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Autoland ausgebrannt?

Die Autoindustrie steckt bereits im größten Wandel und nun kommt Corona dazu. Das Virus könnte aber eine Chance sein.

Der Arbeitsalltag in der Autobranche ändert sich gerade gewaltig.
Der Arbeitsalltag in der Autobranche ändert sich gerade gewaltig. © Swen Pförtner/dpa

Von Jan Petermann

Die neue Normalität nimmt in der größten Fabrik der Welt langsam Gestalt an. Doch kann man das alles überhaupt normal nennen? Das VW-Stammwerk in Wolfsburg ist wieder am Netz – und vieles ist nicht mehr so wie vorher. Es ruckele noch an einigen Stellen, auch bei den Händlern und Zulieferern, sagte Konzernchef Herbert Diess jüngst beim Hochlauf.

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Überall auf dem riesigen Gelände am Mittellandkanal mahnen Plakate zu Vor- und Umsicht im Corona-Neustart. Die Grundstimmung: angespannter Optimismus. Das offizielle Ziel: aufholen, zurück zum Leben vor dem Shutdown. Behutsam, aber so schnell wie möglich. Ob die Kernbranche einfach auf ein Weiter-so hoffen kann, steht jedoch in den Sternen.

Denn die Autowelt könnte bald eine andere sein. In Teilen ist sie es schon. Ökonomen rechnen mit einer tiefen Rezession in Deutschland. Verbraucher scheuen die Ausgaben für größere Anschaffungen. Und selbst wenn die Unternehmen wieder Tritt fassen, schwebt über der zwangsweisen Entschleunigung die Frage, ob nicht der Moment für ein Umlenken da ist.

Das Problem nur: Die CO2-Regeln sollen verschärft werden, während nun erst einmal das Massengeschäft zurückkehren muss. Wie kann das gehen? Einzig mit einem entschlossenen Jetzt-erst-recht, glauben Befürworter einer raschen Öko-Wende wie der Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Gehrs. „Wenn die Bundesregierung mitten im fundamentalsten Branchenumbruch der Automobilgeschichte alte Antriebe fördert, verwechselt sie Gaspedal mit Bremse“, sagt er. Eine neue Förderdebatte ist in vollem Gange. Gibt es weitere Kaufprämien? Falls ja, werden sie an Kriterien der Nachhaltigkeit und an weniger Klimabelastung gekoppelt? Berlin will bis Anfang Juni entscheiden.

Die Hersteller wagen den Neustart. Mit viel Aufwand wurden die Arbeitsplätze sicher vor Ansteckung gemacht. Das Arbeiten ist zuweilen umständlicher, dennoch sind die Mitarbeiter froh, wieder in die Werkhallen zu können.
Die Hersteller wagen den Neustart. Mit viel Aufwand wurden die Arbeitsplätze sicher vor Ansteckung gemacht. Das Arbeiten ist zuweilen umständlicher, dennoch sind die Mitarbeiter froh, wieder in die Werkhallen zu können. © Swen Pförtner/dpa

Derweil versucht die VW-Belegschaft, mit der neuen Realität klarzukommen. „Vor Corona hat es hier noch ganz anders ausgesehen“, erzählt der Wolfsburger Werkleiter Stefan Loth. Sorgfältig übt man an der Geburtsstätte von Golf und Tiguan das Leben „post Corona“ ein. Die Kollegen sind vorerst nur in geringerer Zahl an den Bändern und in den Büros, die Fertigung läuft im Sparmodus, andere Taktzeiten, entzerrte Schichtpläne, markierte Laufwege, Spuckschutz und Plastikplanen. Trotz alledem sind alle froh, weitermachen zu können. Noch sind die Verhältnisse jedoch alles andere als stabil. Im April stürzten die Auto-Neuzulassungen in Deutschland im Vorjahresvergleich um 61 Prozent ab, auch BMW oder Daimler müssen Investitionen straffen und Prognosen verwerfen.

