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Politik

Corona, der Klerus und die Kirchen

Streaming, Podcasts, Skype-Gebetsräume: Sachsens Pfarrer und Pastöre üben den Spagat zwischen realer Tradition und virtueller Welt.

Pfarrer Michael Führer öffnet die Nazarethkirche in Dresden-Seidnitz täglich für eine Stunde zum persönlichen Gebet. Zudem hat er in seiner Gemeinde einen Telefondienst organisiert.
Pfarrer Michael Führer öffnet die Nazarethkirche in Dresden-Seidnitz täglich für eine Stunde zum persönlichen Gebet. Zudem hat er in seiner Gemeinde einen Telefondienst organisiert. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Es sei in der vorigen Woche gewesen. „Ich glaube, die Idee kam mir am Donnerstag.“ Pfarrer Michael Führer hatte da mit seinem achtköpfigen Team bereits die Internetseiten der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Gruna-Seidnitz in Dresden aktualisiert und Mails an Ehrenamtliche verschickt. Man habe „eine Art Krisenmanagement“ organisiert und überlegt, was für die Gemeinde das Naheliegendste sei. „Uns war schnell klar: Ein großer Teil unserer Gemeindemitglieder ist nicht mehr ganz so jung und nicht internetaffin.“ Statt YouTube-Links zu Gottesdiensten habe man deshalb Texte für Hausgottesdienste ins Netz gestellt. Streaming, Podcasts, Skype-Gebetsräume: Sachsens Pfarrer und Pastöre sind gezwungen, die Welt des Internets mit Altbewährtem zu verbinden.

„Erst als die Internetseiten fertig waren, haben wir das mit dem Telefonieren organisiert“, erzählt der 62 Jahre alte Pfarrer. Seine Verwaltungsmitarbeiterin habe eine Liste gemacht. „Da standen zunächst einmal 35 Namen drauf. Menschen, von denen wir glauben, dass sie Telefonate gebrauchen könnten.“ Und dann habe man Anrufer aus der Gemeinde gesucht. Fünf seien es derzeit. „Und die klappern jetzt die Liste ab.“

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Beichtstühle bieten keinen Infektionsschutz. Die katholische Kirche in Italien spendet das Bußsakrament nur noch im Freien. Das Bistum Dresden-Meißen hat seine Seelsorger dazu aufgerufen, die Beichte nur noch "in Notlagen und mit äußerster Vorsicht" abzun
Beichtstühle bieten keinen Infektionsschutz. Die katholische Kirche in Italien spendet das Bußsakrament nur noch im Freien. Das Bistum Dresden-Meißen hat seine Seelsorger dazu aufgerufen, die Beichte nur noch "in Notlagen und mit äußerster Vorsicht" abzun © AP

Pfarrer Führer ist weiß Gott nicht der einzige Seelsorger, der sich fragt, wie er sich um Seelen kümmern soll, wenn Gottesdienste ausfallen. Wenn Taufen, Kommunionen, Konfirmationen und Beisetzungen verschoben und Beistand für Schwerkranke zum Hochsicherheitsrisiko werden. Von einer „existenziellen Krise, in der auch die gesellschaftlichen Institutionen spürbar an ihre Grenzen stoßen“, sprechen die Bischöfe der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in einer gemeinsamen Erklärung zur Corona-Krise. Nun komme es auf jeden Einzelnen an, auf „jedes offene Ohr, jedes freundliche Wort und jede helfende Hand“.

Diese Botschaft soll unter das Kirchenvolk gebracht werden. Vor allem virtuell. Mindestens 20 evangelische Kirchgemeinden in Sachsen organisierten bereits am Sonntag Gottesdienste im Internet. Die Peterskirch-Gemeinde in Leipzig bediente sich eines Streaming-Anbieters, andere griffen auf lokale TV-Sender zurück. Die meisten wählten jedoch das Videoportal YouTube. Sie nutzten dafür entweder privat eingerichtete Accounts von Gemeindemitgliedern, oder sie hatten bereits vor der Krise einen eigenen Zugang. Auf dem Kanal der evangelisch-lutherischen Landeskirche lief der zentrale Gottesdienst mit Bischof Tobias Bilz aus der Chemnitzer Schlosskirche: 4.500 Aufrufe waren es bis zum Montagabend. Rund 2.600 Zuschauer waren es bei den  Katholiken des Bistums Dresden-Meißen, deren Bischof Heinrich Timmerevers die Sonntagsmesse in der Leipziger Propsteikirche beging.

