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Corona bringt Kulturmühle in Bedrängnis

Die Kleinkunstbühne in Bischheim hat im eigenen Haus Probleme durch strenge Hygieneauflagen. Deshalb muss ein Ausweichquartier her.

Jens Reuter kümmert sich seit 17 Jahren in der Bischheimer Kulturmühle um die Buchung der Künstler und das Marketing. Corona stellt alle vor riesige Herausforderungen.
Jens Reuter kümmert sich seit 17 Jahren in der Bischheimer Kulturmühle um die Buchung der Künstler und das Marketing. Corona stellt alle vor riesige Herausforderungen. © Matthias Schumann

Haselbachtal.  Mühlenwirt Jens Reuter findet  dieser Tage wenig Schlaf. Kein Wunder: Die Corona-Krise stellte nicht nur die vergangenen Monate auf den Kopf - sondern gefährdet nun noch die neue Spielzeit. Diese soll eigentlich  Anfang September starten. Und das bringt Probleme mit sich. Denn die strengen Corona-Hygieneregeln sind in so einer kleinen Kleinkunstbühne kaum umsetzbar. Im Normalfall sitzen hier 60 Zuschauer dicht an dicht gedrängt zwischen den alten Mühlenmauern. Gerade das urige Konzept geht seit 17 Jahren auf und zieht Besucher aus nah und fern an. 

In der Sommerpause konnte der Gastronomiebetrieb aufrecht erhalten werden, da spielten reservierte Familienfeierlichkeiten in die Karten. Die Gastrobranche ist jedoch  gebeutelt. "Es fanden außerdem Hochzeiten in unserer Mühle statt, aber einige wurden abgesagt. Viele Leute verschieben solche Events lieber ins nächste Jahr. Vor allem, wenn der Großteil der Gäste zur Risikogruppe gehört", weiß Jens Reuter heute.

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Sechs Meter Abstand zwischen Sänger und Gast

Trotzdem: Die Kulturmüller haben durchgehalten. Und waren bislang  optimistisch. "Ich wusste aber, dass ich ein neues Hygiene-Konzept für die kommende Spielzeit vorlegen muss und habe mich durchgefragt. Als das Gesundheitsamt dann vor Ort war, kam der Hammer", sagt der 53-Jährige. "Mir war klar, dass man den Mindestabstand einhalten muss, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Großteil meiner Winterveranstaltungen plötzlich auf der Kippe steht", sagt er.

Grund dafür sind die Regeln auf der Bühne. "Bekannt war uns der einzuhaltende Mindestabstand von anderthalb Metern. Aber wenn jemand auf der Bühne steht und singt, müssen mindestens sechs Meter Abstand bis zum allerersten Zuschauer  gewährleistet sein. Dass war uns nicht bewusst", so Reuter. Und gesungen wird in fast jeder zweiten geplanten Vorstellung in der Kulturmühle.  Kaum ein Kabarett- oder Comedyprogramm, kaum eine Travestie-Nummer und schon gar kein Konzert kommt ohne Gesang aus.  

Viele Veranstaltungen sind schon ausverkauft

Das stellte Jens Reuter und seinen Partner Christian Schydlo vor riesige Probleme. "Die Künstler setzen auf uns, gerade in der Corona-Krise muss jeder sehen, dass er zu Engagements kommt. Und die neue Spielzeit wurde vor einem reichlichen Jahr  geplant  und gebucht", sagt der Bischheimer. Einige der Veranstaltungen sind bereits ausverkauft, andere zur Hälfte belegt. Vor allem die Vorweihnachtszeit zieht Publikum an. "Das sind unsere umsatzstärksten Monate", so Reuter. Was also tun?

Man dachte um. "Wir brauchten relativ schnell einen Ersatzort", sagt der Mühlenwirt. Und völlig neue Ideen. Voraussetzung ist nämlich ein von der zuständigen kommunalen Behörde - meist das kommunale Gesundheitsamt -  genehmigtes Hygiene-Konzept. "Dieses muss jede Spiel- und Probenstätte,  jeder Verein mit Veranstaltungs- und Probenbetrieb für seine Räumlichkeiten und örtlichen Begebenheiten selbst erstellen", heißt es in der sächsischen Corona-Schutzverordnung. 

Vorstellungen mit Gesang nun in Reichenbach

Der neue Veranstaltungsort war dank der Gemeinde Haselbachtal, die die Kulturmüller schon immer unterstützt, schnell gefunden: Der Saal des ehemaligen Gasthofes in Reichenbach. Der Ort befindet sich nur ein paar Kilometer von der Kulturmühle entfernt und bietet Platz. Und in dem Gasthof finden hin und wieder noch Events statt. "Wir müssen ihn nur ein bisschen umgestalten, damit es heimelig wird. Das Flair der Kulturmühle können wir nicht hinzaubern, aber vielleicht etwas anderes Schöne", ist sich Jens Reuter sicher. 

Doch zuvor  muss kräftig investiert werden. Eine Musik- und Lichtanlage musste gekauft werden, zusätzliche Elektrokabel wurden gezogen, es braucht  neue Tischdecken und Dekorationen. Ein Hotel aus Dresden leiht den Müllern eine ganze Reihe Lampen für die Fenster, damit  der Saal indirekt beleuchtet wird. "Wir erfahren da viel Unterstützung von allen Seiten", sagt Jens Reuter. "Das war übrigens auch in den Corona-Anfängen so.  Da haben uns Stammkunden angerufen und gefragt, ob sie uns finanziell unterstützen können. Andere wollten das Geld für schon gekaufte Tickets nicht zurück haben. Verschiedene befreundete Künstler, wie die Müller-Mugge oder Bob Bales aus Irland haben kostenlos in den Wochen nach der Wiedereröffnung aufgespielt. Das hat uns sehr gerührt."

Auftritt hinterm Duschvorhang

Fünfmal hat der Kulturmüller das Hygienekonzept mittlerweile allein für die Mühle umschreiben müssen, ehe es genehmigt wurde. "Das geht einem auch psychisch an die Substanz", sagt der Wirt. Denn dort  laufen natürlich Veranstaltungen weiter, in denen nicht gesungen wird. Und wo die Kapazität ausreicht. Die Künstler spielen hier hinter einem durchsichtigen Duschvorhang, den man sich zurecht gebastelt hat. "Es sind schräge Zeiten, aber wenigstens geht es irgendwie weiter", so Reuter.

Dass einige Kunden ihre Karten zurückgeben wollten, als sie hörten, dass man nach Reichenbach ausweichen muss, macht die Kulturmüller traurig. "Sicher bekommen wir das Mühlenflair nicht ganz hin, doch wir geben uns Mühe, dass wir die etwa 50 Veranstaltungen über den Winter gestemmt bekommen! Auch, damit es irgendwann wieder normal weitergehen kann. Unsere Existenz ist sonst bedroht."

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