Kassen der Großen sind noch voll

Die Viruskrise spiegelt sich ebenso in der Verwaltung wider, am VW-Hauptsitz wechselten 20.000 Leute ins Homeoffice. Der Vorstand verlangte laut Betriebsrat zuerst eine „Mindest-Anwesenheitsquote“. Abgelehnt. Leistung sei entscheidend –„nicht fixe Anwesenheitsquoten“. Im privaten Büro werden zudem neue Methoden erprobt. „Auch vor Corona gab es viele Möglichkeiten, digital zusammenzuarbeiten“, sagt Audis IT-Chef Frank Loydl. „Aber in den letzten Wochen hat sowohl die Akzeptanz als auch die Anwendung dieser Tools einen Push bekommen.“ VW-Betriebsratsvize Daniela Cavallo erklärt: „Wir wollen maximal mobile Arbeit umsetzen. Wo das nicht möglich ist, werden Arbeitszeitmodelle angepasst.“ 

Gemeint ist Mehrschichtbetrieb mit Gleitzeit auch im Büro. Neue Wege werden beschritten, die sonst kaum denkbar gewesen wären. Sicher: Die Pandemie wird die Autobranche kräftig erschüttern. Aber sie könnte auch ein heilsamer Schock sein, um viele Dinge anders zu tun. „Das, was wir in den letzten Wochen hatten, kann nicht das Ziel sein“, meint Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der im VW-Aufsichtsratspräsidium sitzt. „Wir müssen zur Normalität zurückkehren.“ Es werde indes eine Normalität „unter anderen Bedingungen“ sein. Der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien, meint auch mit Blick auf die Autoindustrie: „Man muss sich überlegen, wo die Wirtschaft hin soll. Wenn ich jetzt Konjunkturprogramme auflege, nehme ich natürlich vorweg, wie sich die Wirtschaft in den nächsten Jahren verhalten wird.“ Ein „transformativer Charakter“ sei wünschenswert, um „den sozial-ökologischen Wandel mit anzugehen“. Heißt: den Schrecken von Covid-19 für eine Neuorientierung nutzen.

Dabei wissen die Fahrzeughersteller, dass das alte Modell steten Wachstums mit konventioneller Technik keinen Bestand haben kann. Milliarden stecken sie in Alternativantriebe wie E-, Hybrid- oder Brennstoffzellen-Motoren und Forschungen zu synthetischem Sprit. Hinzu kommen Digitalisierung und Vernetzung, wobei die IT-Riesen aus den USA und Asien weiter übermächtig sind. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer schätzt, dass die jetzigen Überkapazitäten wegen der Corona-Krise den Druck nochmals erhöhen: „Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren bis zu 100.000 Jobs in der deutschen Autoindustrie wegfallen.“ Ob es wirklich so arg kommt, ist nicht ausgemacht.

Erlebt Auto ein Revival

So wirksam Corona als Beschleuniger des nötigen Umbaus sein könnte, so groß sind die Risiken. „Ein industrieweiter Wiederanlauf aus dem Stand ist Neuland für alle“, sagt Continental-Chef Elmar Degenhart. „Er wird gelingen, wenn alle Elemente der Lieferkette wieder ineinandergreifen und dabei die Sicherheit der Mitarbeiter gewährleistet ist.“ Bei dem nach Bosch weltweit zweitgrößten Autozulieferer wird der Betrieb schrittweise hochgefahren.

Die Erwartungen, es möge demnächst vieles wie früher sein, sind hoch. „Deutschland ist ein Autoland“, so Diess. „Sobald wieder Autos gekauft werden, kommt die Wirtschaft zurück.“ Andererseits: Der laute Ruf nach Staatshilfe bringt die Konzerne bisher nicht dazu, ernsthaft an Managerboni oder Aktionärsdividenden zu rütteln. Und noch haben zumindest die Großen Milliarden in der Kasse, die sie eine Zeit lang ohne Steuergeld über Wasser halten können. Und sind neue Verbrenner geeignet, die Industrie auf den grünen Pfad zu führen? Bei der EU machen Hersteller jedenfalls Druck auf die Vorschriften zu CO2 und Flottenverbrauch, zumal der E-Auto-Absatz noch in Fahrt kommen muss.

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Am Ende könnte das Auto gar ein Revival erleben. Angst vor Ansteckung in Bus und Bahn, der Boom der Lieferdienste: Solche Faktoren dürften den Individualverkehr beleben, ermittelte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Auch die Kollegen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung geben sich skeptisch: „Angesichts der begrenzten Kapazität würde eine ,Abwrackprämie‘ nicht die Gesamtproduktion sauberer Autos erhöhen, sondern den Fokus auf die Produktion konventioneller oder hybrider Autos verstärken – und damit nicht zu Investitionen in die Transformation beitragen.“ (dpa)

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