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Darum gehen sie zur Corona-Demo

Trotz Lockerungen versammelten sich auch am Pfingstwochenende mehrere Hundert Menschen am Dresdner Palaisteich. Vier von ihnen sagen, warum.

Anti-Corona Demo im Großen Garten. Foto: Sven Ellger
Anti-Corona Demo im Großen Garten. Foto: Sven Ellger © Sven Ellger

Dresden.  Sie sind wieder da. Rund 200 Menschen haben sich am Samstagnachmittag am Palaisteich im Großen Garten zusammengefunden, um gegen die Beschränkungen aufgrund des Corona-Virus zu demonstrieren. So wie schon mehrfach in den vergangenen Wochen.

Rund 200 Menschen waren gekommen,um gegen die Corona-Auflagen zu demonstrieren.
Rund 200 Menschen waren gekommen,um gegen die Corona-Auflagen zu demonstrieren. © Sven Ellger
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© SZ
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Auf Schildern, die einige der Teilnehmer trugen, stand unter anderem "Nicht Corona ist das Problem" oder "Nehmt die Masken ab! Wir sehen Euer Lachen nicht." Die Polizei verfolgt die Zusammenkunft mit zunehmendem Abstand. 

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Zum ersten Mal in den vergangenen sechs Wochen jedoch hat eine Initiative eine Demonstration angemeldet. "Das war ganz einfach", sagt Sebastian Wetzel aus Dohna. Er trägt einen weißen Kittel und eine Schutzbrille - seine Arbeitskleidung. Wetzel ist Chemielaborant. Er spricht für den Verein in Gründung "Demokatischer Widerstand", der sich zunächst in Berlin gegründet hatte, aus Protest gegen die Einschränkungen der Grundrechte im Rahmen der Bekämpfung der Corona-Epidemie. "Wir sind eine Bürgerinitiative und ich hoffe, das bleibt auch so", sagt Sebastian Wetzel.

Die Demonstration hatte das Thema "Corona-Verordnungen beenden".  Gegen 15.30 Uhr eröffnete Wetzel die Kundgebung. Zum Auftakt konnte jeder, der wollte, sagen, was ihn umtreibt - offenes Mikrofon nennt sich das Konzept. Sofort scharten sich rund 200 Zuschauer um Wetzel und seine Gruppe. Tatsächlich wurde von den spontanen Rednern ein bunter Reigen an Themen, Sorgen und Gedanken vorgetragen.

Eine Impfgegnerin etwa sagte, ein gesundes Immunsystem, eine gesunde Lebensführung und eine gesunde Psyche seien der beste Schutz gegen eine Infektion. Viele Menschen gehörten aufgrund ihres eigenen Lebensstils zur Risikogruppe, weil sie sich nicht gesund ernährten und zu wenig bewegten. "Und wenn es dann ein Problem gibt, wird geimpft", und teilweise Formaldehyd in den Körper gespritzt. Angst und Unsicherheit seien Feinde der Menschheit. 

Eine ältere Frau mit weißem Hut und Sonnenbrille nannte die Lockerungen "noch immer entwürdigend und demütigend". Ein bürgerlicher Staat ohne bürgerliche Rechte sei Faschismus, sagte sie weiter. Durch die wirtschaftlichen Folgen der Krise seien vor allem die Mittelschicht und kleine Unternehmen betroffen. Das seien diejenigen, die den meisten Widerstand leisteten. Sie sagte, diese Gruppen sollten gezielt vernichtet werden. Es gebe eine Oligarchie von weltweit 400 Familien, die ihre Macht auf die ganze Welt ausweiten wollten. "Wir sollen uns nicht austauschen können", sagte sie. "Wir könnten ja auf eigene Lösungen kommen und dann könnte diese Macht zusammenstürzen."

Andere waren weniger verschwörerisch-schwurbelig. Ein Mann las wieder einmal aus dem Grundgesetz vor. Das kam an. Viele hatten ihr Grundgesetz dabei und lasen laut mit. Eine frühere Abgeordnete der AfD stellte eine Initiative vor, weniger oder nichts mehr an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu zahlen. Zwischendurch wurde auch mal gesungen.

Manche beschwerten sich jedoch darüber, dass nur wenige Meter neben dem Mikrofon ein Foto der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck die Aufmerksamkeit der Palaisteich-Demonstranten erregen sollte. Wie schon an früheren Sonnabenden versuchte auch die Dresdner Unterstützergruppe der einschlägig verurteilten Rechtsextremistin von dem Proteststrom zu profitieren. Mit der Demo hätten diese Leute jedoch nichts zu tun, versicherte Anmelder Wetzel.

Wetzel sagte am Ende, der "Demokratische Widerstand" werde "auf jeden Fall weitere Demos organisieren." Vielleicht wieder kommenden Sonnabend im Großen Garten, vielleicht aber auch am Neumarkt, dort, wo Bürgerrechtler Henry Mattheß regelmäßig gegen die Corona-Auflagen demonstriert. "Wir gehören zusammen", sagt Sebastian Wetzel.

Die SZ fragte mehrere Teilnehmer des Treffens, warum sie gekommen sind. 

