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Corona als Schule fürs Leben?

Joanna Kesicka, Vorsitzende des Landesschülerrats, über die digitale Schule, Selbstständigkeit – und warum die Corona-Zeit auch wertvoll war.

Joanna Kesicka vertritt seit Herbst 2019 die Interessen der über 320.000 Schülerinnen und Schüler in Sachsen.
Joanna Kesicka vertritt seit Herbst 2019 die Interessen der über 320.000 Schülerinnen und Schüler in Sachsen. © Jürgen Lösel

Frau Kesicka, Sie besuchen die 11. Klasse am Gymnasium Löbau. Diese Woche waren Sie erstmals seit sechs Wochen wieder in der Schule. Wie fühlte sich das an?

Es war fantastisch! Und zugleich absolut ungewohnt. Mein erster Gedanke war aber nicht der Unterricht, sondern meine Freunde und die Kontakte, die man durch die Schule hat. Es ist einfach schön, alle wiederzusehen. Auch wenn es ungewohnt ist, mit Maske im Unterricht zu sitzen.

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Könnten die Sommerferien nach dieser Schulpause verkürzt werden?

Auf keinen Fall. Die Corona-Zeit war kein Urlaub. Die Schüler mussten Leistungen erbringen und bekamen Noten, nur erfolgte das eben zu Hause. So wie Arbeitnehmern Urlaub gewährleistet wird, muss das auch bei Schülern sein. Allerdings wäre es eine gute Sache, in den Sommerferien freiwillige Unterrichtsangebote zu ermöglichen für Schüler, die Förderbedarf haben, bei denen sich Wissenslücken offenbart oder vertieft haben während der Corona-Zeit.

Wie haben Sie diese Zeit verbracht?

Meine Corona-Zeit bestand aus Lernen, Schülervertretung und Aushelfen. Die Arbeit für den Landesschülerrat ging fast unverändert weiter, denn in den ersten Corona-Wochen haben wir vor allem für die Abiturienten und die Schüler der Abschlussklassen gekämpft, dass die unter ordentlichen Bedingungen weiter arbeiten können. Ich habe außerdem mit einer anderen Schülerin einen Einkaufsservice für Senioren gegründet. Aber nachdem die Maskenpflicht kam, wurde das schnell weniger: Die Menschen wollten einfach mal raus, und wenn es nur zum Einkaufen war.

Wie schwer war die Umstellung auf selbstständiges Arbeiten?

Bei jüngeren Schülern und Schülern mit großem Förderbedarf war und ist es schwerer als bei Schülern der Abschlussklassen, ob nun an Gymnasien, Oberschulen oder Berufsschulen. Im Endeffekt ist es trotzdem ein altersübergreifendes Problem, das nicht immer einfach zu bewältigen war. Beispielsweise für Schüler, die eine große Familie haben, sich Computer teilen müssen mit Eltern oder Geschwistern, viele Pflichten im Haushalt haben. Dann gab es oft Probleme, weil mehrere Lehrer gleichzeitig die schnelle Abgabe von Aufgaben einforderten, das erzeugte großen Druck.

Es ist viel die Rede von den Problemen der Eltern. Wie haben die Schüler das Homeschooling erlebt?

In den ersten Wochen verlief die Umstellung auf Homeschooling eher holprig. Die Lernplattform Lernsax funktionierte nur stockend, das Angebot wurde dann aber verbessert. An einigen Schulen in Sachsen gab es vor Corona intensivere Erfahrungen mit digitalem Lernen, dort klappte die Umstellung offenbar besser. Für viele Schüler und Lehrer aber war die ganze Situation etwas völlig Neues. Da musste erst mal die Kommunikation hergestellt werden. Während die einen sich schon trafen bei Internetplattformen, haben andere noch E-Mail-Adressen ausgetauscht. Viele haben zudem keinen Zugang zu schnellem Internet.

Ist der Umgang mit der Technik ein Generationenproblem? Also je älter, desto mehr Probleme?

Die Digitalisierung ist ein Lernprozess, für alle. Wie gut Lehrer in der Krise mit digitalen Lernmitteln umgegangen sind, hängt davon ab, ob bereits Fortbildungen an ihren Schulen gemacht worden sind. Das ist in Sachsen leider noch nicht flächendeckend passiert. Es gibt keine Altersgrenze dafür, wie gut man mit der Technik umgehen kann. Wir haben Lehrer jedes Alters erlebt, die sich in der Corona-Zeit stark engagiert und in Eigeninitiative versucht haben, die Kommunikation zu gewährleisten.

Fürchten Sie, dass viele Schüler durch Corona den Anschluss verlieren?