Die Nazarethkirche von Pfarrer Michael Führer ist nur noch für persönliche Gebete geöffnet, zumindest zeitweise.
Die Nazarethkirche von Pfarrer Michael Führer ist nur noch für persönliche Gebete geöffnet, zumindest zeitweise. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Digital First, Digitales zuerst, das ist für viele Pfarrer Neuland. Man sieht das in den Gottesdienst-Aufzeichnungen. Obwohl sie leer sind, schauen manche von ihnen gewohnheitsmäßig auf die Bankreihen und nicht in die Kamera. Mal setzt der Ton aus, mal steht der Prediger in wortwörtlich falschem Licht. Mitunter reden die Geistlichen noch monotoner als sonst. Die katholische Herz-Jesu-Gemeinde in Dresden-Johannstadt teilt fast verschämt mit: „Leider gab es bei unserer ersten Gottesdienstübertragung einige Startschwierigkeiten, sodass der Livestream erst mit einer Viertelstunde Verspätung und auf einem anderem, noch schnell neu eingerichteten YouTube-Kanal startete. Für den entstandenen Frust bitten wir um Entschuldigung! Wir lernen dazu.“ Andere sind weiter: Das Kirchspiel Radebeul hat ein nahezu professionell aufbereitetes Gottesdienstvideo mit Zwischenschnitten und Untertiteln hochgeladen.

Manche Gläubige aber stoßen in diese virtuellen Welten gar nicht erst vor. „Mit dem Internet, da weiß ich gar nichts mit anzufangen. Kann ich die Predigt nicht als Brief bekommen?“ Solche Fragen bekommen Pfarrer Führer in Dresden-Seidnitz und seine freiwilligen Helfer am Telefon zu hören. „Ich habe in dieser Woche bereits fünfmal meinen Predigttext mit der Post verschickt“, sagt Führer. Er und sein Team arbeiten nach einer Arbeitshilfe, die er entwickelt hat. Sie enthält unter anderem Tipps für den Gesprächsbeginn und -ende. Oder für Impulsfragen: Fühlen Sie sich einsam? Benötigen Sie Hilfe beim Einkauf? Wie ist es mit dem Essen? Haben Sie gute Nachbarn? „Wo der Hinweis auf unsere Internetseite nicht nahe liegt, laden wir Gemeindeglieder ein, um 12.00 Uhr und um 18.00 Uhr von zuhause aus füreinander und für unser ganzes Land zu beten.“

Allein und bei geschlossener Kirche

Ziemlich genau 2.970 Mitglieder zählt Führers Gemeinde. Die Zahl der Aktiven sowie der mehr oder minder regelmäßigen Gottesdienstbesucher schätzt er auf „etwas mehr als 400“. Sie versammeln sich sonst in zwei Kirchen: in der Nazarethkirche in Seidnitz, die in einer umgebauten Scheune eines alten Dreiseithofes untergebracht ist und in der denkmalgeschützten Thomaskirche in Gruna. Beide Gotteshäuser seien von Montag bis Freitag für eine Stunde offen, sagt Führer. „Von elf bis zwölf Uhr.“ Einer aus dem Seelsorger-Team sei dann vor Ort, die Türklinken würden desinfiziert, die Gesangsbücher seien entfernt worden, Musik laufe vom Band. „Am Montag waren sieben Leute in der Nazarethkirche.“

