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Görlitz

Görlitzer Hotel bleibt für Ältere und Kranke tabu

Das Hotel "Insel der Sinne" am Berzdorfer See hat strenge Hygienevorschriften aufgelegt, wenn es Freitag öffnet. Das sorgt für Kritik.

Ina Lachmann in ihrem Hotel "Insel der Sinne", hier ein Foto aus besseren Zeiten, aus dem Jahr 2018.
Ina Lachmann in ihrem Hotel "Insel der Sinne", hier ein Foto aus besseren Zeiten, aus dem Jahr 2018. © Pawel Sosnowski

Von Constanze Junghanß, Matthias Klaus und Susanne Schneider

Susanne Schneider ärgert sich. Die 73-Jährige findet die Reglementierung des Hotels "Insel der Sinne" völlig überzogen. "Dass Gaststätten und Hotels in diesen Zeiten Konzepte einhalten müssen und diese sicher nicht leicht umzusetzen sind, dafür habe ich vollstes Verständnis", sagt die ehemalige Vorsitzende des Fördervereins des Görlitzer Via-Theas. Aber, dass Menschen aufgrund ihres Alters oder durch Vorerkrankungen vom Leben nun ausgegrenzt werden sollen, geht ihr über die Hutschnur. In ihren Augen macht das Hotel einen großen Fehler. Die Bevölkerung sei sowieso schon gespalten und eine solche Ausgrenzung befördere noch die Situation.

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Check-in nur für U 70 oder "leicht darüber"

Hintergrund des Ganzen: Die "Insel der Sinne" am Berzdorfer See macht am Freitag auf, aber doch nicht ganz. Auf der Internetseite des Hotels heißt es unter anderem: " Bei Check-in wird Fieber gemessen und der Gesundheitszustand überprüft." Und: "Sollten Erkältungssymptome oder sonstige gesundheitliche Einschränkungen erkennbar werden, müssen wir Sie entweder einer medizinischen Versorgung zuführen oder nach Hause schicken." Was allerdings für größere Aufregung sorgt, zumindest in den sozialen Medien, ist eine Beschränkung für Ältere und Menschen mit Vorerkrankung. 

Das Hotel "Insel der Sinne" bei seiner Eröffnung vor zwei Jahren.
Das Hotel "Insel der Sinne" bei seiner Eröffnung vor zwei Jahren. © Nikolai Schmidt

Gäste werden auf Fieber getestet

Jünger als 70 Jahre "oder leicht darüber" und fit sollte man sein, wenn man auf der "Insel der Sinne" eincheckt. Darüber hinaus ist gleich noch eine Liste angefügt, mit welchen Vorerkrankungen man dann doch likeber nicht anreisen sollte, beispielsweise mit Erkrankungen, die das Immunsystem schwächen, chronischen Infektionskrankheiten, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, offenen Wunden.

Eine junge Familie aus der Region ist entsetzt. Aus beruflichen und finanziellen Gründen war seit Jahren kein Urlaub mit den Kindern machbar. Das sollte sich 2020 ändern. Eisern wurde gespart, Zeit freigeschaufelt und das Traumziel für einen Kurzurlaub auch gefunden: Die "Insel der Sinne" sollte es sein, Kurzurlaub in den Sommerferien. Doch ob die Familie ihre Reise antritt, steht nun auf der Kippe. "Mein Mann hat eine chronische Gefäßerkrankung, ihm wurde unter anderem ein Stent eingesetzt", sagt die Mutter. Nun werden sie ihren Kurzurlaub, für den sie bereits die Hälfte der Kosten angezahlt haben, wahrscheinlich wieder absagen. Denn mit Krankenakte ins Hotel und vielleicht mit gepackten Koffern wieder nach Hause geschickt zu werden, wollen sie keinesfalls.

Regelungen sollen auf zwei Wochen begrenzt werden

Ina Lachmann ist die Inhaberin der "Insel der Sinne". "Unsere Regelungen sind keine Diskriminierung", betont sie. Aber es gebe eben nun mal Risikogruppen, von Ärzten, Virologen definiert, die mehr mit einer möglichen Viruserkrankung zu kämpfen hätten. "Wir müssen unter den neuen Bedingungen doch selbst erstmal mit unseren Mitarbeitern laufen lernen. Wir haben uns daher entschieden, zunächst keine Gäste der Risikogruppe aufzunehmen", sagt Ina Lachmann. So schnell wie möglich möchte sie die Regelung aber auch wieder kippen. Bis jetzt plant die Chefin mit zwei Wochen, dann soll wieder für alle offen sein. Laut Angaben des Hotelmanagers Conrad Schröpel unterhält die Insel der Sinne GmbH & Co. insgesamt 66 Arbeitsplätze in der Region Görlitz.

"Noch eine Schließung überlebt die Einrichtung nicht", sagt Ina Lachmann. Ein Corona-Fall auf der "Insel der Sinne" wäre dann wohl das Aus. Dieses Risiko möchte sie nicht eingehen und bittet um Verständnis. Buchungen gebe es inzwischen sehr viele, das Hotel wird aber wegen der strengen Auflagen nur zu 75 Prozent ausgelastet. Verluste aus diesem Jahr seien allerdings eh nicht mehr aufzuholen, befürchtet Ina Lachmann.

Hotelmanager Conrad Schröpel auf einer der Treppen, über die Gäste direkt vom Hotelzimmer ins Wasser gelangen können.
Hotelmanager Conrad Schröpel auf einer der Treppen, über die Gäste direkt vom Hotelzimmer ins Wasser gelangen können. ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Kritik in den sozialen Medien

Bei der Dehoga, dem Hotel- und Gaststättenverband Sachsen, hält man sich mit einer Einschätzung der Lage eher zurück - ein Interessenkonflikt offenbar. "Das sind rechtliche Fragen, zu denen ich keine Auskunft geben kann", sagt Hauptgeschäftsführer Axel Klein. Ja, es gebe das Hausrecht des Hoteliers. Und ja, Fiebermessen am Check-in sei angemessen und wer entsprechende Symptome habe, dürfe abgewiesen werden. 

In den sozialen Medien wird die "Insel der Sinne" derweil kritisiert. Eine Facebook-Nutzerin schreibt beispielsweise: "Ich wollte bei Ihnen buchen und habe folgende Information gefunden: "Zu Ihrer eigenen Sicherheit erfüllen Sie bitte folgende Voraussetzungen: Sie sind jünger als 70 Jahre oder leicht darüber..." Und sie fragt: "Ist das ein Witz?"

In einer früheren Version dieses Artikels haben wir geschrieben, dass das Hotel Insel der Sinne vier Mitarbeiter hat. Richtig sind 66 Arbeitsplätze in der Region Görlitz. Wir bitten das zu entschuldigen.

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