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Niesky

Die Angst der Pflegeheime

Im Pflegeheim Klein Priebus gibt es jetzt den zweiten Todesfall . Andere Einrichtungen hoffen, dass ihnen das nicht passiert.

Desinfizieren und vor Viren und Bakterien schützen ist das A und O in Altenheimen.
Desinfizieren und vor Viren und Bakterien schützen ist das A und O in Altenheimen. © dpa

18 Infizierte, seit Mittwoch unter den Bewohnern der zweite bestätigte Todesfall - die Situation im Klein Priebuser Altenpflegeheim Martin von Tours ist derzeit alles andere als schön. Die Zuspitzung dort hat auch in anderen Pflegeeinrichtungen zwischen Görlitz, Niesky und Rothenburg für erhöhte Wachsamkeit gesorgt.

Heim in Klein Priebus steht weiter unter Quarantäne

Annett Dubsky kann sich über den Gesundheitszustand ihres Vaters nur noch per Telefon informieren. Ihn regelmäßig besuchen, wie vor dem Beginn der Coronakrise - das ist schon seit über zwei Wochen nicht mehr möglich. Das Heim im Krauschwitzer Ortsteil  Klein Priebus hat wie alle anderen Einrichtungen der Branche seine Türen für Besucher zugemacht, das Gesundheitsamt hat am 22. März sogar eine Quarantäne verhängt. Die geht vorerst bis 8. April. Laut Kreissprecherin Julia Bjar ist eine Verlängerung aber möglich. Gesundheit geht vor. Trotzdem hat sich das Virus hier ausgebreitet. "Mir ist überhaupt nicht wohl dabei", sagt die Frau aus Ober Prauske und fängt an zu schluchzen. Ob die Infektion auch ihren Vater erwischt? Sie hofft es nicht.

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Wurden Coronasymptome anfangs unterschätzt?

Wie das Virus überhaupt in das Heim gekommen ist, kann sie nur vermuten. "Die Symptome ähneln ja der Grippe. Vielleicht hat man das anfangs unterschätzt." Dies sei nicht ausgeschlossen, sagt Julia Bjar. Denn zu diesem Zeitpunkt wurde ein Abstrich auf Covid-19 nur in begründeten Verdachtsfällen genommen oder bei Menschen, die aus einem Risikogebiet kamen. Annett Dubskys Vater jedenfalls ist bis jetzt offenbar verschont geblieben. Wegen seiner vielen gesundheitlichen Probleme kommt der alte Herr aus seinem Zimmer in Klein Priebus nicht heraus. "Das hat ihn bisher vielleicht vor einer Infektion bewahrt", vermutet seine Tochter, die sich zu Hause noch um Tante, Onkel und andere Verwandte kümmert. Alle betagt und froh, dass ihnen jemand hilft. Über die Kommunikation mit dem Heim kann sie sich trotz der kritischen Situation nicht beklagen. "Die Mitarbeiter rufen an und berichten, wie es meinem Vater geht."

Vier Bewohner wurden bisher stationär behandelt

Im Martin-von-Tours-Haus selbst hat die Zahl der Infektionen seit dem ersten Bekanntwerden weiter zugenommen. Elf der insgesamt 23 Bewohner und sieben von 20 Beschäftigten sind betroffen, inzwischen gibt es auch einen zweiten Todesfall. "Vier Bewohner wurden zwischenzeitlich stationär behandelt, zwei davon konnten wieder zurück in das Pflegeheim verlegt werden. Den anderen Bewohnern geht es ihrem Alter entsprechend gut", berichtet Kristina Milewski, Geschäftsbereichsleiterin stationäre Altenhilfe bei der Diakonie St. Martin. Es gebe allerdings auch Fälle von positiv getesteten Bewohnern, die keine Symptome der Krankheit zeigen. Ausfälle beim Personal machen die Lage indes nicht leichter. Die Mitarbeiter müssen teils wegen positiver Coronatests passen, teils aber auch durch saisonbedingte Erkältungen. Deshalb wird die Belegschaft in Klein Priebus mit Personal aus anderen Bereichen der Diakonie aufgefüllt.

Strenges Betreuungsregime gegen Neuinfektionen

Beschäftigung in Coronazeiten: Im Seniorenzentrum "Am Stadtpark" in Görlitz rollt auf einer mobilen Kegelanlage im Speisesaal die Kugel. Natürlich mit dem gebotenen Abstand zwischen den Bewohnern.
Beschäftigung in Coronazeiten: Im Seniorenzentrum "Am Stadtpark" in Görlitz rollt auf einer mobilen Kegelanlage im Speisesaal die Kugel. Natürlich mit dem gebotenen Abstand zwischen den Bewohnern. © privat

Die vom Gesundheitsamt verhängte Quarantäne betrifft das gesamte Haus. Kristina Milewski beschreibt das Betreuungsregime: "Die Bewohner dürfen sich nur noch in ihren Zimmern aufhalten, die Mitarbeiter tragen FFP2-Masken. Zimmer positiv getesteter Bewohner müssen in Schutzkleidung und mit Schutzbrille betreten werden." Kommen die Pflegekräfte zum Dienst, dürfen sie das Gebäude nur einzeln betreten, um sich dann sofort umzuziehen und die FFP2-Masken anzulegen. "Das Pflegepersonal, das schon im Haus gearbeitet hat, als es die ersten positiven Tests gab, selbst aber einen negativen Befund hat, steht unter sogenannter erweiterter Quarantäne", erklärt Vorstand Petra-Edith Pietz. Damit dürften sich diese Mitarbeiter zwischen Arbeitsort und Zuhause bewegen, sollen sich dort aber von den anderen Familienmitgliedern getrennt aufhalten. Für Pflegekräfte, die erst jetzt in das Team gekommen seien, bestehe keine Gefahr. "Sie tragen von Anfang an FFP2-Masken."