Viele Meinungen anhören

"Poesie-Tankstelle" steht in großen Lettern an Uta Hauthals Fahrrad.  Seit 23. März hat die Dresdner Schauspielerin und Sängerin nicht mehr auf der Bühne gestanden. Das bedeutet für sie nicht nur finanzielle Verluste. Sie vermisst die Auftritte und die Begegnungen mit Menschen, sagt sie. "Allerdings habe ich auch ein Kulturamt der Stadt erlebt, dass  unbürokratisch und schnell reagiert hat  und Unterstützung gezahlt hat", sagt die Künstlerin. Zum Palaisteich ist sie an diesem Samstag gekommen, weil ihr der gesellschaftliche Dialog in der Corona-Zeit fehlt. "Es gibt doch so viel Expertenwissen, das ausgewertet werden müsste, um eine Lösung für die Krise zu finden", sagt sie. Andere Meinungen dazu, wie man mit dem Virus umgehen kann, sollten gehört werden. 

Uta Hauthal wünscht sich mehr Meinungsvielfalt in der Beurteilung des Virus..
Uta Hauthal wünscht sich mehr Meinungsvielfalt in der Beurteilung des Virus.. © Sven Ellger

Infektionszahlen sprächen eindeutige Sprache

Nicht verhältnismäßig findet Udo Haufe die Einschränkungen, die aufgrund des Coronavirus von der Regierung ausgesprochen wurden. "Der Tod gehört doch wie Krankheit zum Leben dazu", sagt er. Es könne aus seiner Sicht nicht sein, dass alte Menschen in Einsamkeit sterben müssen oder nicht von ihren Enkeln besucht werden dürfen. Auch deshalb ist er gekommen. Ginge es nach dem Grafikdrucker, würde er die Schutzmaßnahmen sofort aufheben und nur für besonders gefährdete Menschen aufrechterhalten. "Die Infektionszahlen bei uns sprechen doch eine eindeutige Sprache", sagt er. "Aber ich vermute, diese Angst, die das Virus mit sich gebracht hat, bleibt uns noch lange erhalten." Er fühle sich beleidigt, wenn ihm Radfahrer mit Maske entgegenkommen. "Im Freien ist das doch völliger Unsinn, eine zu tragen."

Udo Haufe traut den Medien nicht.
Udo Haufe traut den Medien nicht. © Sven Ellger

Von vielen Seiten betrachten

Rica Pöhler betrachtet die Dinge gern von vielen Seiten, sagt sie von sich. Die Sozialpädagogin arbeitet in einer Kinderkrippe. "Ich bin hier, um meine Meinung zu sagen. Die Lockerungen sind mir zu wenig." Es seien eine Menge Menschen gestorben, aber es gebe zu wenige Informationen darüber, ob sie an Corona gestorben sind oder das Virus zwar hatten, aber aufgrund ihrer Vorerkrankungen starben. "Man muss auch ins Verhältnis setzen, dass es inzwischen aufgrund der Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen mehr Suizide als vorher gegeben hat", sagt die junge Frau. Die Zahlen dazu wisse sie von einem Freund, der in dem Bereich tätig ist. "Kinder leiden, weil sie die hinter Masken versteckten Gesichter nicht sehen", so Pöhler weiter. Sie fordert, dass der Mundschutz weg muss und dass es einen Corona-Untersuchungsausschuss geben soll, der prüfen soll, ob die Maßnahmen gerechtfertigt waren. Zudem sollten auch andere Virologen zu Wort kommen dürfen als immer nur die bisherigen. "Wir brauchen einen fairen Diskurs", sagt Rica Pöhler.

Mit einem Zitat von Sophie Scholl kam Rica Pöhler in den Großen Garten.
Mit einem Zitat von Sophie Scholl kam Rica Pöhler in den Großen Garten. © Sven Ellger

Für Meinungfreiheit

Adrian kommt seit vier Wochen zu den samstäglichen Treffen am Großen Garten, um "für unsere Grundrechte einzutreten", sagt er. Dabei hat er die kostenlose Zeitung "Demokratischer Widerstand", die sich andere Teilnehmer von seinem Fahrradanhänger nehmen. Darin wird unter anderen gefordert, dass die Einschränkungen von Grundrechten sofort aufgehoben und die soziale Insolation sowie das Kontaktverbot sofort beendet werden. "Ich bin hier, um für Versammlungs- und Meinungsfreiheit enzutreten", sagt er. Der Lockdown war aus seiner Sicht ein Fehlalarm und die Medien würden nicht über kritische Stimme dazu berichten. "Ich persönlich habe Verständnis für die ersten zwei Wochen des Lockdown, keiner wusste damals, was auf uns zukommt. Aber als die Infektionszahlen kamen, war doch klar, dass es nicht so schlimm sein kann." Sein Wunsch ist, dass die Risikogruppen weiter besonderen Schutz genießen sollen, aber für alle anderen sollten alle Beschränkungen bis spätestens zu den Sommerferien Mitte Juli aufgehoben werden. Zudem sollten auch andere Virologen gehört werden.   

Für Adrian sollte das Tragen von Mundschutz sofort abgeschafft werden.
Für Adrian sollte das Tragen von Mundschutz sofort abgeschafft werden. © Kay Haufe

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