Ja. Bei den höheren Klassen werden derzeit Leistungsanforderungen heruntergesetzt, weil man weiß, dass das normale Programm unmöglich zu schaffen ist. Beispielsweise müssen weniger Klausuren und Tests geschrieben werden. Ich denke, das wird bei den unteren Klassen, die jetzt nach und nach wieder in die Schulen kommen werden, ähnlich sein. Auch sein müssen, denn da gibt es viel Angst davor, wie nun alles weitergeht.

Der Rest des Schuljahres wird für viele Schüler eine Mischung aus Präsenzunterricht und Homeschooling sein. Wie wichtig ist ein Lehrer als Präsenzperson? Könnte man in der digitalen Zukunft darauf verzichten?

Auf keinen Fall. Corona hat gezeigt, wie dringend man den Lehrer als Präsenzperson braucht. Weil er schnell bei Problemen und Nachfragen reagieren kann und den Stoff weniger komplex darstellt, als es das Lehrbuch tut. Dennoch muss man über die Art des Präsenzunterrichts reden, denn nicht immer ist der sehr modern.

Was heißt das?

Frontalunterricht ist leider immer noch ein großer Bestandteil von Unterricht und der Lernstrukturen, die Lehrer sich angeeignet haben. Der Frontalunterricht ist aber nicht die Methode der Zukunft. Es muss mehr Wert gelegt werden darauf, zu lernen, wie man lernt, und nicht nur auf stures Faktenwissen. Es reicht nicht, die Schüler auswendig lernen und das Gelernte dann abfragen oder aufschreiben zu lassen. Hoffnung macht mir, dass es immer mehr Fortbildungen gibt zu alternativen Methoden, auch im Lehramtsstudium wird es angeboten. Es gibt Lehrer, die das anwenden, bei denen es Diskussionen gibt, Projektunterricht, Exkursionen. Aber ich finde, gerade im Fach Gesellschaft, Recht und Wirtschaft könnte noch mehr passieren.

Ohne Kenntnis von Fakten kann man schwerlich mitreden.

Natürlich, Faktenwissen ist die Basis, um Politik und unser Leben zu verstehen. Aber nur durch Erfahrungen mit der Praxis wird Faktenwissen besser verständlich. Ein Ausflug zum Landtag bringt mehr, als wenn man sich nur mit der Theorie des Parlamentarismus beschäftigt.

Das ist sicher keine einfache Aufgabe bei einer Generation, von der es heißt, sie sei politisch verdrossen.

Nein, das sehe ich ganz anders. Jede Generation hat ihr eigenes Thema, das sie umtreibt, und in den vergangenen Jahren hat man ganz deutlich gesehen: Das Thema meiner Generation ist der Klimawandel. Nicht nur seine Ursachen und die biologische Seite, sondern alles, was er gesellschaftlich nach sich zieht. Weil den Parteien die Mitglieder weglaufen, muss das ja nicht automatisch bedeuten, dass die Jugend politikverdrossen ist. Im Gegenteil, wir erleben doch, dass sich die Jugendlichen auf vielen Ebenen und Kanälen engagieren, dass sie ganz neue Wege gehen. Wir haben im Februar in Dresden eine Klimakonferenz mit Politikern und Fachleuten für 600 Schüler organisiert. Wir hatten so viele Anmeldungen dafür, dass wir die Anmeldefrist vorziehen mussten.

Neben der politischen Bildung setzt sich der Schülerrat sehr für die Digitalisierung ein. Was muss jetzt passieren?

Corona hat deutlich gemacht, dass es nicht reicht, die Schulen technisch aufzurüsten. Wir brauchen Lehrer, die damit umgehen können. Für die Schüler muss es möglich sein, ihre eigenen Geräte mitbringen zu können, und zwar flächendeckend. Wenn jemand kein Gerät hat oder ein veraltetes, muss der Staat gewährleisten, dass Technik zur Verfügung steht. Es sollen auf keinen Fall soziale Unterschiede entstehen, nur weil einer ein besseres Tablet hat und der nächste überhaupt keins.

Das klingt, als sei Corona durchaus auch eine wertvolle Zeit gewesen.

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Eine schreckliche und eine wertvolle Zeit. Schrecklich, weil sie für Schüler Ängste und Nachteile brachte und für Lehrer und Schulleitungen enorme Aufgaben und Herausforderungen. Andererseits denke ich, dass die Schüler gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen können, sogar gereift. Die Lehrer haben nun gesehen, wie wichtig die Digitalisierung ist. Und ich denke, der Staat hat jetzt deutlich wahrgenommen, wo die Probleme sind, wo man ansetzen kann. Und dass man deutlich schneller handeln muss als in den vergangenen Jahren.

Das Interview führte Christina Wittig-Tausch.

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