ich das. Das Erste ist, sich anzustrengen, sich selber zu zügeln. Wenn das nicht funktioniert, kann ich mir Hilfe in Beratungsstellen oder Kliniken holen. Wir wissen, dass eine Menge Leute auch selbst den Ausstieg schaffen. Leider ist die exakte Datenlage schlecht. Es gibt dafür zu wenig Felduntersuchungen.

Was ist mit den Abhängigen von illegalen Substanzen, deren Beschaffungswege jetzt geschlossen sind?

Jede nicht konsumierte Dosis ist ein Gewinn für den Menschen und für die Gesellschaft. Eine unmittelbare gesundheitliche Bedrohung gibt es nur bei Alkoholentzug in fortgeschrittenen Fällen und bei Beruhigungsmittelentzug. Der Entzug aller einschlägigen illegalen Drogen ist zwar lästig, aber niemals gefährlich. An einem Opiat-, Crystalmeth-, oder Cannabisentzug stirbt niemand. Crystal aktiviert und stimuliert die Leute bis zum Exzess. Lässt die Wirkung nach, sind sie erst mal schlecht drauf, aber dann schlafen sie zwei, drei Tage und kommen nicht hoch, weil alle aktivierenden Botenstoffe aus dem Körper verpulvert sind. Bei diesem körperlichen Entzug ist in der überwiegenden Zahl der Fälle keine umfangreiche Medikation nötig.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Die Sachsen und die Sucht in Zahlen:

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  • Etwa zehn Prozent der erwachsenen Sachsen haben Suchtprobleme.

  • Von Alkohol abhängig sind 80.000, 70.000 trinken regelmäßig zu viel.

  • Medikamentenabhängig, vor allem von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, sind 100.000 Menschen im Freistaat.

  • Von illegalen Drogen wie Crystal, Cannabis, Opiaten und Kokain sind 23.000 Sachsen abhängig, 20.500 missbrauchen sie regelmäßig.

  • Computer- und mediensüchtig sind 25.000 Leute, Glücksspielsüchtig 7.500.

  • 2019 haben 28.300 Menschen mit Suchtproblemen Hilfe bei Beratungsstellen gesucht. 21.000 mussten in die Klinik.

  • Wegen psychischer und Verhaltensstörungen durch Alkohol mussten sich mehr als 16.000 Leute in einer Klinik behandeln lassen. Nach Herzinsuffizienz, intrakraniellen Verletzungen sowie Vorhofflattern/-flimmern ist das die vierthäufigste Ursache für eine stationäre Behandlung.

  • Drei Viertel der Patienten sind Männer.

  • 1.009 Sachsen sind 2019 an alkoholbedingten Krankheiten gestorben. Bundesweit rangiert Sachsen damit auf Platz 4.

  • Die Angaben stammen aus dem aktuellen Suchtbericht, den die Sächsische Landesstelle gegen die Suchtgefahren jedes Jahr im April veröffentlicht. Darin wertet sie Daten der Suchtberatungsstellen, Krankenhäuser und sozialtherapeutischen Einrichtungen aus. (rnw/sp)

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