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Görlitzer Corona-Ambulanz macht dicht

Zu wenig Resonanz, so begründet die Kassenärztliche Vereinigung die Schließung der Abstrichstelle im Carolus. Kinderärzte laufen Sturm dagegen.

Auf dem Gelände des Görlitzer St. Carolus-Kankenhauses befand sich die Corona-Ambulanz des Landkreises Görlitz. Betreiber war die KVS.
Auf dem Gelände des Görlitzer St. Carolus-Kankenhauses befand sich die Corona-Ambulanz des Landkreises Görlitz. Betreiber war die KVS. © André Schulze

"Wir waren die einzigen, da." Das berichtet ein Vater, der mit seinem Sohn am Mittwoch vom Kinderarzt zur Corona-Ambulanz ins St. Carolus-Krankenhaus geschickt wurde. Der Grund: Das Kind hatte Halsweh. Der Kinderarzt wollte ausschließen, dass es Corona ist. "Wir bekamen vom Kinderarzt die Überweisung, sollten in der Ambulanz anrufen und bekamen einen Termin für zwei Stunden später." In der Corona-Ambulanz angekommen, ging alles sehr schnell. "Wir kamen einen langen Gang entlang, dort stand ein Tisch, jemand kam, hat einen Abstrich gemacht, das war's."

Wiederöffnung - wenn Bedarf ist

Hunderte Einzelpersonen und Familien haben dieses Prozedere in den vergangenen Wochen durchlaufen, fast immer war ihr Testergebnis am Ende negativ. Nun schließt die im März eröffnete Corona-Ambulanz oder Abstrichstelle wieder. Das bestätigt der Landkreis Görlitz. Demnach habe die zuständige Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) dem Landkreis die Schließung zum 26. Juni angezeigt und diesen Schritt mit einem "sehr niedrigen Niveau der Infektionszahlen - trotz der Lockerungen der Beschränkungen" begründet, sodass der Nutzen einer solchen Einrichtung in keinem Verhältnis zum zeitlichen Aufwand der dort tätigen Ärzte und Mitarbeiter stehe sowie der finanzielle Aufwand schwer zu vermitteln ist.

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In der Tat registriert der Landkreis aktuell nur einen Infizierten, seit 28. Mai ist kein neuer Fall hinzugekommen ist. Insgesamt gab es 269 Fälle - bei 23 Todesopfern. Die KVS hat dem Landkreis gegenüber versichert, Abstrichambulanzen mit einer kurzen Vorlaufzeit wieder einzurichten, wenn die Corona-Zahlen wieder stark steigen. Die KVS selbst antwortete am Donnerstag auf die Fragen der SZ nicht. 

Die sogenannte Abstrichstelle war zwar auf dem Gelände des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Rauschwalde. Doch war sie faktisch eine Außenstelle der von der KVS betriebenen Bereitschaftspraxis, die im Städtischen Klinikum ihren Sitz hat. Auch der Zugang zur Corona-Ambulanz war separat vom St. Carolus-Krankenhaus, er führte von außen über den Park zu einem gesonderten Eingang.

Kinderärzte schicken täglich Kinder zum Testen

Was in den Augen der KVS Sinn macht, kommt allerdings aus Sicht der Görlitzer Kinderärzte zu schnell. Fünf von sechs Kinderärzten der Stadt haben einen Brief an die KVS unterzeichnet, der große Verwunderung über die Schließung zum Ausdruck bringt. Im Namen von vier Kollegen schreibt Ines Berger, dass das Argument der zurückgehenden Tests nicht nachvollziehbar sei. Mitarbeiter der Ambulanz hätten im persönlichen Gespräch bestätigt, dass die Zahl nicht stark zurückgegangen sei. Im Gegenteil: Allein die Kinderärzte schicken fast täglich Familien in die Ambulanz nach Rauschwalde. Ines Berger hat im Juni 120 Kinder zur Ambulanz geschickt. Denn nach wie vor verlangen Kitas und Schulen ein ärztliches Attest, dass das Kind, wenn es Symptome wie Halsweh oder Husten hat, nicht an Corona erkrankt ist. Weil das kein Arzt ohne Test sicher sagen kann, werden viele zum testen nach Rauschwalde überwiesen.  

Zwar ändert sich mit der neuesten Corona-Verordnung hier wieder etwas. Demnach müssen Familien nur noch erklären, dass das Kind symptomfrei sei, nicht aber die komplette Familie. Dass es die tägliche Erklärung geben muss, daran ändert sich aber nichts. „Je mehr wir das wirtschaftliche, berufliche und gesellschaftliche Leben außerhalb von Bildungseinrichtungen normalisieren, desto stärker wächst die Verantwortung für jeden Einzelnen von uns“, sagt Kultusminister Christian Piwarz dazu. „Deshalb ist uns die Gesundheitsbestätigung so wichtig.“ Entscheidend sei, dass nur gesunde Kinder die Kitas besuchen. 

Die Corona-Anlaufstelle auf dem Gelände des St. Carolus Krankenhauses Görlitz.
Die Corona-Anlaufstelle auf dem Gelände des St. Carolus Krankenhauses Görlitz. © André Schulze

Deshalb ist es den Ärzten so wichtig, auf Nummer sicher zu gehen. Aufgrund dieser Verordnungen haben sie im vergangenen Monat viele Kinder in die Ambulanz geschickt, sagt Kinderärztin Ines Berger. "Als Arzt können wir Infektsymptome nicht hundertprozentig als corona-negativ klinisch abgrenzen." Trotz einer Stellungnahme des Berufsverbandes, dass keine Unbedenklichkeitsatteste wegen banalem Schnupfen durch die Kinderärzte ausgestellt werden, stünden täglich Eltern vor der Herausforderung, dass die Kindereinrichtungen die Kinder nicht abnehmen und sie dann zum Kinderarzt kommen. 

Versorgung wirklich kranker Kinder in Gefahr

Wie soll es aber nun ohne die Abstrichstelle weitergehen? Sollte ein Abstrich nötig sein, stünde man vor riesigen logistischen Herausforderungen, schreibt Berger in dem Brief. Die Patienten sollen separiert werden und schon jetzt steige die Zahl kranker Kinder mit Fieber, Husten, Schnupfen - so wie jeden Sommer mit viralen Infekten. "Was soll dann erst im Herbst werden, wenn die Influenzawelle kommt - dann werden wir gar keine Kinder mehr mit Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen mehr versorgen können", heißt es weiter.  Diese hohe Patientenzahl zu bewältigen, die die Kinderarztpraxen aufgrund leichter Symptome normalerweise gar nicht aufgesucht hätten, sei nicht vorstellbar. Das bringe zudem die Versorgung wirklich kranker Kinder in Gefahr. 

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Die Familie des Kindes, der am Mittwoch in die Ambulanz musste, kann indes aufatmen. Der Test war negativ. 

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