merken
PLUS

Radeberg

Corona: Trauern auf Distanz

Die Arbeit von Bestatter Benjamin Wolf aus Ottendorf hat sich mit dem Coronavirus stark gewandelt.

Benjamin Wolf vom Bestattungsunternehmen Muschter in Ottendorf-Okrilla hofft, dass seine Berufsgruppe als systemrelevant eingestuft wird.
Benjamin Wolf vom Bestattungsunternehmen Muschter in Ottendorf-Okrilla hofft, dass seine Berufsgruppe als systemrelevant eingestuft wird. © Marion Doering

Als Ende März in Sachsen die Ausgangsbeschränkungen verschärft wurden, verbunden mit dem Kontaktverbot, ahnte Benjamin Wolf, dass „das sich nun für die Trauernden in unserem Land viel  verändern wird“. 

Am ersten Tag nach dem behördlichen Erlass stand in Ottendorf eine Beerdigung an, zu der rund 100 Trauergäste erwartet wurden. Da in Sachsen auf einer Trauerfeier nur maximal 15 Personen anwesend sein dürfen, stand für den Ottendorfer Bestatter Wolf die große Frage im Raum: Was tun, wenn trotz des Erlasses mehr als die erlaubte Anzahl zur Beerdigung kommen? Sollte man die etwa nach Hause schicken? Wolf erklärt, dass er vor so einer Situation noch nie gestanden habe. Und wie man auf ein solches Szenario reagiert, nun, das wird einem in der Ausbildung zu diesem Berufsbild nicht vermittelt. 

Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien

Bietet Ihnen das komplette Rundum-sorglos-Paket für Ihr Immobilieneigentum.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Aber die Trauergäste zeigten eine Reaktion. Nur ganz wenige seien auf den Friedhof gekommen, so Wolf. Insgesamt waren es nur 14 Personen gewesen. Und die waren unsicher, ob des neuen Verhaltenskodex bei Beerdigungen in Corona-Zeiten: Mindestabstand wahren, aufs Händeschütteln als Beileidsbekundung zu verzichten, tröstende Umarmungen zu unterlassen. Er habe da „mit den Angehörigen mit gelitten“, bekennt Wolf, dem seit zwei Jahren das Ottendorfer Bestattungsunternehmen Muschter gehört. Der 32-Jährige arbeitet seit acht Jahren in dieser Branche, betrachtet sich als jemand, der sein Mitgefühl für die Trauerenden nicht mit Floskeln verkleidet. „Normalerweise drücke ich die Hand des Angehörigen, versuche sein Leid mitzutragen“, erklärt er. Aber selbst das gehe nun nicht mehr.

Mehr zum Coronavirus in der Region:

Die Trauerkultur ist  in Deutschland binnen weniger Wochen eine ganz andere geworden. Eine, die gezwungermaßen keine Nähe mehr zulässt. Um die Ansteckungsgefahr in Zeiten von Covid 19 zu unterbinden, ist die in Deutschland die Anzahl der Trauernden bei einer Beerdigung festgelegt worden. Die aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. So sind in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nur fünf Angehörige zugelassen, in Sachsen dürfen maximal 15 Personen den Verstorbenen auf seinen letzten Weg begleiten. In Städten wie Köln dürfen Trauerhallen nicht mehr betreten werden. Es ist vieles anders geworden, wenn in diesen Tagen jemand stirbt. Jemand, der ein reiches Sozialleben gehabt hat, wirkt auf seinem letzten Gang womöglich wie ein Mensch ohne Freundeskreis. Dabei, so Benjamin Wolf, braucht Trauer Raum und Platz und auch eine gewisse Öffentlichkeit. 

Unglaublich schwierig auf Distanz zu bleiben

Der Ottendorfer Bestatter beschreibt, dass es für Familienangehörige unglaublich schwierig sei, in diesem Moment der Trauer alleine zu sein, auf Distanz bleiben zu müssen, gerade in einem Augenblick, wo man körperliche Nähe so dringend brauche. Und das alles, um das Coronavirus zu bekämpfen.
Auch Wolfs Alltag hat sich seitdem verändert. In seinem Betrieb, er hat sechs Mitarbeiter, arbeite man derzeit in zwei Teams. So soll die Versorgung sichergestellt werden, falls sich ein Mitarbeiter mit dem neuartigen Virus Sars-CoV-2 anstecken sollte. Wenn man Verstorbene abhole, bekomme jetzt der Blick auf den Totenschein weitaus mehr Gewicht, erklärt er. Dass Prozedere beim Transport von Verstorbenen sei umfassender geworden. Die Toten werden in Tücher eingewickelt, die mit Desinfektionsmittel geradezu „durchtränkt“ sind, werden in eine Unfallhülle gelegt und der Sarg, in den man sie legt, werde natürlich auch desinfiziert. 

In diesen Zeiten, so der Ottendorfer Bestatter, werde es keine offene Aufbahrung geben. Urnenbestattungen seien hingegen aus hygienischen Gründen weniger problematisch, erklärt er. Diese und die Trauerfeiern werden nun derzeit häufiger verschoben. Was der Ottendorfer nicht verstehen kann, ist, wieso man in Deutschland die Bestattungsunternehmen nicht in die Liste der systemrelevanten Berufe aufgenommen hat. So würden die rund 4500 deutschen Bestattungsfirmen in die Notfallpläne der Länder aufgenommen und mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel versorgt werden können. Es sei jetzt eine schwierige Zeit, so Wolf. Vor allem für die Angehörigen von Verstorbenen. Da, so der Ottendorfer Bestatter, müsse man andere Wege gehen, um angemessen trauern zu können. 

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per Email. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Mehr Nachrichten aus Radeberg und dem Rödertal lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Radeberg