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Meißen

"Die Stornierungswelle geht bis September"

Vier Restaurants betreibt Karsten Müller in Meißen. Mit der SZ spricht er über seine Sorgen und Hoffnungen.

Bleibt optimistisch, trotz leerer Bänke und Tische: Gastronom Karsten Müller auf dem Balkon des Domkellers in Meißen.
Bleibt optimistisch, trotz leerer Bänke und Tische: Gastronom Karsten Müller auf dem Balkon des Domkellers in Meißen. ©  Claudia Hübschmann

Wie stellt sich die Situation in Ihrem Unternehmen dar?

Wir Gastronomen waren die ersten, deren Gaststätten geschlossen wurden und werden voraussichtlich die letzten sein, die aufmachen dürfen. Innerhalb der Müller Restaurants haben wir alles heruntergefahren und versuchen, trotzdem auf Kurs zu bleiben. Die Stornierungswelle reicht bis in den September. Unsere 35 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und halten zur Stange. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich finde es auch gut, dass sich einige von ihnen als Helfer in verschiedenen Bereichen nützlich machen. 

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Sie haben über Ostern einen Liefer- bzw. Abholservice angeboten. Wie ist das angekommen?

Es war ein erster Test, motiviert auch durch einen gewissen Zweckoptimismus. Angenommen wurde der Service gut, obwohl das ja eigentlich nicht unser Stammgeschäft ist. Die Solidarität von Stammgästen macht uns stolz und hoffnungsvoll. Wir möchten diesen Versuch deshalb über das verlängerte Wochenende mit dem 1. Mai gern wiederholen. 

Eine Dauerlösung kann es nicht sein. Dafür sind wir nicht ausgerüstet. Gegenüber den Preiskalkulationen bei Fleischern oder Liefer-Diensten befinden wir uns im Nachteil. Gastronomie lebt vom Haus, von der Identität, dem Ambiente und ist ein wichtiger Teil, um Menschen schöne Stunden bereiten zu können. Insofern sind solche Lieferdienste nur punktuell wirklich sinnvoll.

Kommen Hilfen von Land und Bund an? Hilft diese Unterstützung?

Die Krux bei den meisten Hilfen ist, dass die Kredite zwar fast zinslos sind, trotzdem fällt ja irgendwann die Tilgung an. Die Müller Restaurants haben in den letzten Jahren kräftig in ihre Gaststätten investiert. Wir haben den Ratskeller komplett saniert sowie den Domkeller. Das ging nicht ohne Kredite ab. So geht es vielen Kollegen in der Branche. Viele sind schon an der Belastungsgrenze und sollen jetzt mit einem Kredit die nicht verschuldete Situation überbrücken. 

Hinzu kommt: Das Schnitzel, welches zu Ostern oder im Frühjahr nicht verkauft wird, kann nicht zusätzlich im Herbst serviert werden. Mitnahmeeffekte gibt es nicht. Das sind enorme Umsatzverluste, die nicht zu kompensieren sind. Wir kommen aus dem Winter, einer umsatzschwachen Zeit, haben trotzdem viele Mitarbeiter gehalten, auch aus sozialer Verantwortung und um die anstehende Saison zu bewältigen, was zusätzliches Kapital gebunden hat, welches in dieser Situation fehlt. Ein Kreislauf, der mit Krediten allein nicht zu bewältigen ist.

Welche Wünsche haben Sie an die Politik?

Unser Branchenverband, die Dehoga, ist hier sehr aktiv. Ähnlich wie in Österreich oder Frankreich würden wir Gastronomen uns wünschen, dass die Mehrwertsteuer für unsere Leistungen auf sieben Prozent gesenkt wird. Das würde den Unternehmen praktisch helfen, weil somit Umsatzausfälle teilweise kompensiert, Arbeitsplätze gesichert werden und zusätzliche Belastungen aus eigener Kraft zu meistern wären. 

Ich meine, ohne die Bereitstellung von Zuschüssen oder einen Entschädigungsfond wird es nicht gehen. Ein solcher Schritt wäre auch nur fair, wenn man sich einmal ansieht, wie viel Geld einige Großkonzerne als Hilfen erhalten. Dabei sind die Gastronomie und überhaupt die Tourismusbranche in Deutschland ganz wichtige Arbeitgeber. Wenn wir nicht durchhalten, dann geht in den Innenstädten das Licht aus. 

Kann die Stadt selbst helfen?

Die Möglichkeiten der Stadt bleiben derzeit auf das Informieren und die moralische Unterstützung beschränkt. Was wir darüber hinaus leisten können, ist die Vorbereitung auf die Zeit nach der Pandemie. Wie wird es uns gelingen, die Stadt, den Tourismus zu beleben. Deshalb hat die Fraktion aus ULM, FDP, Freien Bürgern und CDU für den Stadtrat am Mittwoch beantragt, das Marketing-Budget für dieses Jahr um 70.000 Euro aufzustocken. Mit Hilfe dieses zusätzliches Budget sollen die Verantwortlichen in die Lage versetzt werden, noch besser zu agieren und nicht nur zu reagieren. Wer Urlaub machen will, wird dies nur im eigenen Land tun können. Wenn es uns gelingt, noch mehr Gäste aus Sachsen für Meißen und die Region zu begeistern, würde das der Stadt gut tun. 

Was erhoffen Sie sich von der Nach-Corona-Zeit?

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Wir würden uns natürlich wünschen, dass die Solidarität weiter trägt, die wir zu Ostern erfahren haben. Es gibt auch die Hoffnung, dass einige Familienfeiern und ähnliche Veranstaltungen nachgeholt werden. Wir dürfen uns aber keiner übertriebenen Illusionen hingeben: Die Welt wird nach der Corona-Krise eine andere sein. Abzuwarten bleibt zum Beispiel, welche Abstandsregeln für Gaststätten gelten. Egal, wie sie ausfallen, unser volles Potenzial werden wir damit nicht ausschöpfen können.

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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