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"In Dresden herrscht die Ischgl-Angst"

Die Cocktails liegen auf Eis, Bars sind zu oder laufen im Notbetrieb. Ulf Neuhaus kennt die Szene und ihre Probleme mit Corona. Welche Chance hat sie noch?

Ulf Neuhaus im Herzen der Neustadt: Das Kneipenleben läuft im Dresdner Szeneviertel noch nicht wieder rund. Bars und Clubs müssen geschlossen bleiben oder sind im Corona-Notbetrieb.
Ulf Neuhaus im Herzen der Neustadt: Das Kneipenleben läuft im Dresdner Szeneviertel noch nicht wieder rund. Bars und Clubs müssen geschlossen bleiben oder sind im Corona-Notbetrieb. © Sven Ellger

Dresden. Gin Tonic to go geht, wenn nichts geht. Wenn die Türen der Bars geschlossen bleiben. Wenn Cocktails lediglich durchs Fenster gereicht werden wie Softeis. Aber das ist kein Ersatz. Nicht für die Nächte am Tresen, in denen der Chef dahinter Mixturen kredenzt, die eine Erhellung sind, bevor die Umnachtung einsetzt. Nie zuvor kannte man diesen oder jenen Drink oder hätte ihn niemals versucht. Aber der Barkeeper, Mann des Vertrauens, schöpft seinen Bildungsauftrag voll aus.

Bar ist nicht gleich Bar. In den Guten darunter erleben die Gäste genau das: Geselligkeit, Genuss, Entspannung und jede Menge Kreativität. Dafür sitzen die Leute eng beieinander und schauen gern auch beim Shaken zu. Das alles geht zurzeit nicht. Denn anders als die Restaurants, dürfen Bars und Clubs noch nicht wieder öffnen.

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"Laut Allgemeinverfügung zum Vollzug des Infektionsschutzgesetzes ist es verboten. Doch die Definition ist schwierig", sagt Ulf Neuhaus. Wer eine pure Bar betreibt, hat meist wenig Platz und kann den Sicherheitsabstand von anderthalb Metern kaum einhalten. "Das Sitzen oder Stehen an der Bar ist generell verboten", erklärt der Präsident und Geschäftsführer der Deutschen Barkeeper-Union. Dort kämen sich Gäste gegenseitig und den Zutaten für Cocktails zu nahe.  

"Etliche Barbetreiber helfen sich damit, indem sie den Tresen sperren, die Tische auf Distanz stellen und dort auch servieren", weiß er. Das erfordert jedoch etwas mehr Raum, als viele haben, und muss sich am Ende lohnen. "Ich weiß von etlichen Inhabern, dass es sich nicht rechnet, so wenige Gäste bedienen zu können." Etliche setzen auf Straßenverkauf oder haben ein Cocktail-Liefertaxi eingerichtet. Doch selbst die, die es jetzt mit einer Art Restaurantbetrieb versuchen, kommen kaum auf ihr Geld. "Egal, mit wem ich rede, alle bestätigen mir, dass sie nur 30 bis 40 Prozent von dem einnehmen, was vor Corona üblich war." 

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Seit acht Jahren ist Ulf Neuhaus Chef der Deutschen Barkeeper Union. Daneben hat er sich mit einem Veranstaltungsservice selbstständig gemacht. "Ich bin beispielsweise beim Pichmännelfest derjenige, der dafür sorgt, dass das Bier läuft", sagt er. Und das tut es. Wer das Dresdner Oktoberfest kennt, weiß das. Also lief es auch für Neuhaus gut. Doch seit die Pandemie Unvorstellbares zur Realität gemacht hat, dreht sich in seinem Geschäft kein Rad. Zum Glück lebt der 56-Jährige nicht allein davon.

Wenn sich Ulf Neuhaus vorstellt, er betreibe noch seine frühere Bar, wird ihm ganz anders zumute. Direkt nach der Wende eröffnete der gelernte Koch nach zehn Jahren in seinem Beruf den ersten eigenen Laden, ein Bistro auf der Königstraße. Vier Jahre später stand er hinterm Tresen der Newtown Bar, auch sie sein Laden, mehr als 20 Jahre lang. Inzwischen hat er sie seiner Tochter und seinem Schwiegersohn übergeben. So weiß er aus der eigenen Familie, wie hart diese Zeit für Barbetreiber ist. "Im Newtown kann man Billard spielen, das ist erlaubt. Aber zu wenige Gäste nehmen das wahr." So wie zu wenige Dresdner Lokale besuchen, um zu essen, zu trinken und fröhlich zusammen zu sein.

"Sie haben Angst", sagt Ulf Neuhaus, "Das ist die Ischgl-Angst." In einer Bar des österreichischen Ski-Ortes hatten sich zahlreiche Urlauber mit Corona infiziert. Die Bilder von dicht gedrängt Feiernden gingen durch die Medien. Zu diesen Eindrücken komme die Unsicherheit, was erlaubt ist und was nicht. Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass sie einen unbeschwerten Abend genießen, wenn die Bedienung Mundschutz trägt und die Tische wie in der Bahnhofshalle stehen. Auch die finanzielle Situation vieler Menschen, die in Kurzarbeit waren oder es noch sind, wirke sich aus. Es fehlt das Geld zum Ausgeben. Außerdem mangelt es an Touristen in der Stadt.

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Seit Anfang an engagiert sich Ulf Neuhaus für die Initiative "Leere Stühle". Sie entstand Anfang April in Dresden und macht mit groß angelegten Aktionen auf die prekäre Situation des Gastgewerbes aufmerksam. Die Politik reagierte darauf mit Unterstützungen wie dem Verzicht auf die Gebühren für Tische und Stühle im öffentlichen Raum und die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in Lokalen.

"Nichts davon nützt den Bar- und Clubbetreibern etwas", sagt Ulf Neuhaus. Kaum eine Bar, kaum ein Club hat einen Biergarten. Kaum ein Club und kaum eine Bar bietet Speisen an. Zwar greife die Soforthilfe des Bundes. Doch es gibt wenig Hoffnung, dass das Geschäft wieder brummt, wenn der Zuschuss aufgebraucht ist - wenn es je denn gebrummt hat.

"Sicher sollte man für schlechte Zeiten Rücklagen bilden, und manchen ist das auch gelungen", sagt Ulf Neuhaus. In der Gastwirtschaft seien aber laufend Investitionen nötig. Außerdem finanzieren Wirte häufig mit dem guten Saisongeschäft die miesen Monate mit. "Selbst wer so viel Erspartes hat, dass er zwei, drei Monate ohne Einnahmen um die Runden kommt, wird bald wirtschaftlich erschöpfen." 

Deshalb werden die leeren Stühle auch weiterhin aufgestellt. Die nächste Aktion ist schon geplant und wird bald bekannt gegeben. "Wir fordern einen Rettungsschirm wie ihn die Lufthansa bekommt", kündigt Neuhaus an. Mehr als zwei Millionen Menschen seien in Deutschland im Gastgewerbe beschäftigt. "Über 60 Milliarden Umsatz macht die Branche normalerweise." Mehr als die Hälfte fällt auf längere Sicht aus. Davon sind auch der Bäcker, der Florist, die Reinigungsfirma und andere Zulieferer von nebenan betroffen. Eine fatale Kettenreaktion.

Von einer natürlichen Marktbereinigung will Ulf Neuhaus nichts hören. "Sicherlich findet die statt, aber fies finde ich das Gerede darüber trotzdem." Schließlich gehe jeder, der ein neues Unternehmen gründe, mit großem Enthusiasmus daran. "Deshalb hat jeder eine Chance verdient."

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