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PLUS Meißen

"Autokinos sind nur eine Übergangslösung"

Die SZ sprach mit dem kaufmännischen Leiter der Filmpalast-Kette Ingo Kraft über Probleme und Chancen der Häuser.

Ist unglücklich über die vielen leeren Plätze in den Filmpalästen Meißen und Riesa: Alexander Malt leitet die beiden Elbland-Häuser der Kinokette.
Ist unglücklich über die vielen leeren Plätze in den Filmpalästen Meißen und Riesa: Alexander Malt leitet die beiden Elbland-Häuser der Kinokette. ©  Archivfoto: Sebastian Schultz

Herr Kraft, wie kommen Sie durch die Corona-Krise?

Dazu braucht es etwas Hintergrundwissen. Seit 1948 betreibt das Familienunternehmen Kieft & Kieft aus Norddeutschland Kinos. Insgesamt gehören deutschlandweit 15 Standorte zum Unternehmen, die in einzelnen Regionalgesellschaften gegliedert sind. Die „Filmpalast-Kinos“ in Sachsen und Thüringen sind in einer dieser Gesellschaften zusammengefasst. Derzeit fallen wir aufgrund einer Zahl von über 100 Vollzeit-Äquivalenten-Angestellten aus dem Soforthilfe-Programm heraus. Kieft ist dabei, die Häuser in Zwickau und Görlitz zu sanieren. Natürlich haben wir dafür Kredite aufgenommen. Zusätzliche Kredite aus dem KFW-Förderprogramm helfen jetzt in Zeiten geschlossener Betriebe, doch irgendwann muss getilgt werden. Die Kinokarte, welche jetzt nicht weggeht, werden wir im Herbst nicht zusätzlich verkaufen können. Dennoch sind wir zuversichtlich, diese Krise mit einem blauen Auge zu überstehen. 

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Was wünschen Sie sich von der Politik?

Die Soforthilfe-Programme sollten bundesweit vereinheitlicht und auf Unternehmen mit mehr als 100 Vollzeit-Äquivalenten-Angestellten ausgeweitet werden. Kurzarbeit spielt nur für unsere Mitarbeiter eine Rolle, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Geringfügig Beschäftigte fallen da raus. Diese Mitarbeiter versuchen wir über Freistellungen zu halten, teilweise bieten wir eine begrenzte Lohnfortzahlung an mit gleichzeitigem Aufbau eines Minus-Stundenkontos an, das nach der Wiedereröffnung ausgeglichen werden muss. Das lässt sich natürlich nicht über Monate durchhalten.

Welche Perspektive gibt es für die Kinos in Meißen und Riesa?

Eine derartige Krise, wie wir sie jetzt erleben, hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gegeben. Die Ungewissheit macht uns besonders zu schaffen. Es ist bisher völlig unklar, wie es irgendwann weitergehen wird. Wir brauchen länderübergreifende Regeln und Vorgaben. Unser Dachverband HdF-Kino hat Hygiene- und Abstandsregeln entwickelt, welche wir in unser Hygienekonzept übernehmen werden, so dass wir dem Kinogast und unseren Mitarbeitern bei Wiedereröffnung die gebotene Sicherheit bieten können. 

Disney hat in der Corona-Krise ein eigenes Streaming-Portal gestartet. Machen solche Angebote das Kino überflüssig?

Kino ist ein Kulturgut, ein Erlebnis. Einen Blockbuster zu Hause zu sehen, ist wie eine Theateraufführung auf DVD oder ein Fußballspiel im Fernsehen zu schauen. Es fehlt das Live-Feeling. Damit Kinos Bestand haben, müssen wir die Blockbuster in einem längeren Zeitfenster exklusiv und zuerst anbieten können. Der neue James-Bond-Film ist auf Herbst verschoben. Wenn jedoch Blockbuster dem Kino entzogen werden und direkt ins Streaming gehen, bekommen wir ein Problem. Ambitionierte Veranstaltungsreihen wie Programmkino-Reihen oder Opern-Übertragungen tragen nicht kostendeckend zur Finanzierung der Kinos bei. 

Wäre Autokino am Elbufer eine Alternative?

Mit Partnern haben wir in Münster und in Iserlohn Autokinos gestartet. Die Besucherzahlen gehen gerade durch die Decke. In Kassel soll zeitnah ein weiteres Autokino eröffnen. Das Retro-Erlebnis kann eine gute Ergänzung oder eine Übergangslösung sein. Den Filmpalast in Meißen oder Riesa kann es nicht ersetzen. Wenn es regnet oder sehr heiß wird, funktioniert dieses Konzept schon wieder nicht. Zudem kommen Autokinos bei weitem nicht an die Projektions- und Audioqualität sowie den Komfort in einem modernen Kinosaal heran. 

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

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