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Dresden

Die Wut der Touristiker

Sachsens Reisebranche fordert Soforthilfen. Ein Dresdner Reiseveranstalter rechnet vor, wie hart ihn die Corona-Krise getroffen hat.

Rund 250 Menschen aus der Reisebranche appellierten am Mittwoch verzweifelt an die Politiker.
Rund 250 Menschen aus der Reisebranche appellierten am Mittwoch verzweifelt an die Politiker. © Christian Juppe

Dresden. Bis Februar sah die Welt noch in Ordnung aus. Bis Februar baute sich der Dresdner Reiseveranstalter Eberhardt Travel ein kleines Reise-Imperium auf. Mit acht eigenen Reisebüros, unter anderem in Dresden, Leipzig und Berlin. Mit mehr als 250 Mitarbeitern und Reiseleitern. Mit dem eigenen Reisebus-Unternehmen Satra. Und mit über 50.000 Reisegästen im Jahr. 

Eine Dresdner Erfolgsgeschichte, wenn man so will. Eine, die bereits weit vor der Wende begann und ab 1990 im vereinten Deutschland als GmbH ihr Glück suchte. Nun bewegt sich das Unternehmen auf den Abgrund zu, sagt Geschäftsführer Uwe Lorenz. Eine Firmengruppe, die bis Februar ein gutes Eigenkapital gehabt hätte. Lorenz hat sich am Mittwoch mit in den Bus-Korso in Dresdens Innenstadt eingereiht.

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Uwe Lorenz, Geschäftsführer beim Dresdner Reiseveranstalter Eberhardt Travel.
Uwe Lorenz, Geschäftsführer beim Dresdner Reiseveranstalter Eberhardt Travel. © SZ/Sandro Rahrisch

Lorenz und viele andere Reiseveranstalter, Reisebus-Unternehmer, Reisebüro-Inhaber, Reiseleiter und Stadtführer haben bereits zum vierten Mal demonstriert - nicht gegen die staatlich angeordneten Corona-Regeln, wohl aber gegen mangelnde Hilfe der Politik, wie sie finden. Eine ganze Branche, die sich im Stich gelassen fühlt, und nach wie vor keine Perspektive sieht, wann Reisen wieder so möglich sein wird wie vor der Coronakrise. 

Hupkonzert und Transparente

Kurz nach 11 Uhr startete die Demonstration mit rund 250 Teilnehmern am Hauptbahnhof. Sie trugen ein großes Banner, auf dem "Rettet die Reisebranche" und "Tourismus hält die Welt zusammen" stand. Die Route führte über den Pirnaischen Platz, die Wilsdruffer Straße, den Postplatz bis zum Theaterplatz. Am Pirnaischen Platz stießen die fahrenden Kollegen mit ihren Reisebussen dazu, die im Konvoi und hupend Runden durch die Innenstadt drehten.

Ein Hupkonzert, mit dem die Branche sagen will, dass die Kredite, die alle Touristiker beantragt hätten - und auch bekommen würden - nicht reichen, so Lorenz. Außerdem werde man sie nie zurückzahlen können. 

Bisher haben hupende Busse, die in Kolonne durch Dresdens Altstadt fuhren, allerdings nichts gebracht. "Wir stornieren absehbar 40 Millionen Euro Umsatz als Veranstalter und unsere Partner-Reisebüros verlieren auch vier Millionen Euro Provisionen", rechnet Uwe Lorenz vor. "Unsere fast 100 freischaffenden Reiseleiter sind ohne Arbeit, die Busse unserer 30 Partner-Bus-Unternehmen stehen, werden nicht abgezahlt, die Chauffeure sind in Kurzarbeit oder entlassen."

Nun stehen die Touristiker mit ihren Geld- und Zukunftssorgen nicht allein da. Mit leeren Stühlen auf Alt- und Neumarkt machten zum Beispiel die Gastronomen in den vergangenen Wochen auf ihre Krise aufmerksam. Allerdings dürfen diese inzwischen wieder Gäste bewirten, wenn auch nicht in dem Umfang, wie sie es sich gern wünschen.

Die Reisebranche sieht dagegen kaum Land. Bis Mitte Juni gilt eine weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Spanien hat angekündigt, frühstens Ende Juni wieder Touristen ins Land zu lassen. Italien und Griechenland wollen im Juli folgen. Ob die Sachsen deshalb gleich in die Reisebüros rennen? Möglicherweise bleiben Hotel-Restaurants vorerst geschlossen und gastronomische Bereiche im Freien sollen nur mit großen Lücken genutzt werden dürfen, hört man aus den südlichen Reiseländern. Für viele dürfte das nicht der Pauschalurlaub sein, den sie sich vorstellen.

Sofortiger Rettungsschirm gefordert

Was die Reisebranche um Uwe Lorenz nun von der Politik fordert, sind Soforthilfen, die sie nicht zurückzahlen müssen. "Ohne direkte, kapitalersetzende Finanzhilfen werden alle mittelständischen Reiseveranstalter- und Reisebüro-Betriebe Pleite gehen oder zu Zombie-Unternehmen, die abhängig von der Auslegung der Insolvenzordnung über Jahre tagtäglich vor der Entscheidung stehen werden, ob sie ihre Betriebe schließen." Bereits getroffen hat es den Dresdner Veranstalter Hellas Reisen, der sich auf Urlaube in Griechenland und Zypern spezialisiert hatte. 

Der Rettungsschirm müsse jetzt sofort kommen, betont Bernd Hoffmann, der für den Verein Dresdner Reisebüros spricht. Denn: Die Soforthilfen in Höhe von 9.000 Euro bis 15.000 Euro, die der Bund Unternehmen angeboten hat, reichen nicht. Und sie sind lediglich für laufende Betriebskosten wie Mieten gedacht. Für Provisionen, die zurückgezahlt werden müssen, darf das Geld nicht verwendet werden.

"Ihr Mitgefühl reicht uns auf keinen Fall"

Ob und wie schnell dieser Rettungsschirm wirklich kommen wird - unklar. Der Dresdner Reisebüro-Inhaber Rainer Maertens, der ebenfalls dem Verein angehört, hatte Ende April schon im persönlichen Gespräch mit Sachsens Tourismusministerin Barbara Klepsch (CDU) auf die Not der Branche hingewiesen. Ja, sie habe vollstes Verständnis, sagte Klepsch damals zum Bus-Konvoi, der vor den Landtag zog. Allerdings müsse der Bund der Tourismusbranche finanziell helfen. Eine "Bitte", so Klepsch, die die Landesregierung bei der Bundesregierung bereits platziert habe. Doch aus Berlin ist bisher nichts zu hören.

"Wir denken, dass den Entscheidern und Mächtigen unserer Republik und unseres Landes unsere Lage noch nicht richtig bewusst ist", reagierte Lorenz am Mittwoch verärgert. Das Mitgefühl der Politiker reiche auf keinen Fall. "Wenn jetzt keine Handlungen erfolgen, dann müssen Sie uns das begründen, sonst fassen wir das als Verschwörung auf", sagte er in Richtung Landes- und Bundesregierung. Wenn er untergehe, werde er sich gegenüber hunderten Mitarbeitern für „das Versagen unseres politischen Systems schämen“.

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