Auch die Katholiken haben ihre Kirchen, wenn eben möglich, für das persönliche Gebet geöffnet. In diversen Gemeinden nahmen die Priester die Empfehlung ihres Bischofs auf, „die Eucharistie in Stellvertretung für die ihnen anvertrauten Gläubigen“ zu feiern. So feierte der Dippoldiswalder Pfarrer „allein und bei verschlossener Kirche“ eine Messe für die Gemeinde. Auch in der Pirnaer Pfarrei St. Heinrich und Kunigunde war das so. In Dresden-Löbtau zelebriert der Pfarrer sogar täglich „die Eucharistie für euch alle und für alle Menschen“. Im ostsächsischen Leutersdorf gab es eine Messe in der Pfarrwohnung – anzuschauen auf Facebook.

Allein und bei verschlossener Kirche feierte der Dippoldiswalder Pfarrer Gerald Kluge die Sonntagsmesse stellvertretend für die ihm anvertrauten Gläubigen.
Allein und bei verschlossener Kirche feierte der Dippoldiswalder Pfarrer Gerald Kluge die Sonntagsmesse stellvertretend für die ihm anvertrauten Gläubigen. © Karl-Ludwig Oberthuer

Wie sehr Corona das kirchliche Leben lahmlegt, zeigt das Beispiel der sorbischen St.-Benno-Pfarrei Ostro im Landkreis Bautzen: keine Proben der Schola oder des Projektchors, keine Großreinigung der Kirche, kein Familienkreuzweg am Palmsonntag, kein Seniorenvormittag, kein Erstkommunions- und Firmunterricht. Auch die Familienwallfahrt nach Rosenthal findet nicht statt. Und jetzt ist auch noch das Osterreiten abgesagt. Fast trotzig macht daher ein lyrischer Text in Kirchenkreisen die Runde: „Sonne ist nicht abgesagt; Frühling ist nicht abgesagt; Aneinander denken ist nicht abgesagt; Lesen ist nicht abgesagt; Zuwendung ist nicht abgesagt; Singen ist nicht abgesagt; Phantasie ist nicht abgesagt; Freundlichkeit ist nicht abgesagt; Gespräche sind nicht abgesagt; Hoffen ist nicht abgesagt; Beten ist nicht abgesagt.“

Insbesondere aber bei der Umsetzung ihrer Sakramente stoßen die Katholiken auf Schwierigkeiten. In den Dienstanweisungen ihres Bischofs heißt es, die Beichte solle „nur in Notlage und mit größter Vorsicht“ abgenommen werden. Bei der Krankensalbung könnten „Einweghandschuhe und weitere Schutzmittel“ angebracht sein. Zwischen der Salbung der Stirn und der Hände oder danach dürfe nicht in das Ölgefäß gefasst werden. „Wenn die Gefahr einer Verunreinigung des Öls besteht, sollte reines Pflanzenöl aus dem Haushalt“ geweiht werden. Es seien nur noch Nottaufen erlaubt, die Spendung der heiligen Kommunion sollte nur an Schwerstkranke und Sterbende geschehen.

Eben weil so vieles nicht mehr möglich ist, setzen die evangelische und katholische Kirche ganz auf die Kommunikation. „Reden ist ganz wichtig. Reden, reden, nochmals reden! Immer und immer wieder“, schreibt die Dompfarrei Dresden. „Bitte suchen Sie sich Menschen, mit denen Sie telefonieren, E-Mail schreiben oder chatten!“ Der Striegistaler Pfarrer Jörg Matthies tut kund, dass er nach dem YouTube-Gottesdienst bis 12.00 Uhr am Rechner sitze. „Ich kann direkt auf Kommentare/Anfragen reagieren.“ Das Seelsorgeteam von St. Barbara in Riesa informiert: „In diesen Zeiten kommt es auf die Konfession oder Weltanschauung überhaupt nicht an. Wir stehen allen zur Verfügung.“

