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Singen verboten? Chöre in der Corona-Falle

Chöre warten darauf, wieder loszulegen. Experten suchen nach Konzepten, um das Corona-Risiko zu minimieren. Lüften wird wohl nicht reichen.

Sänger verbreiten besonders viel potenziell infektiöse Aerosole
Sänger verbreiten besonders viel potenziell infektiöse Aerosole © Christoph Soeder/dpa

Singen ist eigentlich wie Après-Ski – fürs körperliche, seelische und gesellschaftliche Wohlbefinden gut, aber auch gefährlich. Das wurde früh in der Pandemie deutlich. Am besten untersucht ist der Fall eines Kirchenchores im US-Bundesstaat Washington, als ein Sänger im Gemeindesaal fast alle Beteiligten ansteckte. Lediglich acht Chormitglieder blieben verschont, diejenigen, die vom Infizierten am weitesten weggesessen hatten. Seitdem gilt: Sänger verbreiten besonders viel potenziell infektiöse Aerosole, auch wenn derzeit nicht klar ist, ab welcher Aerosolkonzentration tatsächlich SARS-CoV-2 übertragen wird.

Als Konsequenz dürfen derzeit die mehr als zwei Millionen Chorsänger ihrer Profession beziehungsweise ihrem Hobby nur eingeschränkt oder gar nicht nachgehen. In Berlin gilt sogar ein grundsätzliches Singverbot in geschlossenen Räumen. Das trifft vor allem die semi- und professionellen Ensembles, weil die Arbeit am Klang nun mal nur in Räumen effektiv ist.

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Fensterlüftung im Zweifel uneffektiv

Deshalb dürften neue, wenn auch noch nicht von unabhängigen Forschern begutachtete Studien von Berliner und Dresdner Wissenschaftlern auf großes Interesse stoßen. So ließen Experten wie Dirk Mürbe, Phoniater an der Charité und langjähriger Stimmexperte der Dresdner Musikhochschule, Sänger vor einem Laserpartikelzähler ruhig atmen, einen Text lesen und singen. Gezählt wurden Partikel, die kleiner als fünf Mikrometer waren und über Stunden in der Luft schweben konnten. Die Geräte zeigten an, dass beim ruhigen Atmen ein Mensch fünf bis 85 Partikel pro Sekunde produziert, beim Sprechen ein Vielfaches, und beim Singen entstanden zwischen 750 bis 6.000 der feinsten Tröpfchen.

Eine Sänger singt in einem Versuchsaufbau, bei dem Reichweiten der Aerosole gemessen werden. Um die Übertragung des Coronavirus beim Singen zu vermeiden, sollten Chorsänger einer Studie zufolge reichlich Abstand zueinander halten und den Probenraum ständi
Eine Sänger singt in einem Versuchsaufbau, bei dem Reichweiten der Aerosole gemessen werden. Um die Übertragung des Coronavirus beim Singen zu vermeiden, sollten Chorsänger einer Studie zufolge reichlich Abstand zueinander halten und den Probenraum ständi © Bayerischer Rundfunk/dpa

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Zudem untersuchten Experten der TU Berlin, welche Lüftungssysteme die Aerosolkonzentration reduzieren. Ihr Ergebnis: Die bislang propagierte Fensterlüftung ist von zu vielen Parametern abhängig und im Zweifel uneffektiv. Chorsänger sollten Räume mit Lüftungstechnik vorziehen. Messungen im Konzerthaus Berlin und Kulturpalast Dresden ergaben, dass die Aerosolkonzentration selbst bei gut 50 Sängern und 400 Besuchern dank der „maschinellen Belüftung“, also leistungsfähigen Klimaanlagen, gut in Griff zu kriegen war. Mürbe empfiehlt maximal halbstündige Proben und Auftritte, Abstände zum Nachbarn von anderthalb Metern und in Singrichtung von zwei bis zweieinhalb Metern.

Das Fazit ist zweigeteilt: Positiv – es könnten also Chor-Proben und -Konzerte stattfinden. Negativ – kaum einem Laienensemble dürfte ein Raum mit leistungsstarker Belüftung zur Verfügung stehen.

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