Infizierte und nichtinfizierte Bewohner müssen bleiben

Zwar werden laut Diakonie-Sprecherin Doreen Lorenz positiv getestete Bewohner schon seit geraumer Zeit getrennt von den Bewohnern mit negativem Testergebnis betreut. Allerdings könnten beide Gruppen nur innerhalb des Martin-von-Tours-Hauses in Quarantäne gehen. "Die Verlegung von negativ getesteten Bewohnern in andere Einrichtungen funktioniert nicht, weil man nicht weiß, ob sie nicht doch den Virus in sich tragen." Außerdem leide  ein nicht unerheblicher Teil der Bewohner an Demenz, geistiger oder mehrfacher Behinderung. "Das Verlegen in eine neue, völlig unbekannte Häuslichkeit ist da sehr schwierig." Außer in Klein Priebus gibt es nach Angaben der Sprecherin in keiner anderen Alten- und Behindertenpflegeeinrichtung von St. Martin Coronainfektionen oder Quarantäneanordnungen. Laut Julia Bjar auch anderswo zwischen Bad Muskau und Zittau nicht.

Geburtstagsgeschenke nur durch die Schleuse

Natürlich hat man auch in anderen Pflegeeinrichtungen die Entwicklung in Klein Priebus verfolgt und via Fernsehen von den hohen Sterberaten in Wolfsburger und Würzburger Heimen erfahren. "Mich macht das sehr betroffen", sagt Torsten Havenstein. Er leitet das Seniorenzentrum "Am Stadtpark" in Görlitz. Auch wenn es hier keine Infizierten gibt, hat sich das Leben in den vergangenen Tagen erheblich verändert. Geburtstage feiern die Bewohner im Moment allein, kleine Überraschungen können die Angehörigen in einer Schleuse abgeben. Dorthin liefert eine Gärtnerei auch Blumen. "Kein Kontakt ist momentan das beste Geschenk", findet Havenstein. Seine Ergotherapeuten und Alltagsgestalter sind gut ausgelastet. "Maximal zehn Leute, zwei Meter Abstand - wir bieten in den Speisesälen einiges an Abwechslung an." Aktuell entdecken einige der Senioren sogar das Skypen. Vom Personal werden sie dabei unterstützt.

Aufnahmegespräche nur noch am Telefon

Den Mangel an Schutzausrüstung beheben die Mitarbeiter des Seniorenzentrums zum Teil selbst. "Wir stellen Helm- und Mundschutz nach der Facebook-Anleitung eines Görlitzer Arztes her. Masken haben wir von einer Privatinitiative bekommen." Auf professionellen Mundschutz hoffe man durch eine Sammelbestellung des Landkreises, der die Produktumstellung des Großschönauer Handtuchherstellers Frottana nutzt. Ob auch in seinem Heim Klein Priebuser oder gar Wolfsburger Verhältnisse vorkommen könnten? Torsten Havenstein setzt auf seine 100 Mitarbeiter und die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes. "Man kann das nicht verallgemeinern, jedes Haus ist anders aufgestellt." Aufnahmegespräche führt er nicht mehr persönlich, sondern nur noch am Telefon. Wenn es tatsächlich zu Infektionen kommen sollte, gäbe es die Möglichkeit, Betroffene zu separieren. "Wir tun alles, um virusfrei zu bleiben."

Briefe schreiben kommt in diesen Tagen wieder in Mode. Die älteren Menschen in den Pflegeheimen versuchen sich auch ohne Angehörigenbesuch zu beschäftigen.
Briefe schreiben kommt in diesen Tagen wieder in Mode. Die älteren Menschen in den Pflegeheimen versuchen sich auch ohne Angehörigenbesuch zu beschäftigen. © privat

Erstklässler schickt Senioren einen Mutmachbrief

Gleiches Problem, ähnliche Herangehensweise im Altenpflegeheim "Abendfrieden", das von der Nieskyer Diakonissenanstalt Emmaus betrieben wird. "Den meisten unserer Bewohner ist die Problematik schwer oder gar nicht zu vermitteln. Jedoch spüren sie die Situation. Wir versuchen, bestmöglich auf ihre innere Unruhe einzugehen", sagt Oberin Sonja Rönsch. Die weggefallenen Besuche könne man trotz größter Anstrengungen nicht kompensieren. Vielfach werde jetzt wieder verstärkt telefoniert. Die Therapeuten und Betreuungskräfte seien beim gemeinsamen Kochen, Singen, Basteln und Rätseln viel stärker als früher gefragt. Große Freude gab es zuletzt auch über den "Mutmachbrief" eines Erstklässlers. Robert hatte die alten Menschen schon durch Kulturprogramme der betriebseigenen Kita kennengelernt und ihnen nun eine Portion Optimismus geschickt.

Personal durch Grippe auf Infektionen eingestellt

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Die Arbeit im "Abendfrieden" wird derzeit noch genauso durchgeführt wie vor der Coronakrise. Infizierte Bewohner oder Mitarbeiter gibt es nicht. Deshalb wird der Mundschutz wie sonst auch üblich eingesetzt - zum Beispiel, wenn Bewohner oder Beschäftigte grippale Symptome zeigen. Durch die regelmäßig anrollenden Grippewellen sei das Personal darauf eingestellt, Menschen mit Infektionen professionell zu versorgen, stellt Schwester Sonja klar. Wobei die Ansteckungsgefahr durch Corona deutlich größer und die Lage wegen der fehlenden Grundimmunisierung und des nicht vorhandenen Impfstoffes noch gefährlicher sei.

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