Gottesdienste mit Kommentar-Funktion

Einige Gemeinden stellen Vorlagen für Kindergottesdienste online, inklusive Ausmalbilder, Suchspiele, biblische Geschichten und Lieder. „Vielleicht kann es eine besondere Zeit werden, wenn dieses Angebot nicht nur von den Kindern, sondern von der ganzen Familie genutzt wird.“ Die Dompfarrei Bautzen lädt ein, sich jeden Tag um 18 Uhr zu vernetzen „und die Situation im Gebet zu begleiten.“ Die Katholiken der Dresdner Pfarrei St. Martin haben einen Gebetsraum auf Skype eingerichtet. Im Kirchspiel Dresden-Ost gibt es Telefon-Andachten, das im Großenhainer Land produziert Podcasts. Eine Online-Christenlehre für die Kinder ist im Striegistal im Angebot. Und die Maria-Rosenkranzkönigin-Gemeinde im sorbischen Radibor hat eine tägliche Einkaufshilfe von 10 bis 14 Uhr organisiert.

Es sind nur einige wenige Pfarreien, die sich rein traditioneller Mittel bedienen: Mariä Himmelfahrt in Schirgiswalde schlägt vor, jeden Tag um 17 Uhr den Rosenkranz zu beten. Die Pfarrei Hl. Apostel Simon und Juda in Crostwitz bittet darum, „die Toiletten neben der Friedhofskapelle nur im äußersten Notfall zu benutzen“. Ansonsten empfiehlt sie zum Seelenheil Gebete zum heiligen Sebastian.

Pfarrer Markus Scholz von der katholischen Kirchgemeinde St. Barbara in Riesa glaubt, die Corona-Krise werde uns letztlich vor die Entscheidung stellen, wie die künftige Gesellschaft aussehen soll.
Pfarrer Markus Scholz von der katholischen Kirchgemeinde St. Barbara in Riesa glaubt, die Corona-Krise werde uns letztlich vor die Entscheidung stellen, wie die künftige Gesellschaft aussehen soll. © Lutz Weidler

Eine Reihe von Pfarrern stellen ihre Predigttexte ins Internet. Und geben damit Einblicke in ihr eigenes Seelenleben. „Das, was wir derzeit erleben müssen, ist eine Folge menschlichen Verhaltens und seines massiven Eingreifens in die Abläufe der Natur. Das ist Globalität pur!“, schreibt etwa der Riesaer Pfarrer Markus Scholz. Die Corona-Krise werde uns letztlich vor die Entscheidung stellen, wie die künftige Gesellschaft aussehen soll. „Eine Entscheidung entweder zu mehr Menschlichkeit, Rücksichtnahme und ehrlicher Wertschätzung oder zu mehr Ellenbogen, Rücksichtlosigkeit und dem Motto, nur der Stärkere überlebt.“ Die Freiberger Superintendantin Hiltrud Anacker stellt fest: „Die Explosion von Neuinfizierten gibt Grund zum Klagen. Es wäre vollkommen falsch, dies einfach herunterzuschlucken.“ Der Dresdner Pater Slawomir Rakus warnt vor Aktionismus. Diese Zeit berge die Gefahr, „zu denken, dass durch die Multiplizierung der Internetaktivitäten die Situation besser oder beherrschbar wird“, schreibt er. Und räumt ein: „Ich habe keine allgemeingültige theologische Interpretation der jetzigen Situation anzubieten und auch kein Rezept für einen gelingenden religiösen Alltag. Ich bin in vielen Dingen, die von mir jetzt erwartet werden, völlig überfordert.“

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Trotzdem: Von einer Untergangsstimmung wollen die meisten Seelsorger nichts wissen. Auch Pfarrer Führer nicht. „Mit unserem Telefondienst bauen wir Brücken in die Häuser“, sagt er. „Das wird wohl bis in den Sommer so hineingehen.“ Seine katholischen Glaubensbrüder sind da offenbar optimistischer. Auf der Online-Terminseite des Bistums Dresden-Meißen geht es derzeit schon am 14. April weiter: mit den Kinderchortagen in der Jugendherberge Windischleuba.

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